Soziologische Theorie · Paradigma

Wissenssoziologie & Sozialkonstruktivismus

Wie Wissen, Wirklichkeit und gesellschaftliche Deutungsmuster sozial hervorgebracht und stabilisiert werden.

Wissenssoziologie und Sozialkonstruktivismus untersuchen den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen, Wissen und Wirklichkeit. Ihr Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Menschen ihre soziale Welt nicht einfach als objektiv gegebene Realität vorfinden. Was in einer Gesellschaft als selbstverständlich, normal, wahr oder wirklich gilt, entsteht vielmehr in sozialen Zusammenhängen, wird durch Kommunikation vermittelt und in Institutionen verfestigt.

Im Zentrum steht die Leitfrage:

Wie werden Wissen und gesellschaftliche Wirklichkeit sozial hervorgebracht, institutionalisiert und als selbstverständlich erfahren?

Damit richtet sich der Blick auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen unseres Wissens ebenso wie auf die Prozesse, durch die gemeinsam erzeugte Deutungen den Charakter einer scheinbar objektiven Wirklichkeit annehmen.

Merkzettel

Wissenssoziologie & Sozialkonstruktivismus

Paradigma: Wissenssoziologische und sozialkonstruktivistische Perspektive

Analyseebene: Mikro, Meso und Makro; von alltäglichen Wissensbeständen bis zur gesellschaftlichen Institutionalisierung von Wirklichkeit

Zentrale Vertreter: Karl Mannheim, Alfred Schütz, Peter L. Berger, Thomas Luckmann

Kernprämissen:

  1. Wissen entsteht und erhält seine Bedeutung in sozialen und historischen Zusammenhängen.
  2. Menschen greifen im Alltag auf gesellschaftlich vermittelte Wissensbestände, Typisierungen und Deutungsmuster zurück.
  3. Wiederkehrende Handlungen und Deutungen können institutionalisiert werden und den Beteiligten schließlich als objektive und selbstverständliche Wirklichkeit gegenübertreten.

Zentrale Begriffe: Wissen, Wirklichkeit, Typisierung, Wissensvorrat, Institutionalisierung, Legitimation, Objektivation, Sozialisation

Gesellschaftsbild: Gesellschaft als zugleich von Menschen hervorgebrachte und von ihnen als objektive Wirklichkeit erfahrene soziale Ordnung

Methodologische Orientierung: Rekonstruktion gesellschaftlicher Wissensbestände, Deutungsmuster, Typisierungen und Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion

Leitfrage: Wie werden Wissen und gesellschaftliche Wirklichkeit sozial hervorgebracht, institutionalisiert und als selbstverständlich erfahren?

Ausgangsproblem: Woher wissen wir, was wirklich ist?

Menschen müssen ihre soziale Umwelt fortwährend interpretieren. Dabei beginnen sie jedoch nicht bei jeder Begegnung von Neuem. Sie verfügen über gesellschaftlich vermittelte Wissensbestände, mit deren Hilfe sie Personen, Situationen und Handlungen einordnen können. Wir wissen beispielsweise, wie man sich in einem Seminar, einem Restaurant, einer Behörde oder vor Gericht üblicherweise verhält, ohne sämtliche Regeln dieser Situationen jedes Mal ausdrücklich aushandeln zu müssen.

Wissenssoziologische Ansätze fragen danach, woher solche Wissensbestände stammen, wie sie gesellschaftlich verteilt sind und unter welchen historischen und sozialen Bedingungen bestimmte Vorstellungen als plausibel oder wahr gelten. Sozialkonstruktivistische Ansätze richten den Blick zusätzlich darauf, wie aus menschlichen Handlungen und Deutungen dauerhafte Institutionen und scheinbar objektive gesellschaftliche Tatsachen entstehen.

Wissen als gesellschaftlich situiertes Wissen

Ein grundlegender Gedanke der Wissenssoziologie besteht darin, Wissen nicht unabhängig von seiner gesellschaftlichen Entstehung zu betrachten. Karl Mannheim untersuchte insbesondere den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Position, historischen Bedingungen und Denkformen. Vorstellungen und Weltbilder entstehen demnach nicht in einem sozialen Vakuum.

Damit ist nicht gemeint, dass jede Aussage lediglich Ausdruck eines individuellen Interesses wäre oder dass beliebige Behauptungen gleichermaßen wahr seien. Die wissenssoziologische Frage richtet sich vielmehr darauf, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen bestimmte Denkweisen entstehen, verbreitet werden und Plausibilität gewinnen.

Die Lebenswelt und der gesellschaftliche Wissensvorrat

Alfred Schütz verlagerte die wissenssoziologische Perspektive stärker auf die alltägliche Lebenswelt. Menschen verfügen über einen Wissensvorrat, der ihnen Orientierung ermöglicht. Sie typisieren Personen, Gegenstände und Situationen und können dadurch handeln, ohne jede Situation vollständig neu analysieren zu müssen.

Wer beispielsweise ein Restaurant betritt, muss normalerweise nicht erst herausfinden, was ein Kellner ist, weshalb eine Speisekarte vorgelegt wird oder warum am Ende eine Rechnung folgt. Solche Erwartungen gehören zum gesellschaftlich vermittelten Alltagswissen. Sie machen soziale Situationen erwartbar und reduzieren ihre Komplexität.

Diese Wissensbestände sind jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Unterschiedliche soziale Gruppen verfügen über unterschiedliche Erfahrungen, Wissensbestände und Relevanzstrukturen. Was für die eine Person selbstverständlich ist, kann für eine andere erklärungsbedürftig sein.

Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

Peter L. Berger und Thomas Luckmann verbanden wissenssoziologische Überlegungen mit einer Theorie der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion. Menschen bringen durch ihr Handeln soziale Ordnungen hervor. Wiederholen sich bestimmte Handlungen regelmäßig, können sie habitualisiert und typisiert werden. Werden solche Handlungsmuster dauerhaft wechselseitig erwartet, entstehen Institutionen.

Institutionen sind damit zunächst Produkte menschlichen Handelns. Für nachfolgende Generationen treten sie jedoch als bereits vorhandene gesellschaftliche Wirklichkeit auf. Sprache, Recht, Familie, Bildung oder berufliche Rollen erscheinen dem einzelnen Menschen nicht als etwas, das er selbst geschaffen hätte, sondern als objektive Bestandteile seiner Welt.

Berger und Luckmann beschreiben damit einen grundlegenden Kreislauf: Menschen erzeugen gesellschaftliche Wirklichkeit durch ihr Handeln, diese Wirklichkeit verselbstständigt sich ihnen gegenüber und wird anschließend im Prozess der Sozialisation wiederum von Menschen angeeignet.

Institutionalisierung und Legitimation

Damit Institutionen dauerhaft bestehen können, müssen sie nicht nur praktiziert, sondern auch erklärt und gerechtfertigt werden. Gesellschaften entwickeln deshalb Legitimationen, mit denen bestehende Ordnungen verständlich und plausibel gemacht werden.

Solche Legitimationen können von einfachen Alltagserklärungen bis zu komplexen religiösen, wissenschaftlichen, politischen oder rechtlichen Deutungssystemen reichen. Sie vermitteln nicht nur, dass eine bestimmte Ordnung existiert, sondern auch, warum sie sinnvoll, richtig oder selbstverständlich erscheinen soll.

Praxisbeispiel: Die Begrüßung

Eine neue Kollegin betritt einen Seminarraum. Einige Anwesende nicken ihr zu, andere sagen „Guten Morgen“, eine Person reicht ihr die Hand. Niemand erklärt zuvor ausdrücklich, welche Form der Begrüßung angemessen ist.

Aus wissenssoziologischer Perspektive ist bemerkenswert, dass die Beteiligten dennoch über ein weitgehend gemeinsames Wissen darüber verfügen, was eine Begrüßung ist und welche Handlungen in dieser Situation erwartet werden können. Sie greifen auf gesellschaftlich erworbene Typisierungen und einen gemeinsamen Vorrat an Alltagswissen zurück.

Sozialkonstruktivistisch betrachtet ist diese Ordnung weder naturgegeben noch in der Geste selbst enthalten. Formen der Begrüßung sind historisch und kulturell entstandene Konventionen. Weil sie fortwährend wiederholt und wechselseitig erwartet werden, erscheinen sie den Beteiligten jedoch als selbstverständlicher Bestandteil der sozialen Wirklichkeit.

Eine Person, die neu in die Gruppe kommt, muss diese Ordnung nicht vollständig neu erfinden. Sie beobachtet, „wie man es hier macht“, übernimmt entsprechende Erwartungen und eignet sich damit einen Ausschnitt der bereits institutionalisierten sozialen Wirklichkeit an.

Struktur und Handlung

Wissenssoziologie und Sozialkonstruktivismus überwinden eine einfache Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft. Gesellschaftliche Wirklichkeit existiert nicht unabhängig von menschlichem Handeln, lässt sich aber ebenso wenig auf einzelne individuelle Entscheidungen reduzieren.

Menschen erzeugen und verändern soziale Ordnung durch ihr Handeln. Zugleich handeln sie innerhalb einer bereits vorhandenen Welt aus Sprache, Institutionen, Kategorien und Wissensbeständen. Gesellschaft ist deshalb zugleich menschliches Produkt und Voraussetzung weiteren menschlichen Handelns.

Sprache, Kategorien und soziale Wirklichkeit

Eine besondere Bedeutung kommt der Sprache zu. Durch Begriffe können Erfahrungen typisiert, geordnet und über konkrete Situationen hinaus verfügbar gemacht werden. Kategorien ermöglichen es, Personen, Handlungen und Ereignisse bestimmten Klassen zuzuordnen und dadurch gesellschaftlich kommunizierbar zu machen.

Solche Kategorien beschreiben soziale Wirklichkeit jedoch nicht lediglich. Ihre Verwendung kann selbst Folgen für Wahrnehmung und Handeln haben. Welche Phänomene unterschieden, benannt und als gesellschaftlich relevant behandelt werden, ist deshalb selbst Gegenstand wissenssoziologischer Analyse.

Methodologische Orientierung

Wissenssoziologische und sozialkonstruktivistische Forschung interessiert sich weniger für die Frage, ob individuelle Vorstellungen objektiv richtig oder falsch sind, als dafür, wie bestimmte Wissensbestände entstehen, verbreitet und selbstverständlich werden.

Untersucht werden beispielsweise Alltagswissen, institutionelle Deutungsmuster, professionelle Wissensbestände, öffentliche Diskurse oder gesellschaftliche Kategorien. Entsprechend finden sich qualitative Interviews, Dokumenten- und Diskursanalysen, ethnografische Verfahren sowie rekonstruktive Methoden. Gemeinsam ist diesen Zugängen das Interesse an den sozialen Prozessen, durch die Wirklichkeit interpretiert und geordnet wird.

Bedeutung für die Kriminologie

Für die Kriminologie ist diese Perspektive besonders relevant, weil auch Begriffe wie Kriminalität, Devianz, Gefährlichkeit oder Normalität gesellschaftliche Kategorien darstellen. Welche Verhaltensweisen als problematisch wahrgenommen, statistisch erfasst, politisch thematisiert oder strafrechtlich reguliert werden, ist historisch und gesellschaftlich wandelbar.

Polizei, Justiz, Wissenschaft, Politik und Medien produzieren und verwenden dabei jeweils eigene Wissensbestände und Klassifikationen. Kategorien wie „Tatverdächtiger“, „Gefährder“, „Jugendkriminalität“ oder „organisierte Kriminalität“ bilden gesellschaftliche Wirklichkeit nicht einfach neutral ab, sondern strukturieren zugleich, wie Phänomene wahrgenommen, bearbeitet und öffentlich diskutiert werden.

Die sozialkonstruktivistische Perspektive bedeutet dabei nicht, dass Straftaten oder ihre Folgen lediglich erfunden seien. Sie fragt vielmehr danach, wie gesellschaftliche Phänomene kategorisiert, mit Bedeutung versehen und als bestimmte soziale Probleme institutionell bearbeitet werden.

Theoretische Einordnung

Wissenssoziologie und Sozialkonstruktivismus weisen deutliche Berührungspunkte mit dem Symbolischen Interaktionismus auf. Beide Perspektiven betonen, dass soziale Wirklichkeit nicht unabhängig von menschlichen Deutungen verstanden werden kann.

Der Schwerpunkt ist jedoch unterschiedlich. Der Symbolische Interaktionismus richtet seine Aufmerksamkeit besonders auf Prozesse der Bedeutungsbildung und Situationsdefinition in konkreten Interaktionen. Wissenssoziologische und sozialkonstruktivistische Ansätze fragen stärker danach, wie gesellschaftlich verfügbare Wissensbestände entstehen, institutionalisiert, legitimiert und über Sozialisation weitergegeben werden.

Auch gegenüber poststrukturalistischen Ansätzen bestehen Berührungspunkte, insbesondere beim Interesse an Kategorien und gesellschaftlichen Wissensordnungen. Sozialkonstruktivistische Ansätze müssen jedoch nicht voraussetzen, dass Wirklichkeit ausschließlich durch Diskurse hervorgebracht wird. Ihr Gegenstandsbereich umfasst ebenso alltägliche Routinen, Institutionen, Sozialisation und gemeinsam verfügbare Wissensbestände.

Zentrale Schlüsselwerke der Wissenssoziologie und des Sozialkonstruktivismus

  • Karl Mannheim – Ideologie und Utopie (1929)
  • Alfred Schütz – Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932)
  • Peter L. Berger und Thomas Luckmann – Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1966)

Die drei Werke markieren wichtige Entwicklungsschritte der Tradition: von Mannheims Untersuchung der gesellschaftlichen Gebundenheit des Denkens über Schütz‘ Analyse des alltäglichen Wissens und der Lebenswelt bis zu Berger und Luckmanns Theorie der Institutionalisierung gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Fazit

Wissenssoziologie und Sozialkonstruktivismus machen sichtbar, dass gesellschaftliche Wirklichkeit weder ausschließlich objektiv vorgegeben noch bloß eine Ansammlung subjektiver Vorstellungen ist. Menschen erzeugen soziale Ordnung gemeinsam, greifen dabei auf bereits vorhandene Wissensbestände zurück und schaffen Institutionen, die ihnen anschließend als selbstverständliche Wirklichkeit gegenübertreten.

Ihre besondere Stärke liegt darin, gerade das scheinbar Selbstverständliche erklärungsbedürftig zu machen. Kategorien, Routinen und Institutionen erscheinen aus dieser Perspektive nicht einfach als gegeben, sondern als Ergebnisse sozialer und historischer Prozesse.

Die zentrale Frage lautet damit nicht nur, was Menschen für wirklich halten, sondern ebenso: Wie entsteht dieses Wissen – und wie wird aus gemeinsam erzeugtem Wissen eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die selbstverständlich erscheint?

Einordnung

Personen

Hat als HauptvertreterThomas Luckmann
Hat als HauptvertreterPeter L. Berger