Kultur-, emotions- und situationsorientierte Kriminalitätstheorien
Kultur-, emotions- und situationsorientierte KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. erklären abweichendes Verhalten nicht allein durch soziale Benachteiligung oder individuelle Pathologie, sondern rücken kulturelle Bedeutungen, emotionale Erfahrungen und konkrete Handlungssituationen in den Mittelpunkt. Kriminalität erscheint in diesen Ansätzen als soziales Handeln im Sinne Max Webers – sinnhaft auf andere Akteure bezogen und eingebettet in spezifische kulturelle Kontexte.
Innerhalb dieses Theorieclusters lassen sich unterschiedliche Akzente erkennen: Einige Ansätze analysieren die kulturelle Konstruktion von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. (Cultural CriminologyCultural Criminology ist ein kriminologischer Ansatz, der Kriminalität und soziale Kontrolle als kulturell geprägte Phänomene versteht und analysiert. Im Fokus stehen die Bedeutungen, Symbole und gesellschaftlichen Diskurse, die Kriminalität umgeben., Kulturkonflikttheorie, Code of the Street), andere rücken die emotionale Dynamik krimineller Handlungen in den Mittelpunkt (Seductions of Crime), während wiederum andere riskantes Verhalten als Suche nach Grenzerfahrungen interpretieren (EdgeworkEdgework bezeichnet freiwillige Handlungen, bei denen Individuen bewusst die Grenze zwischen Kontrolle und Kontrollverlust aufsuchen.). Mit der Narrative Criminology tritt schließlich eine Perspektive hinzu, die die Bedeutung von Geschichten, Deutungen und Narrativen für kriminelles Handeln hervorhebt.
Zu den zentralen Theorien zählen die Cultural Criminology, die mediale und kulturelle Bedeutungszuschreibungen von Kriminalität analysiert, die Kulturkonflikttheorie von Thorsten Sellin, die Normenkonflikte zwischen Kulturen betont, Jack Katz’ Seductions of Crime, die den emotionalen Reiz krimineller Handlungen untersucht, sowie Stephen Lyngs Edgework-Konzept, das riskantes Handeln als Suche nach Spannung und Grenzerfahrung beschreibt. Ergänzt werden diese Perspektiven durch die Narrative Criminology, die kriminelles Verhalten als Ergebnis bestimmter Deutungsmuster und Geschichten interpretiert, sowie durch Elijah Andersons Konzept des Code of the Street, das informelle Gewaltregeln in marginalisierten städtischen Milieus beschreibt.
Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Abgrenzung von rational-kalkulatorischen und streng strukturellen Erklärungen. Stattdessen betonen sie, dass die Bedeutung einer kriminellen Handlung nur aus dem Zusammenspiel von Akteur, Situation und kulturellem Kontext verstanden werden kann.
Die Cultural Criminology versteht sich als eine Form verstehender Wissenschaft, die die wechselseitigen Beziehungen zwischen den mit der Kriminalitätskontrolle befassten Akteuren und den als „kriminell“ oder „abweichend“ etikettierten Akteuren analysiert. Sie knüpft damit ausdrücklich an den Labeling-Ansatz an, erweitert diesen jedoch um eine Analyse medial vermittelter Bedeutungszuschreibungen von Kriminalität und Kriminalitätskontrolle. Eine programmatische Darstellung dieses Ansatzes findet sich in dem Schlüsselwerk Cultural Criminology: An Invitation von Jeff Ferrell, Keith Hayward und Jock Young. Als kriminell etikettierte Handlungen – häufig aus jugendlichen Subkulturen oder marginalisierten Gruppen – erscheinen hier als Ausdruck einer bewussten Überschreitung normativer Grenzen (Transgression).
Auch die Kulturkonflikttheorie von Thorsten Sellin stellt die kulturelle Bedingtheit normativer Ordnung in den Mittelpunkt. Kriminalität entsteht hier nicht notwendigerweise aus devianter Absicht, sondern aus einem Konflikt zwischen konkurrierenden Normensystemen – etwa dann, wenn kulturell tradierte Handlungsmuster in einem neuen gesellschaftlichen Kontext plötzlich als rechtswidrig gelten. Die Theorie verweist damit auf die Notwendigkeit, kriminelles Verhalten auch als Ausdruck kultureller Inkongruenz zu begreifen und ist damit besonders anschlussfähig an Debatten über Migration und Integration.
Das Konzept des Code of the Street von Elijah Anderson beschreibt informelle Normensysteme in marginalisierten urbanen Milieus. In Kontexten schwacher staatlicher KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird., sozialer Ungleichheit und räumlicher Segregation entwickeln sich eigene Regeln zur Herstellung von Respekt und sozialem StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist.. Gewalt kann dabei als legitimes Mittel erscheinen, um Anerkennung zu sichern oder Bedrohungen abzuwehren.
Die Narrative Criminology hebt hervor, dass kriminelles Handeln häufig durch Geschichten und Deutungsmuster strukturiert wird. Individuen interpretieren ihre Handlungen und Erfahrungen in Form von Narrativen, die bestimmte Formen von GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen., Regelbruch oder Widerstand legitimieren können. Der Ansatz ist damit eng anschlussfähig an den Symbolischen Interaktionismus und an Fragen der gesellschaftlichen Zuschreibung.
Sowohl Jack Katz als auch Stephen Lyng nehmen mit ihren jeweiligen Ansätzen ausdrücklich Bezug auf die emotionale Dimension von Kriminalität.
Kriminelles Verhalten ist häufig eine emotionsbetonte Aktivität, deren Sinnhaftigkeit und Bedeutung sich erst aus der konkreten Handlungssituation erschließen lässt. Sowohl dieses Verhalten als auch die Formen der Kriminalitätskontrolle sind daher nur im jeweiligen kulturellen Kontext verständlich.
In Seductions of Crime entwickelt Jack Katz eine emotionszentrierte Perspektive auf Kriminalität. Nicht der rational kalkulierende homo oeconomicus, sondern der wütende, erniedrigte, panische oder euphorisch erregte Mensch steht im Mittelpunkt der Erklärung. Kriminalität erscheint hier als sinnhaftes, situativ eingebettetes Handeln mit eigener moralischer und ästhetischer Logik.
Das Edgework-Konzept von Stephen Lyng beschreibt riskante Grenzerfahrungen, bei denen Akteure bewusst Situationen zwischen Kontrolle und Kontrollverlust suchen. Abweichendes Verhalten erscheint hier als Versuch, Routine, Fremdbestimmung und Alltäglichkeit zu durchbrechen und in der Grenzerfahrung ein gesteigertes Gefühl von Selbstwirksamkeit zu gewinnen.
Vergleich zentraler Ansätze
| Theorie | Zentrale Idee | Erklärung von Kriminalität | Fokus |
|---|---|---|---|
| Cultural Criminology | Kriminalität ist kulturell konstruiert und medial vermittelt. | Devianz entsteht im Spannungsfeld von SubkulturEine Subkultur bezeichnet eine Gruppe innerhalb einer Gesellschaft, die sich durch abweichende Werte, Normen, Verhaltensweisen oder symbolische Ausdrucksformen von der Mehrheitskultur unterscheidet., Medien und sozialer Kontrolle. | KulturKultur bezeichnet die Gesamtheit gemeinsamer Bedeutungen, Symbole, Praktiken und Lebensweisen einer Gesellschaft oder Gruppe., Medien, Bedeutungszuschreibungen |
| Kulturkonflikttheorie (Sellin) | Kriminalität entsteht durch Konflikte zwischen unterschiedlichen Normensystemen. | Handlungen werden kriminell, wenn kulturelle Regeln einer GruppeEine Gruppe ist eine soziale Einheit von mindestens zwei bzw. drei Personen, die durch gemeinsame Interaktionen, Ziele oder Zugehörigkeitsgefühle verbunden sind. mit denen der Mehrheitsgesellschaft kollidieren. | Kultur, Normkonflikte |
| Code of the Street (Anderson) | Informelle Gewaltregeln entstehen in marginalisierten urbanen Milieus. | Gewalt dient der Herstellung von Respekt und sozialem Status. | Kultur, Status, Situation |
| Narrative Criminology | Kriminalität wird durch Geschichten und Deutungsmuster strukturiert. | Narrative legitimieren und motivieren Regelverletzungen. | Bedeutungen, Narrative, Interpretation |
| Seductions of Crime (Katz) | Kriminalität besitzt eine emotionale und ästhetische Attraktivität. | Handlungen werden durch Gefühle wie Wut, Demütigung oder Spannung motiviert. | Emotion, subjektive Erfahrung |
| Edgework (Lyng) | Menschen suchen bewusst riskante Grenzerfahrungen. | DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. entsteht als Suche nach Intensität und Grenzerfahrung. | RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit., Grenzerfahrung, Situation |
Kontext
Die Begriffe Kultur, Emotion und Situation spielen auch in anderen Kriminalitätstheorien eine wichtige RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist., werden dort jedoch unterschiedlich interpretiert.
So begreifen etwa Anomietheorien – insbesondere die General Strain Theory – Kriminalität als Folge emotionaler Belastungen, die aus sozialen Spannungen entstehen. EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind. werden hier vor allem als Reaktion auf negative Erfahrungen verstanden. Die kultur- und emotionsorientierten Ansätze betrachten Emotionen hingegen nicht primär als pathologische Folge sozialer Belastungen, sondern als wertneutrale Kategorie zur Erklärung menschlichen Handelns.
Auch Rational-Choice-Ansätze verstehen Kriminalität als situatives Phänomen. Sie gehen jedoch davon aus, dass Akteure Kosten und Nutzen einer Handlung rational abwägen. Kultur- und emotionsorientierte Ansätze kritisieren diesen ausschließlich kalkulatorischen Blick auf menschliches Verhalten und betonen stattdessen die Bedeutung von Emotionen, symbolischen Bedeutungen und sozialen Kontexten.
Der Kulturbegriff ist in der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. traditionell besonders stark durch die Subkulturtheorien geprägt. Diese erklären Kriminalität als Folge sozialer Lernprozesse innerhalb bestimmter Gruppen. Während die klassischen SubkulturtheorienSubkulturtheorien sind soziologische und kriminologische Ansätze, die abweichendes Verhalten und Kriminalität als Ausdruck spezifischer Werte, Normen und Lebensstile innerhalb sozialer Gruppen interpretieren, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. noch von einem relativ einheitlichen gesellschaftlichen Normensystem ausgingen, betonen neuere Ansätze wie die Cultural Criminology die Pluralität moderner Gesellschaften. Aus dieser Perspektive erscheint die Kriminalisierung bestimmter Verhaltensweisen häufig als Versuch, eine dominante gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren und bestehende Machtverhältnisse zu sichern.
Anwendungsbezug: Welche Formen von Kriminalität erklären kultur-, emotions- und situationsorientierte Ansätze?
Diese Perspektiven eignen sich besonders zur Erklärung von Kriminalitätsformen, bei denen kulturelle Bedeutungen, emotionale Dynamiken oder situative Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen.
- Jugend- und Subkulturdelinquenz: etwa Graffiti, Vandalismus oder bestimmte Formen urbaner Protestkultur.
- Emotionale Gewaltkonflikte: spontane Gewalthandlungen, Eskalationen in Konfliktsituationen oder Ehrverletzungen.
- Risikoorientiertes Verhalten: beispielsweise illegale Straßenrennen, Hooliganismus oder extrem riskante Freizeitpraktiken.
- Symbolisch aufgeladene Devianz: Kriminalitätsformen, die stark mit kulturellen Bedeutungen, medialer Aufmerksamkeit oder Identitätskonstruktionen verbunden sind.
- Respekt- und Statuskonflikte: insbesondere Gewalt in Milieus, in denen Anerkennung, MännlichkeitMännlichkeit bezeichnet kulturell und sozial geformte Vorstellungen davon, was als „männlich“ gilt. oder Straßenstatus situativ verteidigt werden müssen.
- Narrativ gerahmte Devianz: DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen., die durch Selbstdeutungen, Rechtfertigungsgeschichten oder identitätsstiftende Erzählungen vorbereitet und legitimiert wird.
Weniger geeignet sind diese Ansätze hingegen zur Erklärung von Kriminalitätsformen, die primär durch strukturelle Ungleichheit oder rational kalkulierte Nutzenmaximierung geprägt sind – Bereiche, die eher von Anomietheorien oder Rational-Choice-Theorien behandelt werden.



