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Anomie-/ Druck-Theorien

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2026 | Veröffentlicht: 2. Juni 2018 von Christian Wickert

Anomietheorien beschäftigen sich mit der Frage, warum in bestimmten Gesellschaften oder historischen Epochen Normbrüche deutlicher auftreten als in anderen. Im Augenmerk der Betrachtung steht die Verknüpfung von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. mit der Sozialstruktur der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.. Kriminalität entsteht gemäß der Anomietheorien insbesondere als Folge des Drucks, der von der Ungleichverteilung der sozio-ökonomischen Ressourcen in der Gesellschaft ausgeht. Anomie (wörtlich: Gesetzlosigkeit) lässt sich somit als gestörte Stabilität in der Gesellschaft aufgrund deren Ungleichheit in der SozialstrukturDie Sozialstruktur beschreibt den grundlegenden Aufbau einer Gesellschaft in ihren sozialen Beziehungen, Gruppen und Institutionen. Sie umfasst die Verteilung von Ressourcen, Macht und Status sowie die sozialen Positionen und Rollen der Mitglieder einer Gesellschaft. bzw. fehlenden individuellen oder kollektiven Anpassungsstrategien an sich verändernde soziale Tatbestände bezeichnen.

Die Anomietheorien sind Teil der Kriminalitätstheorien und zählen zu den makrosoziologischen Erklärungsansätzen von Kriminalität.

Entstehung und Entwicklung der Anomietheorien

Als Wegbereiter der AnomietheorieDie Anomietheorie beschreibt gesellschaftliche Zustände, in denen normative Orientierungen und soziale Regeln ihre Verbindlichkeit verlieren, was zu einem Anstieg von abweichendem Verhalten und Kriminalität führen kann. gilt Émile Durkheim, der den Begriff der Anomie erstmals im Kontext seiner Analyse der modernen Gesellschaft entwickelte. In seiner Studie zur Arbeitsteilung beschreibt er AnomieZustand der Normlosigkeit, in dem gesellschaftliche Normen und Werte ihre regulierende Wirkung verlieren. als Zustand gestörter sozialer Ordnung, der aus den tiefgreifenden Umbrüchen der Industrialisierung resultiert.

Die rasch fortschreitende Differenzierung sozialer Rollen und ökonomischer Strukturen führt – so Durkheim – zu einer Schwächung verbindlicher Normen und Werte. In der Folge verlieren gesellschaftliche Regeln ihre regulierende Kraft, was sich in gesteigertem Wettbewerb, Unsicherheit und Desintegration äußert. Durkheim vertieft diese Überlegungen in seinem Werk Der Selbstmord (1897), in dem er Anomie als zentrale Ursache für erhöhte Suizidraten in modernen Gesellschaften empirisch nachweist.

Besteht eine Diskrepanz zwischen kulturellen (vorrangig ökonomischen) Zielen und gegebenen Möglichkeiten diese Ziele zu verwirklichen, erwächst hieraus eine strukturelle Belastung. Normschwächung, Anomie und schließlich eine erhöhte Kriminalitätsrate sind die Folge.

Als Hauptvertreter der Anomietheorie gilt Robert K. Merton, der Durkheims Überlegungen unter den Bedingungen moderner Industriegesellschaften weiterentwickelte. Seine zentralen Annahmen formulierte er erstmals 1938 und führte sie in seinem einflussreichen Werk Social Structure and Anomie (1949) systematisch aus.

Unter dem Einfluss der Chicagoer Schule und des Symbolischen Interaktionismus rückte Merton stärker die gesellschaftlichen Bedingungen von Integration und sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. in den Blick. Im Zentrum seiner Theorie steht die strukturelle Spannung (strain), die aus der Diskrepanz zwischen kulturell vorgegebenen Zielen – insbesondere materiellem Erfolg – und den sozial ungleich verteilten legitimen Mitteln zu deren Erreichung entsteht.

Kriminalität erscheint in dieser Perspektive als eine mögliche Anpassungsreaktion (z. B. Innovation, Rückzug oder Rebellion) auf diese Spannung: Wenn Individuen gesellschaftlich anerkannte Ziele nicht auf legitimen Wegen erreichen können, greifen sie auf alternative – auch illegitime – Strategien zurück. Mertons Ansatz zählt bis heute zu den einflussreichsten Theorien der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. und bildet den Ausgangspunkt zahlreicher Weiterentwicklungen, etwa in der Subkulturtheorie oder der General Strain Theory.

So wurden sie häufig in andere KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. integriert (wie bei Cohens Subkulturtheorie, Cloward & Ohlins Theorie der differentiellen Gelegenheiten oder Greenbergs Alterstheorie) oder aber beispielhaft für alle Arten der ätiologischen Kriminalitätserklärung kritisiert (wie durch den Labeling Approach geschehen).

Zudem erfuhr die Anomietheorie einige Neuformulierungen und erweiternden Interpretationen: Rosenfeld & Messner beschäftigten sich mit dem Thema der Anomie, weil sie Mertons Ausführungen nicht befriedigend empfanden: In ihrer Institutionellen Anomietheorie erweitern sie das Anomiekonzept um die Einflüsse von Ökonomie und gesellschaftlicher Institutionen.
Auch Robert Agnews Ausführungen zur General Strain Theory basieren auf Mertons Anomietheorie. Im Gegensatz zu Merton, der das Auftreten anomischer Zustände ausschließlich von der Verteilung und dem Zugang zu ökonomischen Ressourcen abhängig erklärt, benennt Agnew auch andere, vielfältige Faktoren, die ursächlich für Stress und Belastung (strain) und somit für Kriminalität sein können.
Diese Weiterentwicklungen zeigen, dass Anomietheorien nicht nur strukturelle Bedingungen, sondern auch individuelle Wahrnehmungen und Bewertungen von Belastung berücksichtigen – und damit eine Brücke zu interaktionistischen Perspektiven schlagen.

Theoretische Einordnung
Anomietheorien sind eng mit dem Strukturfunktionalismus verbunden, wie er insbesondere in Talcott Parsons’ The Social System (1951) ausgearbeitet wurde. Sie gehen davon aus, dass gesellschaftliche Ordnung auf stabilen NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. und Institutionen beruht. Kriminalität erscheint in dieser Perspektive als Ausdruck gestörter sozialer Ordnung. Kommt es – etwa durch soziale Ungleichheit oder strukturelle Spannungen – zu solchen Störungen, entstehen Anpassungsprobleme, die sich auch in abweichendem Verhalten äußern.

Vergleich zentraler Anomietheorien

Die verschiedenen Anomietheorien unterscheiden sich nicht nur historisch, sondern auch systematisch in ihren Annahmen über Ursachen, Ebenen und Mechanismen von Kriminalität. Die folgende Übersicht ermöglicht einen direkten Vergleich zentraler Ansätze:

TheorieZentrale AnnahmeUrsache von KriminalitätEbeneBesonderheit
DurkheimNormauflösungSchwächung sozialer RegelnMakroBegriff der Anomie
MertonZiel-Mittel-Diskrepanzsoziale UngleichheitMakroAnpassungstypen
Agnewindividuelle Belastungemotionale Reaktionen auf StrainMikroErweiterung des Strain-Begriffs
Messner & RosenfeldInstitutionelle DominanzÜbergewicht der ÖkonomieMakroinstitutionelle Perspektive

Deutlich wird, dass sich die Theorien von strukturellen Erklärungen (Durkheim, Merton) hin zu stärker individualisierten Perspektiven (Agnew) entwickeln. Gleichzeitig erweitern neuere Ansätze die Analyse um institutionelle Rahmenbedingungen.

Anomietheorien sind zentrale makrosoziologische Erklärungsansätze von Kriminalität, die insbesondere die RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. von sozialer Ungleichheit betonen.

Die Anomietheorien stehen in enger Verbindung zu klassischen soziologischen Theorien. Während der Strukturfunktionalismus gesellschaftliche Ordnung als Ergebnis stabiler Normen versteht, betont der Symbolische Interaktionismus stärker die subjektive Verarbeitung von Belastungen und Zuschreibungsprozesse.

Anwendungsbezug: Welche Formen von Kriminalität erklären Anomietheorien?

Anomietheorien eignen sich besonders zur Erklärung von Kriminalität, die aus strukturellen Spannungen und sozialer Ungleichheit hervorgeht. Im Fokus stehen dabei weniger individuelle Pathologien als vielmehr gesellschaftliche Bedingungen, die normabweichendes Verhalten begünstigen.

  • Eigentums- und Vermögensdelikte: etwa Diebstahl oder Betrug als Reaktion auf begrenzte legitime Mittel zur Zielerreichung (Merton)
  • Jugenddelinquenz: insbesondere in sozial benachteiligten Milieus (Cohen, Cloward & Ohlin)
  • GewaltkriminalitätUnter Gewaltkriminalität werden Straftaten verstanden, bei denen physische Gewalt gegen Personen angewendet oder angedroht wird.: als Reaktion auf Frustration und Belastung (Agnew)
  • Wirtschafts- und Systemkriminalität: im Kontext institutioneller Fehlanreize (Messner & Rosenfeld)

Weniger geeignet sind Anomietheorien zur Erklärung von Kriminalität, die stark situativ, interaktiv oder durch unmittelbare soziale Kontrolle geprägt ist. Hierzu zählen etwa spontane Gewaltdelikte, gruppendynamische Prozesse oder Zuschreibungsprozesse, wie sie in interaktionistischen Ansätzen oder Kontrolltheorien im Vordergrund stehen.

Schlüsselwerke der Anomietheorien
• Émile Durkheim – Der Selbstmord (1897)
• Robert K. Merton – Social Structure and Anomie (1949)
• Talcott Parsons – The Social System (1951)
• Albert K. Cohen – Delinquent Boys (1955)
• Messner & Rosenfeld – Crime and the American Dream (1994)

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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Anomie, Anomietheorie, Devianz, Émile Durkheim, Jugendkriminalität, Kriminalitätstheorien, Robert Agnew, Robert Merton, soziale Ungleichheit, Sozialstruktur, Strain Theory

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    Émile Durkheim
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    Robert K. Merton
  • General Strain Theory
    Robert Agnew
  • Institutionelle Anomietheorie
    Steven F. Messner & Richard Rosenfeld
  • Quiz zu Anomietheorien

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SozTheo wurde als private Seite von Prof. Dr. Christian Wickert, Dozent für die Fächer Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, erstellt. Die hier verfügbaren Beiträge und verlinkten Artikel spiegeln nicht die offizielle Meinung, Haltung oder Lehrpläne der HSPV NRW wider.

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