Soziologische Theorie · Paradigma

Rational Choice & Handlungstheorien

Wie gesellschaftliche Bedingungen individuelle Entscheidungen prägen und aus Handlungen soziale Strukturen entstehen.

Rational-Choice- und Handlungstheorien setzen bei den handelnden Akteuren an. Gesellschaftliche Phänomene werden aus den Handlungen von Menschen erklärt, die sich in bestimmten Situationen zwischen unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten entscheiden. Welche Alternative gewählt wird, hängt von den Zielen und Erwartungen der Akteure ebenso ab wie von den sozialen Bedingungen, unter denen sie handeln.

Im Zentrum steht die Leitfrage:

Wie lassen sich soziale Phänomene aus den Entscheidungen handelnder Akteure unter gegebenen Bedingungen erklären?

Die Perspektive verbindet damit zwei Analyseebenen: Gesellschaftliche Strukturen beeinflussen die Situationen und Handlungsmöglichkeiten von Akteuren; aus deren Handlungen entstehen wiederum soziale Folgen, die gesellschaftliche Strukturen stabilisieren oder verändern können.

Merkzettel

Rational Choice & Handlungstheorien

Paradigma: Handlungstheoretische und Rational-Choice-orientierte Perspektive

Analyseebene: Mikro-Makro-Verknüpfung; individuelles Handeln als Ausgangspunkt zur Erklärung sozialer Phänomene

Zentrale Vertreter: Max Weber, James S. Coleman, Hartmut Esser

Kernprämissen:

  1. Soziale Phänomene entstehen durch das Handeln individueller Akteure unter bestimmten sozialen Bedingungen.
  2. Akteure verfügen über Ziele, Erwartungen und Handlungsmöglichkeiten und wählen zwischen verfügbaren Alternativen.
  3. Die Verbindung individueller Handlungen kann kollektive Folgen hervorbringen, die von keinem einzelnen Akteur beabsichtigt sein müssen.

Zentrale Begriffe: Handlung, Akteur, Situation, Präferenzen, Erwartungen, Handlungsalternativen, Nutzen, Restriktionen, Mikro-Makro-Verknüpfung

Gesellschaftsbild: Gesellschaftliche Strukturen bilden Bedingungen individuellen Handelns und entstehen beziehungsweise reproduzieren sich zugleich aus miteinander verbundenen Handlungen.

Methodologische Orientierung: Erklärende Rekonstruktion sozialer Phänomene über Situationsbedingungen, Handlungsentscheidungen und deren individuelle und kollektive Folgen

Leitfrage: Wie lassen sich soziale Phänomene aus den Entscheidungen handelnder Akteure unter gegebenen Bedingungen erklären?

Ausgangsproblem: Wie wird aus individuellem Handeln Gesellschaft?

Soziologische Erklärungen beziehen sich häufig auf Phänomene, die oberhalb einzelner Personen liegen: soziale Normen, Institutionen, Märkte, Organisationen, Ungleichheiten oder kollektive Konflikte. Solche Phänomene handeln jedoch nicht selbst. Handlungstheoretische Ansätze fragen deshalb danach, wie gesellschaftliche Strukturen auf das Handeln von Menschen einwirken und wie aus vielen einzelnen Handlungen wiederum gesellschaftliche Ergebnisse entstehen.

Die Erklärung bewegt sich damit zwischen Mikro- und Makroebene. Gesellschaftliche Bedingungen strukturieren Situationen, in denen Akteure handeln. Ihre miteinander verbundenen Handlungen erzeugen anschließend Folgen, die sich auf gesellschaftlicher Ebene beobachten lassen.

Handeln und soziale Bedingungen

Handlungstheoretische Ansätze gehen nicht davon aus, dass Menschen unabhängig von ihrer sozialen Umwelt entscheiden. Welche Handlungsmöglichkeiten überhaupt bestehen, welche Ziele erreichbar erscheinen und welche Folgen erwartet werden, hängt von den jeweiligen sozialen Bedingungen ab.

Institutionen, Normen, Ressourcen und soziale Positionen begrenzen und ermöglichen Handlungen. Zwei Personen können deshalb vor derselben abstrakten Entscheidung stehen, ohne tatsächlich über dieselben Alternativen zu verfügen.

Handlungstheorie verbindet damit Struktur und Akteur: Strukturen bestimmen Handlungen nicht vollständig, bilden aber Bedingungen, unter denen Akteure Entscheidungen treffen.

Von Weber zur erklärenden Handlungstheorie

Max Weber machte das soziale Handeln zu einem zentralen Gegenstand der Soziologie. Soziologische Erklärung setzt für ihn am subjektiv gemeinten Sinn an, den Handelnde mit ihrem Verhalten verbinden. Dabei unterschied Weber unterschiedliche Formen sozialen Handelns, darunter zweckrationales, wertrationales, affektuelles und traditionales Handeln.

Damit ist Weber kein Rational-Choice-Theoretiker im heutigen Sinne. Seine Handlungstypologie zeigt gerade, dass menschliches Handeln nicht auf zweckrationale Kalkulation reduziert werden kann. Gleichwohl bildet die Orientierung am handelnden Akteur einen wichtigen Ausgangspunkt späterer handlungstheoretischer Erklärungsprogramme.

Rational Choice

Rational-Choice-Ansätze präzisieren die Erklärung von Handlungsentscheidungen. Akteure stehen demnach vor unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten, die mit erwarteten Folgen verbunden sind. Sie bewerten diese Alternativen vor dem Hintergrund ihrer Ziele beziehungsweise Präferenzen und ihrer Erwartungen darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Folgen eintreten.

Rationales Handeln bedeutet dabei nicht notwendig, dass Menschen objektiv die beste Entscheidung treffen oder vor jeder Alltagshandlung bewusst Kosten und Nutzen berechnen. Entscheidend ist vielmehr, dass Handlungen unter Berücksichtigung der subjektiv wahrgenommenen Situation, der verfügbaren Alternativen und der erwarteten Folgen erklärbar werden.

Menschen können sich irren, unvollständige Informationen besitzen oder mit stark eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten konfrontiert sein. Eine Entscheidung kann deshalb aus Sicht eines Akteurs nachvollziehbar sein, obwohl sie für einen außenstehenden Beobachter wenig sinnvoll erscheint.

Präferenzen, Erwartungen und Restriktionen

Für eine Rational-Choice-Erklärung reicht es nicht aus festzustellen, dass ein Akteur etwas „wollte“. Erklärt werden muss vielmehr, welche Alternativen in einer Situation verfügbar waren, welche Folgen der Akteur mit ihnen verband und welche Bedeutung diese Folgen für ihn hatten.

Soziale Bedingungen können dabei als Restriktionen wirken. Einkommen, Bildung, rechtliche Regeln, soziale Erwartungen oder die Reaktionen anderer Menschen verändern die Kosten und Chancen unterschiedlicher Handlungsalternativen.

Gerade deshalb muss Rational Choice nicht im Gegensatz zu einer Analyse gesellschaftlicher Strukturen stehen. Strukturen werden vielmehr relevant, weil sie die Bedingungen verändern, unter denen Akteure entscheiden.

Praxisbeispiel: Die Begrüßung

Eine neue Kollegin betritt einen Seminarraum. Eine anwesende Person kann ihr die Hand reichen, sie lediglich grüßen, ihr zunicken oder die Begrüßung ganz unterlassen.

Aus handlungstheoretischer Perspektive stellt sich zunächst die Frage, welche Handlungsalternativen der Person in dieser Situation zur Verfügung stehen und welche Bedeutung sie ihnen beimisst. Sie erwartet beispielsweise, dass ein freundlicher Gruß die weitere Zusammenarbeit erleichtert, während ein demonstratives Ignorieren als unhöflich wahrgenommen werden und soziale Kosten verursachen könnte.

Die Situation ist zugleich sozial strukturiert. Ob ein Handschlag angemessen erscheint, kann von institutionellen Gepflogenheiten, dem Verhältnis der Beteiligten, kulturellen Erwartungen und bisherigen Erfahrungen abhängen. Diese Bedingungen verändern die wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten und die erwarteten Folgen.

Dass die Person grüßt, muss dabei keineswegs Ergebnis einer bewusst durchgerechneten Kosten-Nutzen-Analyse sein. Routinen und soziale Normen können selbst Bestandteil der Handlungssituation sein. Handlungstheoretisch interessant ist vielmehr, unter welchen Bedingungen bestimmte Handlungsalternativen für einen Akteur plausibel werden.

Von der Mikro- zur Makroebene

Eine zentrale Herausforderung handlungstheoretischer Soziologie besteht darin, individuelle Handlungen mit gesellschaftlichen Phänomenen zu verbinden. James S. Coleman hat diese Verbindung besonders systematisch herausgearbeitet.

Gesellschaftliche Bedingungen beeinflussen zunächst die Situationen individueller Akteure. Diese handeln auf Grundlage ihrer jeweiligen Möglichkeiten und Erwartungen. Weil die Handlungen vieler Menschen miteinander verbunden sind, entstehen daraus kollektive Ergebnisse. Diese können wiederum neue gesellschaftliche Bedingungen schaffen.

Ein klassisches Beispiel sind unbeabsichtigte kollektive Folgen. Wenn viele Menschen unabhängig voneinander eine für sie jeweils nachvollziehbare Entscheidung treffen, kann daraus ein gesellschaftliches Ergebnis entstehen, das niemand beabsichtigt hat. Individuelle Rationalität garantiert daher keineswegs ein gesellschaftlich optimales Ergebnis.

Normen und Institutionen

Normen stellen für Rational-Choice-Ansätze eine besondere Herausforderung dar. Menschen halten sich häufig an Regeln, obwohl ein unmittelbarer materieller Vorteil nicht erkennbar ist. Handlungstheoretische Erklärungen können Normen jedoch auf unterschiedliche Weise berücksichtigen.

Normen verändern beispielsweise die erwarteten Folgen einer Handlung, weil ihre Verletzung soziale Sanktionen nach sich ziehen kann. Sie können zugleich so stark internalisiert sein, dass ihre Befolgung selbst zu den Präferenzen eines Akteurs gehört. Institutionen strukturieren darüber hinaus Handlungssituationen, indem sie bestimmte Optionen ermöglichen, erschweren oder ausschließen.

Damit lässt sich soziale Ordnung als Ergebnis miteinander verbundener Handlungen erklären, ohne vorauszusetzen, dass sämtliche Akteure dieselben Werte oder Ziele teilen.

Methodologische Orientierung

Rational-Choice- und erklärende Handlungstheorien streben häufig nach möglichst präzisen Mechanismen, die gesellschaftliche Bedingungen mit individuellen Handlungen und kollektiven Folgen verbinden. Eine Erklärung soll nicht bei der Feststellung stehen bleiben, dass zwei gesellschaftliche Merkmale miteinander zusammenhängen, sondern zeigen, durch welche Handlungsprozesse dieser Zusammenhang zustande kommt.

Methodisch sind damit keine einzelnen Verfahren zwingend vorgegeben. Handlungstheoretische Hypothesen können mit Umfragedaten, Experimenten, Beobachtungen, historischen Daten oder qualitativen Untersuchungen geprüft werden. Rational-Choice-Ansätze verwenden darüber hinaus teilweise formale Modelle und spieltheoretische Überlegungen.

Bedeutung für die Kriminologie

In der Kriminologie haben Rational-Choice-Ansätze besondere Bedeutung für die Erklärung konkreter Tatentscheidungen gewonnen. Straftaten können danach als Handlungsalternativen betrachtet werden, deren erwartete Chancen, Kosten und Risiken aus Sicht potenzieller Täter von der jeweiligen Situation abhängen.

Besonders deutlich wird dies in der Rational-Choice-Perspektive von Derek Cornish und Ronald Clarke. Sie richtet den Blick weniger auf eine allgemeine kriminelle Persönlichkeit als auf konkrete Entscheidungen in konkreten Situationen. Tatgelegenheiten, erwarteter Gewinn, Aufwand und Entdeckungsrisiko können beeinflussen, ob und wie eine Straftat begangen wird.

Diese Überlegungen bilden zugleich eine wichtige Grundlage situativer Kriminalprävention. Wenn Situationen so verändert werden, dass Straftaten schwieriger, riskanter oder weniger lohnend erscheinen, können sich auch Handlungsentscheidungen verändern.

Die Perspektive bedeutet jedoch nicht, dass Straftäter stets kühl kalkulierende Nutzenmaximierer sind. Entscheidungen können unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen, unter emotionalem Einfluss oder innerhalb stark eingeschränkter Alternativen getroffen werden. Entscheidend ist die Frage, wie die konkrete Handlungssituation aus Sicht des Akteurs beschaffen ist.

Theoretische Einordnung

Rational-Choice- und Handlungstheorien unterscheiden sich von strukturfunktionalistischen Ansätzen vor allem durch die Richtung der Erklärung. Gesellschaftliche Strukturen und Institutionen werden nicht allein aus ihrer Funktion für ein soziales System erklärt. Gefragt wird vielmehr danach, wie sie auf Handlungssituationen einwirken und durch miteinander verbundene Handlungen hervorgebracht oder reproduziert werden.

Zum Symbolischen Interaktionismus besteht eine gemeinsame Orientierung am handelnden Akteur. Der Schwerpunkt ist jedoch unterschiedlich. Der Symbolische Interaktionismus untersucht insbesondere, wie Bedeutungen in sozialen Interaktionen entstehen und ausgehandelt werden. Rational-Choice-Ansätze versuchen stärker, Entscheidungen aus Präferenzen, Erwartungen, Handlungsalternativen und situativen Bedingungen zu erklären.

Der breite Begriff der Handlungstheorie darf dabei nicht mit Rational Choice gleichgesetzt werden. Webers verstehende Soziologie, interpretative Handlungstheorien und Rational-Choice-Modelle teilen die Orientierung am sozialen Handeln, unterscheiden sich aber erheblich darin, wie sie dessen Sinn, Entstehung und Erklärung konzipieren.

Zentrale Schlüsselwerke der Rational-Choice- und Handlungstheorien

  • Max Weber – Wirtschaft und Gesellschaft (1921/22)
  • James S. Coleman – Foundations of Social Theory (1990)
  • Hartmut Esser – Soziologie. Allgemeine Grundlagen (1993)

Die Werke markieren unterschiedliche Stationen handlungstheoretischer Soziologie: Weber begründet eine Soziologie, die soziales Handeln deutend verstehen und ursächlich erklären will; Coleman entwickelt ein systematisches Modell zur Verbindung von gesellschaftlichen Bedingungen, individuellen Handlungen und kollektiven Folgen; Esser verbindet handlungstheoretische Erklärungen mit einem umfassenden Programm erklärender Soziologie.

Fazit

Rational-Choice- und Handlungstheorien nehmen gesellschaftliche Strukturen ernst, beginnen ihre Erklärung sozialer Phänomene jedoch bei handelnden Akteuren. Menschen treffen Entscheidungen innerhalb sozial strukturierter Situationen, in denen ihnen bestimmte Möglichkeiten offenstehen und andere verschlossen bleiben.

Ihre besondere Stärke liegt in der Verbindung von Mikro- und Makroebene. Gesellschaftliche Bedingungen beeinflussen individuelles Handeln; die miteinander verbundenen Handlungen vieler Menschen erzeugen wiederum kollektive Folgen, die gesellschaftliche Strukturen stabilisieren oder verändern können.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, warum ein Mensch auf eine bestimmte Weise handelt, sondern ebenso: Wie entstehen aus vielen einzelnen Handlungen gesellschaftliche Strukturen und soziale Folgen, die niemand allein geplant hat?

Einordnung

Personen

Geprägt vonMax Weber