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Sie befinden sich hier: Home / Soziologie / Soziologische Theorien – Eine systematische Landkarte zentraler Paradigmen / Poststrukturalismus

Poststrukturalismus

Zuletzt aktualisiert: 2. März 2026 | Veröffentlicht: 2. März 2026 von Christian Wickert

Der Poststrukturalismus ist ein gesellschaftstheoretisches Paradigma, das soziale Wirklichkeit als historisch kontingentes Geflecht von Macht- und Wissensordnungen versteht. GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. entsteht nicht durch stabile Strukturen oder universelle Wahrheiten, sondern durch diskursive Praktiken, die festlegen, was als wahr, normal und legitim gilt.

Im Zentrum steht die Leitfrage:

Wie werden Wahrheit, IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. und soziale Ordnung durch Macht-Wissens-Komplexe hervorgebracht?

Der Ansatz verschiebt damit die Aufmerksamkeit von festen Strukturen auf Prozesse der Subjektivierung, Normalisierung und diskursiven Machtproduktion.

Inhaltsverzeichnis

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  • Merkzettel
    • Poststrukturalismus
  • Ausgangsproblem des Paradigmas
  • Vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus
  • Macht und Wissen
    • Macht und Widerstand
  • Diskurs als Mechanismus der Macht
    • Was ist ein Diskurs?
  • Subjektivierung
  • Soziale Ordnung
  • Gouvernementalität: Regieren durch Freiheit
  • Biopolitik: Die Verwaltung des Lebens
    • Diskurs und „postfaktisches“ Zeitalter
  • Methodologische Orientierung
  • Bedeutung für die Kriminologie
    • Praxisbeispiel: Die Begrüßung
  • Kritik am Poststrukturalismus
    • 1. Begriffsabstraktion und Zugänglichkeit
    • 2. Problem der normativen Orientierung
    • 3. Verantwortung und politische Steuerung
    • 4. Relativismus-Vorwurf
    • 5. Politische Ambivalenz
  • Der Poststrukturalismus im theoretischen Spannungsfeld
  • Zentrale Schlüsselwerke
  • Fazit

Merkzettel

Poststrukturalismus

Paradigma: DiskursEin Diskurs bezeichnet ein historisch und sozial geprägtes System von Aussagen, Deutungen und Wissensordnungen, durch das Wirklichkeit beschrieben, strukturiert und hervorgebracht wird.- und Machtanalyse moderner Wissensordnungen

Analyseebene: Diskursive Formationen (Mikro, Meso und Makro verschränkt)

Zentrale Vertreter: Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Judith Butler

Kernprämissen:

  1. Wahrheit ist historisch produziert.
  2. MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen. und Wissen sind untrennbar verbunden.
  3. Subjekte entstehen durch Prozesse der Subjektivierung.

Zentrale Begriffe: Diskurs, Macht/Wissen, GouvernementalitätKonzept zur Analyse moderner Machtformen, die durch Steuerung und Selbstführung wirken, nicht nur durch Zwang., Genealogie, Subjektivierung, Performativität

Gesellschaftsbild: Gesellschaft als Geflecht produktiver Machtbeziehungen

Methodologie: Diskursanalyse, Genealogie, Dekonstruktion

Zentrale Leitfrage: Wie entstehen Wahrheitsregime und Subjektformen?

Paradigmatische Kurzformel: Ordnung als Effekt von Macht/Wissen

Ausgangsproblem des Paradigmas

Der Poststrukturalismus reagiert auf die Annahme, gesellschaftliche Strukturen seien stabile, objektiv beschreibbare Ordnungen. Er stellt diese Selbstverständlichkeit infrage.

Die zentrale Irritation lautet: Wenn Wahrheiten historisch entstanden sind, warum sollten sie notwendig oder universell gültig sein?

Statt nach festen Fundamenten sucht der Poststrukturalismus nach den Bedingungen, unter denen bestimmte Aussagen als wahr gelten – und andere ausgeschlossen werden.

Vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus

Der Poststrukturalismus entsteht in den 1960er und 1970er Jahren im Kontext französischer Theoriebewegungen als kritische Weiterentwicklung des Strukturalismus. Der Poststrukturalismus entstand ursprünglich in der Philosophie und Literaturtheorie und wurde später in den Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften und GenderGender bezeichnet das soziale Geschlecht und umfasst die kulturellen, sozialen und psychologischen Zuschreibungen, die mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden sind. Studies aufgegriffen.

Der StrukturalismusDer Strukturalismus ist ein theoretischer Ansatz in den Sozial- und Kulturwissenschaften, der davon ausgeht, dass soziale und kulturelle Phänomene durch zugrunde liegende, meist unbewusste Strukturen bestimmt werden. – etwa bei Claude Lévi-Strauss oder Ferdinand de Saussure – ging davon aus, dass kulturelle Phänomene durch zugrunde liegende, relativ stabile Strukturen erklärbar sind. Sprache, Mythen oder soziale Praktiken erschienen als Ausdruck überindividueller Ordnungsmuster.

Der Poststrukturalismus radikalisiert und problematisiert diese Annahme. Er fragt nicht mehr nach stabilen Strukturen, sondern nach den Bedingungen ihrer Entstehung. Bedeutungen gelten nicht als fix, sondern als historisch verschiebbar.

Foucault verschiebt die Analyse von Strukturen hin zu Macht-Wissens-Regimen, die selbst erst Strukturen hervorbringen.

Das „Post“ im Poststrukturalismus bezeichnet daher keinen einfachen zeitlichen Nachfolger, sondern eine kritische Verschiebung: Strukturen werden nicht mehr als stabile Ordnungen verstanden, sondern als Effekte diskursiver Machtprozesse.

Macht und Wissen

Im Zentrum steht Michel Foucaults Analyse der Verbindung von Macht und Wissen.

Macht wirkt nicht primär repressiv, sondern produktiv. Sie erzeugt:

  • Wissensordnungen (z. B. Psychiatrie, KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., Sexualwissenschaft),
  • NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. und Kategorien (normal/abweichend, gesund/krank),
  • Subjektpositionen („Delinquent“, „Patient“, „Gefährder“).

Wahrheit erscheint somit nicht als objektive Gegebenheit, sondern als Effekt historisch gewordener Machtpraktiken.

Macht ist dabei kein Besitz einzelner Akteure. Sie ist ein relationales Geflecht, das Institutionen, Diskurse und Praktiken durchzieht. Foucault spricht von einer „Mikrophysik der Macht“: Macht wirkt kapillar – in Schulen, Gefängnissen, Kliniken, Verwaltung und Alltag.

Foucault kann daher als Theoretiker der modernen Wissensgesellschaft gelesen werden.
Nicht ökonomische ProduktionsverhältnisseÖkonomische Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Klassen im Produktionsprozess., sondern die Organisation von Wissen, Expertise und Wahrheitsansprüchen rücken ins Zentrum seiner Analyse.
ModerneGesellschaftsform, die sich durch Industrialisierung, Urbanisierung, Rationalisierung und Individualisierung auszeichnet. Macht operiert über Klassifikation, Dokumentation, Statistik und wissenschaftliche Deutungshoheit – sie verwaltet, normiert und reguliert soziale Wirklichkeit.

Macht und Widerstand

Foucault betont, dass Machtverhältnisse niemals absolut oder total sind. Wo Macht wirkt, entstehen zugleich Formen des Widerstands.

Widerstand ist kein äußerer Gegenpol zur Macht, sondern entsteht innerhalb derselben relationalen Gefüge. Er zeigt sich in abweichenden Praktiken, alternativen Wissensformen oder der Infragestellung etablierter Normalisierungen.

Macht und Widerstand bilden somit keine einfache Dichotomie, sondern ein dynamisches Spannungsverhältnis. Gerade weil Macht produktiv ist, eröffnet sie auch Spielräume für Verschiebung und Transformation.

Diskurs als Mechanismus der Macht

Was ist ein Diskurs?

Ein Diskurs bezeichnet ein historisch spezifisches Geflecht aus Aussagen, Begriffen, Deutungsmustern und institutionellen Praktiken, durch das festgelegt wird, was als wahr, normal oder legitim gilt.

Diskurse bestimmen:

  • wer sprechen darf,
  • was sagbar ist,
  • welche Aussagen als wissenschaftlich gelten,
  • welche Positionen ausgeschlossen werden.

Ein Diskurs über „Kriminalität“ umfasst Gesetze, Statistiken, Medienberichte, wissenschaftliche Theorien und politische Programme. Er erzeugt Kategorien wie „Risikogruppe“ oder „IntensivtäterPersonen, die wiederholt und in hoher Frequenz Straftaten begehen und aufgrund ihrer Delinquenz besonders polizeilich und strafrechtlich überwacht werden.“ und strukturiert gesellschaftliche Wahrnehmung.

Diskurse sind somit Macht-Wissens-Formationen, die soziale Wirklichkeit hervorbringen.

Subjektivierung

Im Poststrukturalismus existiert kein autonomes Subjekt außerhalb gesellschaftlicher Bedingungen. Individuen werden durch Diskurse zu Subjekten gemacht.

Subjektivierung bedeutet:

  • Internalisierung von Normen,
  • Selbstbeobachtung entlang gesellschaftlicher Kategorien,
  • Selbstführung im Rahmen sozialer Erwartungen.

Judith Butler zeigt, dass Geschlecht nicht naturgegeben ist, sondern performativ entsteht – durch wiederholte Praktiken, die normative Erwartungen stabilisieren.

Soziale Ordnung

Ordnung erscheint nicht als IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden. oder Konsens, sondern als temporäre Stabilisierung von Machtverhältnissen.

Stabilität entsteht durch:

  • Normalisierungspraktiken,
  • institutionelle Routinen,
  • Wissensregime,
  • Selbsttechnologien.

Soziale OrdnungStabile, strukturierte und vorhersehbare Muster sozialen Handelns in einer Gesellschaft. ist somit kein übergeordnetes System, sondern das Resultat historisch gewordener Machtkonfigurationen.

Macht ist dabei kein Besitz einzelner Akteure, sondern ein relationales Geflecht von Praktiken, in dem bestimmte Positionen größere Handlungsspielräume eröffnen als andere.

Während Diskurse Wahrheitsregime strukturieren, beschreibt Gouvernementalität die politische Rationalität, die auf diesen Wissensordnungen aufbaut.

Gouvernementalität: Regieren durch Freiheit

Während Foucault in seinen frühen Arbeiten die Disziplinarmacht analysiert – also jene Machtform, die auf individuelle Körper durch ÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure., Kontrolle und Normierung zielt –, beschreibt die Gouvernementalität eine weiterentwickelte Rationalität, die sich auf die Steuerung von Bevölkerungen und deren Selbstführung richtet.

Mit dem Begriff der Gouvernementalität beschreibt Foucault eine spezifisch moderne Form der Machtausübung. Regieren bedeutet hier nicht primär Befehl und Gehorsam, sondern die Lenkung von Verhalten durch Rahmenbedingungen.

Statt offene Repression zu nutzen, operiert gouvernementale Macht über:

  • Risikoberechnungen,
  • Statistik und Prognose,
  • Präventionsprogramme,
  • Anreize und Selbstverantwortung.

Moderne Gesellschaften regieren nicht nur durch Verbote, sondern durch die Strukturierung von Entscheidungsräumen. Individuen sollen sich selbst im Sinne bestimmter Rationalitäten führen – etwa gesund leben, sicherheitsbewusst handeln oder ökonomisch kalkulieren.

Während Disziplinarmacht auf individuelle Körper zielt, richtet sich gouvernementale Macht auf Bevölkerungen und deren Steuerung.

Macht erscheint hier als „Führung der Führung“: Sie organisiert die Bedingungen, unter denen Menschen ihre Freiheit ausüben.

Biopolitik: Die Verwaltung des Lebens

Mit dem Konzept der BiopolitikBiopolitik bezeichnet die Form politischer Macht, die auf die Regulierung und Steuerung des Lebens von Menschen und Bevölkerungen abzielt. analysiert Foucault eine Machtform, die sich nicht primär auf Individuen, sondern auf Bevölkerungen richtet.

Seit dem 18. Jahrhundert wird „Leben“ selbst zum Gegenstand politischer Steuerung:

  • Geburtenraten,
  • Gesundheit,
  • Lebenserwartung,
  • Kriminalitätsstatistiken,
  • Sicherheitsrisiken.

Biopolitische Macht operiert über Statistik, Normwerte und Wahrscheinlichkeiten. Sie definiert, was als normales oder riskantes Verhalten gilt und erzeugt dadurch Interventionslogiken.

Gesellschaft erscheint damit als regulierbare Population – nicht nur als Rechtsgemeinschaft, sondern als biologisch-statistisches FeldEin Feld ist ein relativ autonomer sozialer Raum mit eigenen Regeln, Akteuren und Machtverhältnissen, in dem soziale Positionen und Kämpfe ausgetragen werden..

Diskurs und „postfaktisches“ Zeitalter

Der Begriff „postfaktisch“ bezeichnet politische Kommunikationsformen, in denen objektiv überprüfbare Tatsachen gegenüber emotionaler Überzeugungskraft oder Wiederholung in den Hintergrund treten.

Ein prominentes Beispiel ist die Behauptung des US-Präsidenten Donald Trump, bei seiner Amtseinführung seien mehr Menschen anwesend gewesen als bei der Inauguration von Barack Obama – obwohl fotografische Aufnahmen das Gegenteil belegten.

Aus poststrukturalistischer Perspektive ist hier weniger die Frage entscheidend, ob eine Aussage „wahr“ oder „falsch“ ist, sondern:

  • Wer verfügt über die AutoritätAutorität bezeichnet anerkannte, legitime Macht, die auf Zustimmung und Vertrauen basiert., Wahrheit zu definieren?
  • Welche Instanzen gelten als legitime Wissensproduzenten?
  • Wie stabilisieren Wiederholung und mediale Zirkulation bestimmte Deutungen?

Macht zeigt sich nicht nur im Unterdrücken von Wahrheit, sondern in der Produktion von Wirklichkeitsordnungen. Diskurse strukturieren, was als sagbar, glaubwürdig oder legitime Perspektive erscheint.

„Postfaktische“ KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren. kann daher als Verschiebung von Wahrheitsregimen verstanden werden – nicht als Abwesenheit von Macht, sondern als deren Reorganisation.

Methodologische Orientierung

Der Poststrukturalismus arbeitet genealogisch und diskursanalytisch. Ziel ist nicht die Entdeckung universeller Gesetze, sondern die Rekonstruktion historischer Macht-Wissens-Regime.

Bedeutung für die Kriminologie

Foucaults Arbeiten zu GefängnisDas Gefängnis ist eine staatliche Institution des Freiheitsentzugs, die als zentrale Sanktionsform moderner Strafrechtssysteme dient., Disziplin und Gouvernementalität haben die kritische Kriminologie nachhaltig beeinflusst.

Kriminalität erscheint hier nicht als naturhafte Kategorie, sondern als Effekt spezifischer Wissens- und Machtordnungen. Sicherheitsregime, ÜberwachungstechnologienTechnische Mittel zur Beobachtung und Kontrolle von Personen, Räumen oder Kommunikationswegen im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung und Gefahrenabwehr. und Risikodiskurse können als moderne Formen gouvernementaler Steuerung analysiert werden.

Praxisbeispiel: Die Begrüßung

Situation: Zwei Personen treffen sich zufällig auf der Straße und begrüßen sich.

Analyse aus poststrukturalistischer Perspektive:

Die Begrüßung reproduziert diskursive Normen: Wer duzt wen? Wer reicht zuerst die Hand? Welche Distanz gilt als angemessen?

Diese Regeln erscheinen selbstverständlich, sind jedoch historisch gewachsene Normalisierungen. Sie erzeugen Erwartungen an Professionalität, Geschlecht, Hierarchie oder Zugehörigkeit.

Die InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten. stabilisiert damit diskursive Ordnungen – nicht durch bewusste Entscheidung, sondern durch Wiederholung normativer Praktiken.

Kritik am Poststrukturalismus

Der Poststrukturalismus ist selbst Gegenstand intensiver Kritik geworden. Die Einwände betreffen sowohl seine theoretische Anlage als auch seine politischen Implikationen.

1. Begriffsabstraktion und Zugänglichkeit

Die Theoriesprache gilt als komplex und schwer zugänglich. Begriffe wie „Diskurs“, „Subjektivierung“ oder „Macht/Wissen“ sind analytisch anspruchsvoll und nicht ohne Weiteres operationalisierbar. Kritiker sehen darin eine Distanz zur empirischen Sozialforschung.

2. Problem der normativen Orientierung

Während die Kritische TheorieGesellschaftstheoretischer Ansatz, der die bestehenden Machtstrukturen und sozialen Ungleichheiten kritisch analysiert und hinterfragt. explizit emanzipatorisch argumentiert, verzichtet Foucault auf einen festen normativen Maßstab. Seine Analysen legen Machtmechanismen offen, formulieren jedoch keine klare Theorie gesellschaftlicher Befreiung. Dies führt zur Frage, auf welcher Grundlage Kritik möglich ist.

3. Verantwortung und politische Steuerung

Wenn Macht als dezentral und relational gedacht wird, wird es schwieriger, Verantwortung eindeutig zuzuordnen. Kritiker argumentieren, dass ein solches Machtverständnis politische Akteure und strukturelle Ungleichheiten entpersonalisiert.

4. Relativismus-Vorwurf

Die These, Wahrheit sei historisch produziert, wird teilweise als epistemologischer Relativismus missverstanden. Poststrukturalistische Ansätze behaupten jedoch nicht, dass alle Aussagen gleich gültig sind, sondern dass Wahrheitsregime historisch entstanden und machtgebunden sind.

5. Politische Ambivalenz

Die analytische Stärke des Ansatzes liegt in der Sichtbarmachung von Machtmechanismen. Zugleich bleibt offen, wie politische Praxis konkret gestaltet werden soll. Poststrukturalismus ist machtanalytisch radikal – politisch jedoch weniger programmatisch.

Anders als die Kritische Theorie lokalisiert der Poststrukturalismus Macht nicht primär in ökonomischen Klassenverhältnissen oder ideologischer Verzerrung, sondern in dezentralen Wissens-, Normalisierungs- und Subjektivierungspraktiken moderner Gesellschaften.

Der Poststrukturalismus im theoretischen Spannungsfeld

SpannungsfeldPoststrukturalismus (Foucault)Kritische TheorieSystemtheorieDie Systemtheorie betrachtet Gesellschaft als ein Netzwerk selbstreferenzieller, funktional spezialisierter Systeme. (Luhmann)Symbolischer InteraktionismusTheoretischer Ansatz in der Soziologie, der soziale Wirklichkeit als Ergebnis symbolischer Bedeutungen versteht, die in zwischenmenschlicher Interaktion ausgehandelt werden.
MachtRelational, produktiv, kapillar (Macht/Wissen)Strukturelle HerrschaftHerrschaft ist die institutionalisierte Form der Machtausübung über Menschen oder Gruppen., ökonomisch und ideologisch vermitteltMacht als symbolisch generalisiertes KommunikationsmediumMacht als Interaktionsressource
StrukturStruktur bezeichnet das relativ stabile Gefüge von Beziehungen, Regeln und Positionen, das soziale Prozesse, Handlungen und Bedeutungen ordnet. ↔ HandlungStrukturen als Effekte diskursiver Machtprozesse; Subjekt entsteht durch SubjektivierungStrukturen als Herrschaftsverhältnisse; Subjekt potentiell emanzipationsfähigStrukturen als selbstreferentielle SystemoperationenHandlung als interpretative Bedeutungszuschreibung
Ordnung ↔ KonfliktOrdnung als temporäre Stabilisierung von MachtverhältnissenOrdnung als ideologisch stabilisierte HerrschaftOrdnung als SystemreproduktionOrdnung als Ergebnis situativer Aushandlung
Wahrheit ↔ KonstruktionWahrheit als Effekt historischer WissensregimeIdeologisch verzerrte WirklichkeitSysteminterne BeobachtungsperspektivenDefinition der Situation
Subjekt ↔ SystemSubjekt als Ergebnis von SubjektivierungsprozessenSubjekt als Träger von Bewusstsein und EmanzipationsfähigkeitPsychisches System in struktureller KopplungSelbst als reflexive Identitätskonstruktion
Steuerung ↔ SelbstregulationGouvernementalität: Führung durch Freiheit, Risiko, PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen.Gesellschaftliche Transformation durch KritikSelbststeuerung funktional differenzierter SystemeNormative Erwartungsabstimmung
GesellschaftsdiagnoseModerne Wissens- und Verwaltungsrationalität (Biopolitik)Kapitalistische HerrschaftsgesellschaftFunktional differenzierte WeltgesellschaftAlltagsweltliche Bedeutungsproduktion
Normativer AnspruchAnalytische Machtkritik ohne festen EmanzipationsmaßstabExplizit emanzipatorischDeskriptiv-analytischVerstehend-interpretativ
Methodologische OrientierungGenealogie, DiskursanalyseIdeologiekritik, GesellschaftsanalyseSystemtheoretische Beobachtung zweiter OrdnungQualitative Interaktionsanalyse

Zentrale Schlüsselwerke

  • Michel Foucault – Überwachen und Strafen (1975)
  • Michel Foucault – Der Wille zum Wissen (1976)
  • Jacques Derrida – Grammatologie (1967)
  • Judith Butler – Gender Trouble (1990)

Fazit

Der Poststrukturalismus analysiert Gesellschaft als Geflecht produktiver Machtbeziehungen. Wahrheit, Identität und Ordnung erscheinen nicht als naturgegeben, sondern als Effekte historischer Diskursregime.

Er verschiebt die Analyse von Integration und Struktur hin zu Macht, Subjektivierung und Kontingenz.


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  • Michel Foucault, 1974
    Michel Foucault – Überwachen und Strafen (1975)
  • Judith Butler, 2013
    Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter (1990)

Kategorie: Allgemeine Soziologie Tags: Biopolitik, Diskurs, Diskursanalyse, Genealogie, Gesellschaftstheorie, Gouvernementalität, Kritische Theorie, Macht und Wissen, Michel Foucault, Poststrukturalismus, Sozialtheorie, Strukturalismus, Subjektivierung, Wahrheitsregime, Wissensgesellschaft

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Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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