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Grounded Theory

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2026 | Veröffentlicht: 19. April 2026 von Christian Wickert

Die Grounded Theory ist eine qualitative Forschungsmethode der empirischen Sozialforschung, die darauf abzielt, Theorien direkt aus empirischen Daten heraus zu entwickeln. Anders als viele andere Forschungsansätze beginnt die Grounded Theory nicht mit einer vorab formulierten Theorie, die anschließend überprüft wird. Stattdessen entsteht die theoretische Erklärung Schritt für Schritt während der Analyse des Datenmaterials.

Der Ansatz wurde in den 1960er Jahren von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelt. Ihr Ziel war es, sozialwissenschaftliche Forschung stärker an der empirischen Realität auszurichten. Theorien sollten nicht nur abstrakte Modelle bleiben, sondern aus systematischer Analyse sozialer Prozesse hervorgehen.

Die Grounded Theory wird besonders häufig in der Soziologie, der Kriminologie, der Sozialarbeit oder der Organisationsforschung eingesetzt. Sie eignet sich vor allem dann, wenn soziale Phänomene noch wenig erforscht sind oder wenn Forschende verstehen möchten, wie Menschen soziale Situationen interpretieren und bewältigen.

Inhaltsverzeichnis

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  • Was ist Grounded Theory?
    • Grounded Theory auf einen Blick
  • Wann eignet sich Grounded Theory?
  • Theoretische Grundlagen
  • Datengrundlagen der Grounded Theory
  • Zentrale Prinzipien der Grounded Theory
    • Wichtige Begriffe der Grounded Theory
  • Vorgehen in der Grounded-Theory-Methode
    • 1. Offenes Codieren
    • 2. Axiales Codieren
    • 3. Selektives Codieren
    • Typischer Ablauf einer Grounded-Theory-Studie
  • Beispiele aus Soziologie und Kriminologie
  • Vorteile der Methode
  • Nachteile und Grenzen
  • Fazit
  • Weiterführende Literatur

Was ist Grounded Theory?

Die Grounded Theory ist ein Forschungsansatz, bei dem aus der systematischen Auswertung qualitativer Daten schrittweise theoretische Konzepte entwickelt werden. Die Theorie entsteht also nicht vor der Datenerhebung, sondern wird im Verlauf des Forschungsprozesses aus den Daten heraus entwickelt.

Typische Datenquellen sind beispielsweise Interviews, Beobachtungen, Dokumente oder Feldnotizen. Durch fortlaufendes Vergleichen und Interpretieren dieser Daten werden zentrale Kategorien identifiziert, die schließlich zu einer theoretischen Erklärung eines sozialen Phänomens führen.

Grounded Theory auf einen Blick

Die Grounded Theory ist eine qualitative Forschungsmethode, bei der theoretische Konzepte und Erklärungen systematisch aus empirischen Daten entwickelt werden. Ziel ist eine gegenstandsnahe Theorie, die auf der Analyse realer sozialer Prozesse basiert.

Wann eignet sich Grounded Theory?

Die Grounded Theory eignet sich besonders für Forschungsfragen

  • bei denen soziale Prozesse untersucht werden sollen
  • bei denen noch wenig theoretisches Wissen vorliegt
  • bei denen subjektive Bedeutungen und Handlungen im Mittelpunkt stehen

Theoretische Grundlagen

Die Grounded Theory entstand im Kontext des Symbolischen Interaktionismus. Dieser Ansatz geht davon aus, dass soziale Wirklichkeit durch Interaktionen zwischen Menschen hergestellt wird und dass Bedeutungen im sozialen Austausch entstehen.

Glaser und Strauss kritisierten, dass viele sozialwissenschaftliche Theorien zu abstrakt seien und sich zu wenig auf empirische Beobachtungen stützten. Mit der Grounded Theory wollten sie ein Verfahren entwickeln, das systematisch zeigt, wie aus Daten theoretische Konzepte entstehen können.

Ein zentraler Gedanke ist dabei der sogenannte konstante Vergleich. Neue Daten werden immer wieder mit bereits analysierten Daten verglichen, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und wiederkehrende Muster zu identifizieren.

Datengrundlagen der Grounded Theory

Grounded-Theory-Studien arbeiten häufig mit qualitativem Material, etwa:

  • Leitfadeninterviews oder Experteninterviews
  • Beobachtungsprotokollen aus ethnographischen Studien
  • Dokumenten oder institutionellen Texten
  • Online-KommunikationKommunikation, die über digitale Medien und Internetplattformen erfolgt. oder Social-Media-Beiträge
  • Feldnotizen aus qualitativen Forschungsprojekten

Entscheidend ist dabei nicht die Menge der Daten, sondern deren analytische Auswertung. Durch systematisches Codieren werden zentrale Themen und Zusammenhänge herausgearbeitet.

Zentrale Prinzipien der Grounded Theory

Die Grounded Theory folgt mehreren grundlegenden Prinzipien:

  • Offenheit: Forschung beginnt ohne festgelegte Hypothesen. Stattdessen entwickeln sich theoretische Annahmen schrittweise während der Analyse des Materials.
  • Theorieentwicklung aus Daten: Konzepte entstehen aus der Analyse empirischen Materials.
  • Konstanter Vergleich: Daten werden kontinuierlich miteinander verglichen.
  • Memo Writing: Während der Analyse erstellen Forschende häufig sogenannte Memos. Dabei handelt es sich um analytische Notizen, in denen Ideen, Hypothesen und Zusammenhänge festgehalten werden.
  • Theoretical Sampling: Die Datenauswahl orientiert sich an der entstehenden Theorie.
  • Sättigung: Datenerhebung endet, wenn keine neuen theoretischen Erkenntnisse entstehen.

Wichtige Begriffe der Grounded Theory

  • Codieren: systematische Analyse und Strukturierung von Daten
  • Kategorien: zentrale analytische Begriffe, die aus den Daten entwickelt werden
  • Theoretical Sampling: gezielte Auswahl weiterer Fälle zur Weiterentwicklung der Theorie
  • Theoretische Sättigung: Zustand, in dem zusätzliche Daten keine neuen Erkenntnisse liefern

Vorgehen in der Grounded-Theory-Methode

1. Offenes Codieren

Im ersten Schritt werden Texte, Interviews oder Beobachtungen Zeile für Zeile analysiert. Dabei werden einzelne Aussagen oder Ereignisse mit analytischen Begriffen versehen. Ziel ist es, möglichst viele relevante Aspekte des Materials zu identifizieren.

2. Axiales Codieren

Im nächsten Schritt werden Beziehungen zwischen den zuvor entwickelten Kategorien untersucht. Dabei wird analysiert, welche Ursachen, Bedingungen oder Folgen mit bestimmten Phänomenen verbunden sind.

3. Selektives Codieren

Schließlich wird eine zentrale Kategorie identifiziert, die den Kern des untersuchten sozialen Prozesses bildet. Die übrigen Kategorien werden auf diese zentrale Erklärung bezogen.

Typischer Ablauf einer Grounded-Theory-Studie

  1. Datenerhebung (z. B. Interviews oder Beobachtungen)
  2. Offenes Codieren des Materials
  3. Konstanter Vergleich von Daten und Kategorien
  4. Axiales Codieren und Analyse von Zusammenhängen
  5. Selektives Codieren und Entwicklung einer Theorie

Beispiele aus Soziologie und Kriminologie

Die Grounded Theory eignet sich besonders zur Untersuchung sozialer Prozesse, etwa:

  • Entstehung krimineller Karrieren
  • Interaktionen zwischen PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. und Bürgern
  • Bewältigungsstrategien von Straffälligen
  • Entscheidungsprozesse in Organisationen
  • Erfahrungen von marginalisierten Gruppen

In der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. könnte beispielsweise untersucht werden, wie Jugendliche in bestimmten sozialen Milieus in kriminelle Aktivitäten hineingeraten oder wie Polizisten Entscheidungen in unsicheren Situationen treffen. Durch die Analyse von Interviews oder Beobachtungen können dabei schrittweise theoretische Modelle sozialer Handlungsprozesse entwickelt werden.

Vorteile der Methode

  • Hohe Nähe zur empirischen Realität: Theorien entstehen direkt aus der Analyse sozialer Prozesse.
  • Offener Forschungsprozess: Unerwartete Phänomene können entdeckt werden.
  • Geeignet für wenig erforschte Themen: Besonders nützlich bei neuen oder komplexen sozialen Problemen.
  • Flexibilität: Datenerhebung und Analyse beeinflussen sich gegenseitig.

Nachteile und Grenzen

  • Zeitaufwendig: Die systematische Analyse großer Datenmengen erfordert viel Aufwand.
  • Hohe Anforderungen an Forschende: Interpretation und Kategorienbildung erfordern analytische Erfahrung.
  • Begrenzte Generalisierbarkeit: Ergebnisse beziehen sich meist auf spezifische soziale Kontexte.
  • Gefahr subjektiver Interpretation: Kategorien können von den Annahmen der Forschenden beeinflusst werden.

Fazit

Die Grounded Theory ist eine der wichtigsten Methoden der qualitativen Sozialforschung. Ihr Ziel besteht darin, gegenstandsnahe Theorien aus empirischen Daten zu entwickeln. Statt bestehende Theorien lediglich zu überprüfen, ermöglicht sie es, neue theoretische Konzepte zu formulieren und soziale Prozesse besser zu verstehen.

Gerade in der Soziologie und Kriminologie bietet die Grounded Theory wertvolle Möglichkeiten, komplexe soziale Interaktionen und Handlungsprozesse zu analysieren. Durch die systematische Verbindung von Datenerhebung und Theorieentwicklung trägt sie dazu bei, empirisch fundierte Erklärungen sozialer Phänomene zu entwickeln.

Weiterführende Literatur

  • Glaser, B. & Strauss, A. (1967). The Discovery of Grounded Theory. Chicago: Aldine.
  • Strauss, A. & Corbin, J. (1996). Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.
  • Charmaz, K. (2014). Constructing Grounded Theory. London: Sage.
  • Mey, G. & Mruck, K. (2011). Grounded Theory Reader. Wiesbaden: VS Verlag.

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Kategorie: Forschung Tags: Empirische Sozialforschung, Grounded Theory, Interviews, Kriminologische Forschung, Qualitative Datenanalyse, qualitative Forschung, qualitative Methoden, Sozialwissenschaftliche Methoden, Symbolischer Interaktionismus, Theorieentwicklung

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