Die Diskursanalyse ist ein qualitativer Forschungsansatz der empirischen Sozialforschung, mit dem untersucht wird, wie gesellschaftliche Wirklichkeit sprachlich hergestellt, geordnet und gedeutet wird. Im Mittelpunkt steht also nicht nur die Frage, was gesagt wird, sondern auch, wie bestimmte Themen beschrieben werden, welche Begriffe verwendet werden und welche Deutungsmuster sich in einer GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. durchsetzen.
Diskurse prägen, wie über KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen., Armut, Migration, Sicherheit, Geschlecht oder Devianz gesprochen wird. Sie beeinflussen, was als normal, problematisch, gefährlich oder legitim gilt. Die Diskursanalyse interessiert sich deshalb nicht nur für einzelne Aussagen, sondern für größere Zusammenhänge von Sprache, Wissen und Macht.
Ein Zeitungsartikel über die Legalisierung von Cannabis (s.o.) kann ganz unterschiedlich gerahmt werden – etwa als Erfolg der DrogenpolitikDie Drogenpolitik umfasst alle politischen Maßnahmen, gesetzlichen Regelungen und staatlichen Interventionen, die den Umgang mit illegalen und legalen Drogen regeln und deren Konsum, Produktion und Handel steuern., als gesellschaftliches Experiment oder als Risiko für Jugendliche. Genau solche Deutungsmuster stehen im Zentrum der Diskursanalyse.
Gerade in der Soziologie und KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. ist die Diskursanalyse von besonderer Bedeutung, weil viele gesellschaftliche Probleme nicht einfach objektiv gegeben sind, sondern öffentlich benannt, bewertet und interpretiert werden. Wer etwa untersucht, wie in Medien oder Politik über JugendkriminalitätKriminelles Verhalten von Personen, die nach deutschem Recht als Jugendliche (14 bis unter 18 Jahre) oder Heranwachsende (18 bis unter 21 Jahre) gelten., Drogen oder Polizeigewalt gesprochen wird, arbeitet häufig diskursanalytisch.
Was ist Diskursanalyse?
Unter Diskursanalyse versteht man die systematische Untersuchung von sprachlichen und symbolischen Ordnungen, durch die soziale Wirklichkeit beschrieben, klassifiziert und bewertet wird. Analysiert werden dabei nicht nur einzelne Texte, sondern größere Zusammenhänge von Aussagen, Begriffen, Argumentationsmustern und Wissensordnungen.
Diskurse legen fest, was sagbar ist, wer sprechen darf, welche Perspektiven als legitim gelten und welche Deutungen ausgeschlossen oder marginalisiert werden. Die Diskursanalyse fragt daher nicht nur nach Inhalten, sondern auch nach gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die sich in Sprache und Wissen ausdrücken.
Diskursanalyse auf einen Blick
Die Diskursanalyse untersucht, wie gesellschaftliche Wirklichkeit durch Sprache, Begriffe und Deutungsmuster hergestellt wird. Im Zentrum stehen dabei Zusammenhänge von Wissen, MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen. und sozialer Ordnung.
Diskursanalyse und andere qualitative Methoden
Die Diskursanalyse weist Überschneidungen mit anderen qualitativen Methoden auf, unterscheidet sich jedoch in ihrem Erkenntnisinteresse.
Im Vergleich zur Inhaltsanalyse geht es nicht in erster Linie darum, Textstellen Kategorien zuzuordnen und Inhalte systematisch zu ordnen. Die Diskursanalyse fragt stärker danach, welche Deutungsmuster in Texten sichtbar werden, welche Begriffe dominieren und welche gesellschaftlichen Vorstellungen sich darin ausdrücken.
Im Vergleich zur Dokumentenanalyse ist die Diskursanalyse keine bloße Arbeit mit vorhandenen Dokumenten, sondern eine stärker theoriegeleitete Auswertungsstrategie. Sie interessiert sich besonders für die Frage, wie bestimmte Themen gesellschaftlich konstruiert werden.
Diskursanalyse, Dokumentenanalyse und Inhaltsanalyse
- Dokumentenanalyse: arbeitet mit bereits vorhandenen Dokumenten als Datenquelle.
- Inhaltsanalyse: wertet Texte systematisch anhand von Kategorien aus.
- Diskursanalyse: untersucht Deutungsmuster, Begriffe und Wissensordnungen innerhalb gesellschaftlicher Diskurse.
Dokumente können also diskursanalytisch untersucht werden, ohne dass eine klassische Inhaltsanalyse durchgeführt wird.
Theoretische Grundlagen der Diskursanalyse
Die Diskursanalyse ist kein einheitliches Verfahren, sondern umfasst verschiedene theoretische Ansätze. Besonders prägend für die Diskursanalyse sind die Arbeiten von Michel Foucault. Foucault versteht Diskurse nicht einfach als Gespräche oder Debatten, sondern als Systeme von Aussagen, die bestimmen, wie über ein Thema gedacht und gesprochen werden kann.
Aus dieser Perspektive sind Diskurse eng mit Macht verbunden. Wer Begriffe prägt, Probleme definiert und Wissen erzeugt, beeinflusst auch gesellschaftliche Wirklichkeit. So ist es etwa ein Unterschied, ob über „Kriminelle“, „Gefährder“, „Risikogruppen“, „Benachteiligte“ oder „Opfer struktureller Ungleichheit“ gesprochen wird. Jede dieser Bezeichnungen lenkt Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung und blendet andere Sichtweisen aus.
Neben Foucault gibt es weitere diskursanalytische Zugänge, etwa wissenssoziologische oder linguistisch orientierte Ansätze. Gemeinsam ist ihnen, dass Sprache nicht nur als neutrales Mittel der Beschreibung verstanden wird, sondern als aktiver Bestandteil gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion.
Was kann mit Diskursanalyse untersucht werden?
Diskursanalysen arbeiten meist mit Texten oder anderen fixierten Kommunikationsformen. Geeignete Materialien sind beispielsweise:
- Zeitungsartikel und Fernsehberichte
- politische Reden und Parlamentsdebatten
- Gesetzesentwürfe und behördliche Dokumente
- Social-Media-Beiträge und Kommentare
- Lehrbücher, Broschüren oder Kampagnen
- Interviews und Expertenaussagen
Entscheidend ist dabei nicht nur der einzelne Text, sondern der größere Zusammenhang. So kann beispielsweise untersucht werden, wie sich der Diskurs über „innere SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren.“ über mehrere Jahre verändert hat oder welche Begriffe in Debatten über Migration und Kriminalität immer wieder auftauchen.
Typische Fragestellungen in der Diskursanalyse
Die Diskursanalyse eignet sich besonders für Forschungsfragen wie:
- Wie wird ein gesellschaftliches Problem öffentlich beschrieben?
- Welche Begriffe und Kategorien dominieren einen DiskursEin Diskurs bezeichnet ein historisch und sozial geprägtes System von Aussagen, Deutungen und Wissensordnungen, durch das Wirklichkeit beschrieben, strukturiert und hervorgebracht wird.?
- Welche Gruppen kommen im Diskurs zu Wort – und welche nicht?
- Welche Ursachen und Lösungen werden in einem Diskurs nahegelegt?
- Wie verändern sich Diskurse über die Zeit?
In der Kriminologie könnte etwa gefragt werden, wie in Politik und Medien über „Clan-KriminalitätClan-Kriminalität bezeichnet ein politisch und medial geprägtes Schlagwort für bestimmte Formen von Kriminalität, die Angehörigen von Großfamilien mit Migrationshintergrund zugeschrieben werden.“, „Jugendgewalt“ oder „Racial Profiling“ gesprochen wird. In der Soziologie wäre denkbar zu untersuchen, wie der Diskurs über Armut, soziale Ungleichheit oder Integration strukturiert ist.
Vorgehen bei der Diskursanalyse
Auch wenn es keine einheitliche Standardmethode gibt, folgt eine Diskursanalyse meist mehreren grundlegenden Schritten.
1. Forschungsfrage formulieren
Am Anfang steht die Entscheidung, welcher Diskurs untersucht werden soll. Dabei muss klar sein, welches Thema, welcher Zeitraum und welche Materialien einbezogen werden.
2. Material auswählen
Im nächsten Schritt werden die relevanten Texte, Dokumente oder Medienbeiträge zusammengestellt. Die Auswahl sollte begründet erfolgen, etwa nach Zeitraum, Medium, InstitutionInstitutionen sind dauerhaft verfestigte soziale Regelwerke und Organisationen, die gesellschaftlich relevantes Handeln strukturieren, stabilisieren und legitimieren. oder thematischer Relevanz.
3. Zentrale Begriffe und Muster identifizieren
Anschließend wird untersucht, welche Begriffe, Metaphern, Argumentationsfiguren und Problemdeutungen im Material immer wieder auftauchen. Dabei wird gefragt, welche Perspektiven dominieren und welche Bedeutungen an bestimmte Begriffe gekoppelt werden.
4. Diskursive Ordnungen rekonstruieren
Im nächsten Schritt wird analysiert, wie diese Begriffe und Aussagen zusammenhängen. Welche Deutungsmuster strukturieren den Diskurs? Welche Ursachen, Verantwortlichkeiten und Lösungen werden nahegelegt?
5. Ergebnisse interpretieren
Abschließend werden die Befunde im Hinblick auf die Forschungsfrage interpretiert. Dabei kann herausgearbeitet werden, welche Wissensordnungen, Machtverhältnisse oder gesellschaftlichen NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. sich im Diskurs zeigen.
Typischer Ablauf einer Diskursanalyse
- Forschungsfrage formulieren
- Diskursfeld und Material eingrenzen
- wiederkehrende Begriffe, Metaphern und Deutungsmuster identifizieren
- Zusammenhänge von Aussagen rekonstruieren
- Ergebnisse gesellschaftlich und theoretisch interpretieren
Beispiele aus Soziologie und Kriminologie
In der Soziologie wird die Diskursanalyse häufig eingesetzt, um öffentliche Debatten über soziale Probleme, GeschlechterrollenGesellschaftlich geprägte Erwartungen an Verhalten, Eigenschaften und Aufgaben von Männern und Frauen., Migration oder Armut zu untersuchen. Hier interessiert insbesondere, wie gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen sprachlich hergestellt werden.
In der Kriminologie eignet sich die Methode besonders gut zur Analyse kriminalpolitischer und medialer Diskurse. So kann untersucht werden, wie über Kriminalität gesprochen wird, welche Täterbilder dominieren, welche Gruppen als gefährlich gelten und welche politischen Maßnahmen als notwendig erscheinen.
Ein typisches Beispiel wäre die Analyse von Medienberichten über Jugendkriminalität. Dabei könnte untersucht werden, ob Jugendliche vor allem als gefährliche Täter, als sozial Benachteiligte oder als moralisches Problem dargestellt werden. Ebenso denkbar wäre eine Analyse politischer Debatten über Videoüberwachung, Drogenpolitik oder Polizeigewalt.
Typische Materialien für diskursanalytische Studien
- Zeitungsberichte über Kriminalität
- politische Debatten zu Sicherheit und Ordnung
- Leitbilder und Strategiepapiere von Institutionen
- Social-Media-Diskurse zu Polizei, MigrationMigration bezeichnet die dauerhafte oder zeitweise räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunkts von Personen oder Gruppen. oder Gewalt
- kampagnenartige Darstellungen sozialer Probleme
Vorteile der Methode
- Gesellschaftliche Deutungsmuster werden sichtbar: Die Methode zeigt, wie soziale Probleme sprachlich konstruiert werden.
- Geeignet für Macht- und Wissensanalysen: Diskursanalyse macht sichtbar, welche Perspektiven dominieren und welche marginalisiert werden.
- Hohe Anschlussfähigkeit: Die Methode kann mit soziologischen und kriminologischen Theorien gut verbunden werden.
- Breites Materialspektrum: Es können Medien, Dokumente, Reden, Interviews oder digitale Kommunikationsformen untersucht werden.
Nachteile und Grenzen
- Hohe theoretische Anforderungen: Diskursanalysen setzen meist ein gutes Verständnis sozialtheoretischer Zusammenhänge voraus.
- Geringe Standardisierung: Es gibt kein einheitliches Vorgehen, was die Methode für Einsteiger anspruchsvoll macht.
- Interpretationsspielräume: Die Ergebnisse hängen stark von der theoretischen Perspektive und der analytischen Sensibilität der Forschenden ab.
- Zeitaufwand: Die sorgfältige Lektüre und Interpretation umfangreicher Diskurse ist oft arbeitsintensiv.
Typische Fehler bei diskursanalytischen Arbeiten
Bei der Durchführung einer Diskursanalyse treten häufig ähnliche Probleme auf:
- Zu breite Fragestellung: Wenn der Untersuchungsgegenstand nicht klar eingegrenzt wird, bleibt die Analyse beliebig.
- Reine Inhaltszusammenfassung: Wer nur wiedergibt, was in Texten steht, betreibt noch keine Diskursanalyse.
- Fehlende theoretische Einbettung: Die Methode verlangt eine reflektierte Verbindung von Material und Theorie.
- Unklare Materialauswahl: Es muss nachvollziehbar sein, warum gerade diese Texte untersucht wurden.
Fazit
Die Diskursanalyse ist eine anspruchsvolle, aber äußerst aufschlussreiche Methode der qualitativen Sozialforschung. Sie ermöglicht es, gesellschaftliche Deutungsmuster, Wissensordnungen und Machtverhältnisse sichtbar zu machen, die sich in Sprache, Texten und öffentlichen Debatten ausdrücken.
Gerade in der Soziologie und Kriminologie ist sie besonders nützlich, weil viele soziale Probleme nicht einfach objektiv gegeben sind, sondern diskursiv hergestellt, bewertet und politisch bearbeitet werden. Wer Diskurse analysiert, untersucht daher nicht nur Sprache, sondern auch die soziale Ordnung, die durch Sprache stabilisiert oder verändert wird.
Weiterführende Literatur
- Foucault, M. (1974). Die Ordnung des Diskurses. München: Hanser.
- Keller, R. (2011). Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (4. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag.
- Jäger, S. (2015). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung (7. Aufl.). Münster: Unrast.
- Wrana, D., Langer, A. & Ott, M. (2014). Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Bielefeld: transcript.



