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Kriminologie als empirische Wissenschaft

Wie arbeitet die Kriminologie eigentlich wissenschaftlich? Welche Methoden werden verwendet, um Kriminalität zu untersuchen? Dieser Beitrag erklärt leicht verständlich die wichtigsten Methoden der kriminologischen Forschung und zeigt den Unterschied zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren.

Kriminologie ist nicht nur die Lehre von Kriminalität, sondern auch eine empirische Wissenschaft. Sie untersucht Kriminalität, ihre Ursachen sowie gesellschaftliche Reaktionen auf abweichendes Verhalten nicht allein auf Grundlage von Vermutungen oder Meinungen, sondern mithilfe systematischer Beobachtungen, Datenerhebungen und wissenschaftlicher Analysen. Wer genauer verstehen möchte, was Kriminologie untersucht, findet dazu einen eigenen Überblicksbeitrag. Eine allgemeine Einführung in das Fach bietet zudem die Seite Kriminologie.

Kriminologie als empirische Wissenschaft

Der Begriff Empirie leitet sich vom griechischen Wort empeira ab und bedeutet Erfahrung. Empirische Wissenschaften prüfen ihre Aussagen daher nicht nur theoretisch, sondern anhand von Beobachtungen, Messungen und systematisch erhobenen Daten. Auch die Kriminologie geht so vor. Sie untersucht beispielsweise, wie häufig bestimmte Delikte vorkommen, welche sozialen Bedingungen Kriminalität begünstigen, wie Opfer und Täter strukturiert sind oder wie Polizei, Justiz und Gesellschaft auf Kriminalität reagieren.

Die Kriminologie arbeitet dabei mit den Methoden der empirischen Sozialforschung. Diese Methoden helfen, soziale Phänomene nicht nur zu beschreiben, sondern nachvollziehbar und überprüfbar zu untersuchen. Für Studierende der Polizei und Kriminologie ist ein solches Grundverständnis besonders hilfreich, weil viele kriminologische Theorien, Statistiken und Studien ohne methodische Grundkenntnisse nur schwer einzuordnen sind.

Unter empirischer Sozialforschung wird eine Gesamtheit von Methoden, Techniken und Instrumenten zur wissenschaftlich korrekten Durchführung von Untersuchungen des menschlichen Verhaltens und weiterer sozialer Phänomene verstanden.
(Häder, 2015, S. 12)

Warum braucht die Kriminologie empirische Forschung?

Kriminologie beschäftigt sich mit Fragen, die sich nicht allein durch Nachdenken beantworten lassen. So reicht es beispielsweise nicht aus zu vermuten, dass Armut, Migration, Polizeipräsenz oder Medienberichte Kriminalität beeinflussen. Solche Annahmen müssen überprüft werden. Genau dafür braucht die Kriminologie empirische Forschung.

Empirische Forschung hilft unter anderem dabei,

Die hierfür benötigten Daten können aus sehr unterschiedlichen Quellen stammen, etwa aus Kriminalstatistiken, Dunkelfeldstudien, standardisierten Befragungen, Interviews, Beobachtungen oder Dokumentenanalysen.

Methoden verstehen – Kriminologie anwendenDie methodischen Grundlagen quantitativer und qualitativer Forschung werden im Bereich empirische Sozialforschung erklärt. Dieser Beitrag zeigt vor allem, wie solche Methoden konkret in der Kriminologie eingesetzt werden – etwa in Dunkelfeldstudien, Polizeiexperimenten, Gefängnisforschung oder ethnographischen Untersuchungen von Subkulturen.

Quantitative und qualitative Methoden – was ist der Unterschied?

Grundsätzlich lassen sich die Methoden der empirischen Sozialforschung in quantitative und qualitative Verfahren unterscheiden. Für viele Studierende wirken diese Begriffe auf den ersten Blick kompliziert. Tatsächlich ist der Grundgedanke jedoch recht einfach.

Quantitativ hat mit Quantität, also mit Menge, Zahl und Häufigkeit zu tun. Quantitative Forschung fragt zum Beispiel:

Quantitative Forschung arbeitet also vor allem mit Zahlen, Häufigkeiten, Prozentwerten und statistischen Zusammenhängen.

Qualitativ bedeutet dagegen nicht „besser“ oder „schlechter“, sondern zielt auf die Beschaffenheit, Bedeutung und Deutung eines sozialen Phänomens. Qualitative Forschung fragt eher:

Qualitative Forschung interessiert sich also stärker für Sinnzusammenhänge, Deutungsmuster, Erfahrungen und soziale Prozesse.

Einfach gesagt:

  • Quantitative Forschung fragt eher: Wie viel? Wie oft? Wie stark?
  • Qualitative Forschung fragt eher: Wie? Warum? Mit welcher Bedeutung?

Beide Zugänge sind wissenschaftlich wichtig. Sie verfolgen nur unterschiedliche Erkenntnisziele.

Quantitative Methoden in der Kriminologie

Ein großer Teil kriminologischer Forschung arbeitet mit quantitativen Methoden. Diese Verfahren versuchen, soziale Phänomene in messbare Merkmale zu übersetzen und anschließend statistisch auszuwerten. Das Ziel besteht darin, Regelmäßigkeiten, Unterschiede und Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Typische quantitative Forschungsdesigns in der Kriminologie sind zum Beispiel:

Viele bekannte kriminologische Studien arbeiten mit solchen quantitativen Verfahren. Einige Beispiele sind:

Die Unterscheidung zwischen quantitativen und qualitativen Methoden ist nicht nur technisch, sondern auch wissenschaftlich umstritten. In der Sozialforschung hat sich daraus ein regelrechter Methodenstreit entwickelt.

Quantitativ vs. qualitativ – ein klassischer MethodenstreitIn der Sozial- und Kriminalforschung wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, welche Methoden „besser“ geeignet sind, um soziale Wirklichkeit zu untersuchen. Diese Debatte wird häufig als Methodenstreit zwischen quantitativer und qualitativer Forschung beschrieben.

Quantitative Forschung arbeitet vor allem mit Zahlen, statistischen Zusammenhängen und großen Datensätzen. Kritiker werfen ihr jedoch vor, soziale Wirklichkeit zu stark zu vereinfachen. Der britische Kriminologe Jock Young sprach in diesem Zusammenhang polemisch von „Voodoo Criminology“: Es würden komplexe soziale Probleme in statistische Modelle übersetzt, die mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit von Tätern, Opfern oder sozialen Milieus nur noch wenig zu tun hätten.

Qualitative Forschung versucht dagegen, soziale Prozesse, Bedeutungen und Lebenswelten zu verstehen, etwa durch Interviews, Beobachtungen oder Fallstudien. Kritiker bemängeln hier jedoch häufig eine mangelnde Repräsentativität: Einzelne Fallstudien oder kleine Interviewgruppen lassen sich nicht ohne Weiteres auf die gesamte Gesellschaft übertragen.

Heute gilt in der empirischen Sozialforschung weitgehend als Konsens: Beide Ansätze haben ihre Stärken und ihre Grenzen. Quantitative Forschung kann zeigen, wie häufig bestimmte Phänomene auftreten und welche statistischen Zusammenhänge bestehen. Qualitative Forschung kann erklären, wie Menschen diese Phänomene erleben, interpretieren und in ihrem Alltag bewältigen.

Viele moderne Studien kombinieren deshalb beide Zugänge. Solche Forschungsdesigns werden als Mixed Methods bezeichnet.

Standardisierte Befragungen

Bei Befragungen handelt es sich um eines der bekanntesten und am häufigsten verwendeten Verfahren. In der Regel sind diese Befragungen standardisiert. Das bedeutet: Alle Befragten erhalten dieselben Fragen in derselben Reihenfolge und mit denselben Antwortmöglichkeiten. Gerade dadurch werden die Antworten vergleichbar.

Der große Vorteil solcher Befragungen liegt darin, dass in relativ kurzer Zeit viele Personen erreicht werden können. Das macht es möglich, Aussagen über größere Gruppen zu treffen und statistische Muster sichtbar zu machen.

Mehr zu dieser Methode findest du hier:
Standardisierte Befragungen.

VorteileNachteile
face-to-facees kann sichergestellt werden, dass der Fragebogen korrekt ausgefüllt wird;
Interviewsituation schafft "Verbindlichkeit"
kostenintensiv, da Interviewer bezahlt werden müssen;
zeitintensiv, je mehr Interviewer, desto mehr Datensätze können erhoben werden;
Problem der sozialen Erwünschtheit;
Befragung zu sensiblen Themen erfordert "Fingerspitzengefühl" der Interviewer
postalischErfassung vieler Datensätze innerhalb kurzer Zeit möglichkostenintensiv durch entstehende Druck- und Portokosten;
es kann nicht sichergestellt werden, dass wirklich die gewünschte Person innerhalb eines Haushaltes den Fragebogen ausfüllt;
Interviewsituation unterliegt keiner sozialen Kontrolle --> vorzeitiger Abbruch der Befragung, Scherzantworten;
Rücklaufquote evtl. gering;
Daten müssen vor Weiterverarbeitung elektronisch erfasst werden
telefonischInterviewsituation schafft "Verbindlichkeit";
über die Vorwahl von Festnetznummern lässt sich der Wohnort der Befragten eingrenzen
kostenintensiv, da Interviewer bezahlt werden müssen;
zeitintensiv, je mehr Interviewer, desto mehr Datensätze können erhoben werden;
Problem der sozialen Erwünschtheit;
es werden nur Menschen erreicht, die über a) einen Telefonanschluss verfügen, b) zur gegebenen Zeit vor Ort sind
Internet-gestützt Erfassung vieler Datensätze innerhalb kurzer Zeit möglich;
sehr kostengünstiges Verfahren;
Daten werden von vornherein elektronisch erfasst und müssen vor Weiterverarbeitung nicht aufbereitet werden;
gut geeignet für Schneeballverfahren (Weiterempfehlung über soziale Netzwerke)
es werden nur Menschen erreicht, die Zugang zum Internet haben; Interviewsituation unterliegt keiner sozialen Kontrolle --> vorzeitiger Abbruch der Befragung, Scherzantworten;
evtl. datenschutzrechtliche Probleme je nach verwendeter Software

Viele quantitative Studien der Kriminologie arbeiten mit Stichproben und versuchen, Aussagen zu treffen, die über die befragte Gruppe hinausreichen. Wie Repräsentativität genau hergestellt wird und welche methodischen Probleme dabei auftreten, wird ausführlicher im Beitrag Standardisierte Befragungen erklärt.

Beispiel: Schülerbefragungen des KFN

Ein bekanntes Beispiel für standardisierte Befragungen in der Kriminologie sind die wiederholt durchgeführten Schülerbefragungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Diese Studien erfassen Täter- und Opfererfahrungen von Schülerinnen und Schülern und sind als Dunkelfeldforschung angelegt.

Der Vorteil solcher Befragungen liegt darin, dass durch das schulische Setting sehr viele Jugendliche erreicht werden können. Dadurch lassen sich Aussagen über Delinquenz, Viktimisierung, Gewalt, Substanzkonsum oder Einstellungen zur Polizei treffen, die in offiziellen Statistiken oft gar nicht sichtbar werden.

Auch international spielen solche Befragungen eine wichtige Rolle. In den USA wird beispielsweise seit den 1970er Jahren die National Crime Victimization Survey durchgeführt. Diese regelmäßig wiederholte Opferbefragung gilt als eines der wichtigsten Instrumente zur Untersuchung von Dunkelfeldkriminalität.

Operationalisierung in der Kriminologie

Auch in der Kriminologie müssen viele abstrakte Begriffe – etwa Kriminalitätsfurcht, Devianz oder Vertrauen in die Polizei – zunächst in beobachtbare und messbare Indikatoren übersetzt werden. Dieser Schritt wird als Operationalisierung bezeichnet.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Kritik am Standardindikator zur Messung von Kriminalitätsfurcht. Die scheinbar einfache Frage nach dem Sicherheitsgefühl bildet nur einen kleinen Ausschnitt eines sehr komplexen Phänomens ab. Die methodischen Grundlagen dazu werden im Bereich empirische Sozialforschung genauer erläutert.

Vor- und Nachteile standardisierter Befragungen auf einen Blick

Vorteile

Nachteile

Berühmte Studien der KriminologieViele Erkenntnisse der Kriminologie beruhen auf bekannten empirischen Studien. Einige Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Kriminalität wissenschaftlich untersucht werden kann:

  • Minneapolis Domestic Violence Experiment (Sherman & Berk, 1984): Ein randomisiertes Polizeiexperiment untersuchte, ob die Festnahme von Tätern häuslicher Gewalt zukünftige Gewalttaten reduziert.
  • Kansas City Preventive Patrol Experiment (1972–1973): Diese Studie analysierte, ob verstärkte Polizeistreifen Kriminalität reduzieren. Das Ergebnis zeigte überraschend geringe Effekte erhöhter Polizeipräsenz.
  • Cambridge Study in Delinquent Development (Farrington, seit 1961): Eine Langzeitstudie über mehrere Jahrzehnte, die untersucht, wie sich kriminelle Karrieren im Lebensverlauf entwickeln.
  • The Society of Captives (Sykes, 1958): Eine klassische Untersuchung des sozialen Lebens in Gefängnissen und der sogenannten „Pains of Imprisonment“.
  • The Gang (Thrasher, 1927): Eine ethnographische Studie über Jugendgangs in Chicago, die als frühe empirische Grundlage der Theorie der sozialen Desorganisation gilt.
  • KFN-Schülerbefragungen (seit den 1990er Jahren): Groß angelegte Dunkelfeldstudien zu Jugenddelinquenz, Viktimisierung und Gewalt in Deutschland.

Solche Studien zeigen, dass Kriminologie nicht nur theoretisch arbeitet, sondern auf systematischen Datenerhebungen, Beobachtungen und Experimenten basiert.

Qualitative Methoden in der Kriminologie

Neben statistischen Verfahren spielen auch qualitative Methoden eine wichtige Rolle. Diese Verfahren versuchen nicht in erster Linie zu zählen, sondern zu verstehen. Sie interessieren sich für Sichtweisen, Erfahrungen, Deutungen und soziale Prozesse.

Qualitative Forschung ist vor allem dann sinnvoll, wenn man wissen möchte, wie Menschen ihre eigene Lebenswelt wahrnehmen und interpretieren. In der Kriminologie betrifft das zum Beispiel:

Typische qualitative Verfahren sind:

Qualitative Forschung fragt also stärker nach dem Wie und Warum sozialer Prozesse. Sie ist besonders nützlich, wenn man komplexe Lebenswelten, institutionelle Routinen oder subjektive Erfahrungen verstehen möchte.

Beispiel:Eine quantitative Studie kann zeigen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen häufiger kontrolliert werden. Eine qualitative Studie kann dagegen untersuchen, wie die Betroffenen diese Kontrollen erleben, wie Polizistinnen und Polizisten ihre Entscheidungen begründen und welche Deutungsmuster dahinterstehen.

Viele klassische Studien der Kriminologie beruhen auf solchen qualitativen Verfahren. Einige bekannte Beispiele sind:

Quantitativ oder qualitativ – was ist besser?

Diese Frage wird gerade von Studienanfängern häufig gestellt. Die kurze Antwort lautet: Keine Methode ist grundsätzlich besser. Welche Methode geeignet ist, hängt immer von der Forschungsfrage ab.

Wer wissen will, wie häufig ein Phänomen auftritt oder welche Faktoren statistisch zusammenhängen, arbeitet eher quantitativ. Wer verstehen will, wie Menschen eine Situation deuten oder erleben, arbeitet eher qualitativ.

In der modernen Forschung werden beide Zugänge oft kombiniert. Man spricht dann von Mixed Methods. So kann etwa eine Befragung zunächst einen statistischen Zusammenhang sichtbar machen, der anschließend in Interviews genauer untersucht wird.

Bedeutung empirischer Forschung für die Kriminologie

Empirische Forschung erfüllt in der Kriminologie mehrere wichtige Funktionen. Sie hilft dabei, Theorien zu überprüfen, Kriminalitätsentwicklungen zu beschreiben, Dunkelfelder sichtbar zu machen und kriminalpolitische Maßnahmen zu bewerten. Ohne empirische Forschung bliebe die Kriminologie auf Vermutungen, Einzelfälle oder politische Deutungen angewiesen.

Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen wissenschaftlich überprüften Befunden und bloßen Alltagsannahmen zu unterscheiden. Wer Kriminalität verstehen will, muss nicht nur über Täter, Opfer, Polizei oder Strafe sprechen, sondern auch fragen, wie dieses Wissen überhaupt zustande kommt.

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Literatur und weiterführende Informationen

Kriminologische Forschungseinrichtungen