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Kontrolle

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Was erklären KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden.?

Im Unterschied zu vielen anderen Kriminalitätstheorien steht bei Kontrolltheorien nicht die Frage im Mittelpunkt, warum Menschen NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. verletzen, sondern warum sie sich regelkonform verhalten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass abweichendes Verhalten grundsätzlich naheliegend ist – erklärungsbedürftig ist daher nicht DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist., sondern Konformität.

Kontrolltheorien gehen davon aus, dass Menschen dann von kriminellem Verhalten abgehalten werden, wenn soziale, institutionelle oder individuelle Kontrollmechanismen wirksam sind. KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. entsteht demnach vor allem dort, wo diese Kontrollmechanismen schwach ausgeprägt sind oder versagen.

Diese KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. wird durch soziale Institutionen wie Familie, Schule, Gleichaltrigengruppen oder Arbeitswelt vermittelt. Je stärker Individuen in diese sozialen Strukturen eingebunden sind und je stärker sie gesellschaftliche Normen und Werte internalisieren, desto unwahrscheinlicher ist normabweichendes Verhalten.

Kontext

Kontrolltheorien erklären Kriminalität primär durch das Fehlen oder Versagen wirksamer Kontrollinstanzen – sei es durch mangelnde soziale Bindungen oder durch geringe SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren..

Kontrolltheorien gehören zu den zentralen Erklärungsansätzen der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., die individuelles Verhalten in den Kontext sozialer Einbindung und gesellschaftlicher Kontrollmechanismen stellen. Sie verbinden mikrosoziologische Perspektiven auf das Individuum mit der Analyse sozialer Institutionen und richten den Blick auf Mechanismen sozialer Integration, Disziplinierung und Selbstregulation.

Sie richten den Blick auf Mechanismen sozialer IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden., Disziplinierung und Selbstregulation und stehen damit in enger Verbindung zu soziologischen Konzepten wie sozialer Kontrolle und Sozialisation.

Ein einflussreicher Ansatz ist Travis Hirschis Bindungstheorie (1969). Hirschi argumentiert, dass stabile soziale Bindungen Individuen davon abhalten, Normen zu verletzen. Er unterscheidet vier zentrale Elemente sozialer Bindung: attachment (emotionale Bindung), commitment (Investition in konventionelle Ziele), involvement (Einbindung in konforme Aktivitäten) und belief (Glaube an gesellschaftliche Normen).

Während Hirschi vor allem indirekte Formen sozialer Kontrolle betont, rückt die General Theory of Crime (1990) die Selbstkontrolle in den Mittelpunkt. Nach Gottfredson und Hirschi ist ein geringes Maß an Selbstkontrolle – geprägt durch defizitäre SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität. – die zentrale Ursache von Kriminalität. Personen mit niedriger Selbstkontrolle handeln impulsiv, risikobereit und kurzfristig orientiert.

Einen erweiterten Blick auf Kontrolle bietet Charles Tittles Control-Balance-Theory. Tittle berücksichtigt sowohl die Kontrolle, die auf Individuen ausgeübt wird, als auch die Kontrolle, die Individuen selbst über andere ausüben. Abweichendes Verhalten entsteht demnach insbesondere bei einem Ungleichgewicht zwischen Kontrollüberschuss und Kontrollmangel.

Elemente der Kontrolltheorien finden sich auch in anderen kriminologischen Ansätzen wieder. So greifen etwa entwicklungs- und lebenslauftheoretische Modelle wie die Age-Graded Theory von Sampson & Laub die Bedeutung sozialer Bindungen und informeller Kontrolle auf. Auch situative Ansätze wie die Routine Activity Theory betonen die Rolle von Kontrolle, indem sie Kriminalität als Folge fehlender ÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure. („absence of capable guardianship“) erklären. Auf struktureller Ebene zeigen Theorien sozialer Desorganisation, dass Kriminalität dort entsteht, wo kollektive soziale Kontrolle in Gemeinschaften geschwächt ist.

Gemeinsam ist allen Kontrolltheorien die Annahme, dass Kriminalität weniger durch besondere Motive als vielmehr durch das Fehlen wirksamer sozialer oder individueller Begrenzungen erklärt werden kann.

Vergleich zentraler Kontrolltheorien

Die verschiedenen Kontrolltheorien teilen die grundlegende Annahme, dass Kriminalität vor allem dann entsteht, wenn soziale oder individuelle Kontrollmechanismen schwach ausgeprägt sind. Sie unterscheiden sich jedoch darin, auf welcher Ebene Kontrolle wirkt und welche Mechanismen im Mittelpunkt stehen.

AnsatzZentrale IdeeKontrollmechanismusEbeneBesonderheit
Bindungstheorie (Hirschi)Starke soziale Bindungen verhindern normabweichendes VerhaltenSoziale Bindung an Familie, Schule und GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.Mikro / Meso
Vier Bindungsdimensionen: attachment, commitment, involvement, belief; soziale Bindungen können sich im LebensverlaufDer Lebensverlauf bezeichnet die zeitliche Abfolge sozialer Rollen, Ereignisse und Übergänge im Leben einer Person. verändern
General Theory of CrimeKriminalität resultiert aus geringer SelbstkontrolleIndividuelle SelbstkontrolleMikro
Selbstkontrolle wird früh in der Kindheit geprägt (Sozialisation) und gilt im Erwachsenenalter als weitgehend stabil
Control Balance Theory (Tittle)Abweichung entsteht bei Ungleichgewicht von KontrolleRelation zwischen ausgeübter und erfahrener KontrolleMikro / Meso
Abweichung entsteht bei Ungleichgewicht zwischen ausgeübter und erfahrener Kontrolle; Kontrolle wird als relationales Machtverhältnis verstanden

Während Hirschi vor allem soziale Bindungen als zentrale Kontrollmechanismen betont, konzentriert sich die General Theory of Crime stärker auf individuelle Selbstkontrolle. Tittles Control-Balance-Theory erweitert diese Perspektive, indem sie Kontrolle als relationales Machtverhältnis zwischen Individuen versteht.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Kontrolltheorien betrifft die Frage, ob Kontrollmechanismen im Lebensverlauf veränderbar sind. Während Hirschis Bindungstheorie davon ausgeht, dass soziale Bindungen im Laufe des Lebens entstehen, sich verändern oder auch wieder verlieren können, betrachtet die General Theory of Crime Selbstkontrolle als relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft, die bereits in der frühen Kindheit geprägt wird. Diese Annahme wurde insbesondere von lebenslauftheoretischen Ansätzen kritisiert.

Anwendungsbezug: Welche Formen von Kriminalität erklären Kontrolltheorien?

Kontrolltheorien eignen sich besonders zur Erklärung von Kriminalitätsformen, bei denen mangelnde soziale Einbindung, geringe Selbstkontrolle oder schwache soziale Kontrolle eine zentrale RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. spielen.

  • Jugendkriminalität: Kontrolltheorien erklären, warum DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen. besonders häufig im Jugendalter auftritt. In dieser Lebensphase sind soziale Bindungen oft instabil und Kontrollmechanismen schwächer ausgeprägt.
  • Impuls- und Gelegenheitstaten: Die General Theory of Crime wird häufig zur Erklärung von spontanen Delikten wie Diebstahl, Vandalismus oder Körperverletzung herangezogen, die mit geringer Selbstkontrolle verbunden sind.
  • Persistente Delinquenz: Niedrige Selbstkontrolle kann auch langfristige kriminelle Karrieren begünstigen, da impulsives Verhalten in unterschiedlichen Lebenssituationen immer wieder zu normabweichenden Handlungen führt.
  • Kriminalität in sozialen Kontexten mit schwacher sozialer Kontrolle: Kontrolltheorien können erklären, warum Kriminalität häufiger in sozialen Kontexten auftritt, in denen soziale Kontrolle durch Familie, Schule oder GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand. geschwächt ist.

Weniger geeignet sind Kontrolltheorien hingegen zur Erklärung von Kriminalitätsformen, die stark durch strukturelle Ungleichheiten, politische Konflikte oder gesellschaftliche Machtverhältnisse geprägt sind – Themen, die eher von kritischen und konflikttheoretischen Ansätzen behandelt werden.


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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Charles Tittle, Control Balance Theory, General Theory of Crime, Kontrolle, Kontrolltheorien, Kriminalitätstheorien, Kriminologie, Michael Gottfredson, Social Bonds Theory, soziale Kontrolle, Travis Hirschi

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