Einleitung
Professorin oder Professor zu werden gehört für viele Studierende zu den attraktivsten akademischen Berufszielen. Wissenschaftliche Freiheit, eigenständige Forschung, die Arbeit mit jungen Menschen und die Möglichkeit, ein Fachgebiet dauerhaft mitzugestalten, machen den Beruf auf den ersten Blick äußerst reizvoll.
Die Realität ist allerdings deutlich komplexer. Der Weg zur Professur gehört zu den anspruchsvollsten Karrierewegen überhaupt. Promotion, wissenschaftliche Publikationen, befristete Beschäftigungen, Konkurrenz um wenige Stellen und jahrelange Unsicherheit prägen für viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler den Berufsalltag lange bevor überhaupt eine Professur in Sicht kommt.
Hinzu kommt, dass sich hinter der Berufsbezeichnung Professorin beziehungsweise Professor sehr unterschiedliche Tätigkeiten verbergen. Die Arbeit an einer Universität unterscheidet sich teilweise erheblich von einer Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Beide Wege verlangen hohe Qualifikationen, verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele und eröffnen unterschiedliche Möglichkeiten.
Dieser Beitrag erklärt, welche Wege zur Professur führen, worin sich Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften unterscheiden und welche Chancen, Risiken und persönlichen Voraussetzungen mit einer wissenschaftlichen Laufbahn verbunden sind.
Der Beitrag beschreibt keinen verlässlich planbaren Erfolgsweg. Er ist aus der Perspektive eines Hochschullehrers geschrieben, dem eine Berufung gelungen ist. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass dieser Weg allein auf besonderer Leistung oder richtigen Karriereentscheidungen beruhte. Ich kenne zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die fachlich mindestens ebenso qualifiziert, produktiv und engagiert sind, aber trotz wiederholter Bewerbungen keinen Ruf erhalten haben. Eine Professur ist deshalb weder ein gerechter Leistungsnachweis noch der einzig gültige Maßstab für eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn.
Professor werden: Das Wichtigste auf einen Blick
- Eine Professur gehört zu den anspruchsvollsten akademischen Karrierewegen.
- Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften stellen unterschiedliche Anforderungen.
- An Universitäten sind Promotion und meist habilitationsäquivalente wissenschaftliche Leistungen erforderlich.
- HAW-Professorinnen und Professoren benötigen zusätzlich mehrjährige Berufserfahrung außerhalb der Hochschule.
- Der Weg ist lang, unsicher und nur bedingt planbar.
- Eine Professur entsteht häufig nicht als langfristig planbares Karriereziel, sondern ergibt sich aus einer erfolgreichen wissenschaftlichen Laufbahn.
Warum möchten viele Professor werden?
Kaum ein anderer Beruf verbindet wissenschaftliche Freiheit, eigenständiges Arbeiten, Lehre und Forschung in vergleichbarer Weise. Professorinnen und Professoren entwickeln Forschungsprojekte, veröffentlichen wissenschaftliche Arbeiten, betreuen Abschlussarbeiten und gestalten die Ausbildung kommender Generationen. Gleichzeitig genießen Professuren gesellschaftliches Ansehen und bieten – nach einer erfolgreichen Berufung – häufig eine hohe berufliche SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren..
Gerade für Menschen mit großer fachlicher Neugier kann dies ein außerordentlich erfüllender Beruf sein. Wissenschaft bedeutet, sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte intensiv mit Fragestellungen beschäftigen zu dürfen, die einen wirklich interessieren. Für viele Forschende ist genau dies der eigentliche Reiz des Berufs – nicht der Titel.
Gleichzeitig unterscheidet sich die öffentliche Vorstellung vom Professorenberuf häufig deutlich von der Realität. Außenstehende verbinden Professuren oftmals mit inspirierenden Vorlesungen, spannenden Forschungsreisen oder international anerkannten Veröffentlichungen. Tatsächlich besteht der Arbeitsalltag häufig aus einer Mischung aus Lehre, Prüfungen, Verwaltung, Gremienarbeit, Drittmittelanträgen, Gutachten und organisatorischen Aufgaben. Je nach Hochschultyp verschieben sich diese Anteile erheblich.
Wer Professor werden möchte, sollte sich deshalb weniger vom Prestige des Berufs leiten lassen als von der Frage, ob wissenschaftliches Arbeiten langfristig zur eigenen Persönlichkeit passt. Forschung verlangt Ausdauer, Selbstorganisation, Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, über viele Jahre hinweg unter unsicheren Rahmenbedingungen zu arbeiten.
Der klassische Weg zur Professur
Es existiert kein einheitlicher Ausbildungsweg zur Professur. Anders als bei klassischen Ausbildungsberufen gibt es keinen Studiengang, der unmittelbar zum Professorentitel führt. Vielmehr entwickelt sich eine Professur meist als Ergebnis einer langjährigen wissenschaftlichen Laufbahn.
Typischerweise beginnt dieser Weg mit einem Bachelor- und Masterstudium. Daran schließt sich eine Promotion an, in der erstmals eigenständig wissenschaftlich geforscht wird. Für Universitätsprofessuren folgen anschließend meist mehrere Jahre wissenschaftlicher Tätigkeit als Postdoktorandin oder Postdoktorand, wissenschaftliche Publikationen, Lehrveranstaltungen, Forschungsprojekte sowie weitere wissenschaftliche Qualifikationen.
An Hochschulen für angewandte Wissenschaften verläuft der Weg etwas anders. Auch hier ist regelmäßig eine Promotion erforderlich. Zusätzlich verlangt das Hochschulrecht jedoch mehrere Jahre qualifizierter Berufspraxis außerhalb einer Hochschule. Diese außerhochschulische Tätigkeit soll sicherstellen, dass Professorinnen und Professoren über umfangreiche praktische Erfahrungen verfügen, die sie in die Lehre einbringen können.
Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann überhaupt eine Bewerbung auf eine ausgeschriebene Professur erfolgen. Selbst dann entscheidet ein mehrstufiges Berufungsverfahren über die Besetzung der Stelle.
Professor wird man nicht durch einen Abschluss
Eine Professur ist kein weiterer akademischer Abschluss. Sie ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen oder wissenschaftlich-praktischen Laufbahn. Entscheidend sind daher nicht allein Zeugnisse oder Examensnoten, sondern wissenschaftliche Leistungen, Berufserfahrung, Publikationen, Lehrerfahrung und die Passung zum ausgeschriebenen Profil einer Hochschule.
Wissenschaftliche Karrieren beginnen oft schon im Studium
Viele Studierende glauben, wissenschaftliche Karrieren begännen erst mit einer Promotion. Erste Gelegenheiten für eine wissenschaftliche Laufbahn entstehen häufig bereits während des Studiums.
In Stellenausschreibungen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden regelmäßig erste Forschungserfahrungen, Kenntnisse empirischer Methoden oder Erfahrungen in der Hochschullehre vorausgesetzt. Für viele Absolventinnen und Absolventen entsteht dadurch ein scheinbarer Widerspruch: Wie soll wissenschaftliche Erfahrung gesammelt werden, wenn nahezu jede wissenschaftliche Stelle bereits entsprechende Erfahrungen verlangt?
Die Antwort liegt häufig in Tätigkeiten, die bereits während des Studiums übernommen werden können. Studentische Hilfskraftstellen, wissenschaftliche Hilfskraftstellen, Tutorien oder die Mitarbeit in Forschungsprojekten vermitteln nicht nur praktische Erfahrungen, sondern ermöglichen zugleich erste Einblicke in den wissenschaftlichen Arbeitsalltag.
Methodenkenntnisse öffnen Türen
Besonders gefragt sind Studierende mit guten Kenntnissen empirischer Forschungsmethoden, Statistik oder Datenanalyse. Wer wissenschaftliche Studien auswerten, Literatur recherchieren oder Forschungsprojekte organisatorisch unterstützen kann, besitzt Kompetenzen, die in nahezu allen sozialwissenschaftlichen Forschungsgruppen benötigt werden. Solche Fähigkeiten erleichtern häufig den Einstieg in wissenschaftliche Tätigkeiten erheblich.
Wissenschaft lebt auch von Zusammenarbeit
Wissenschaftliche Karrieren entstehen selten völlig unabhängig. Professorinnen und Professoren empfehlen engagierte Studierende häufig für Tutorien, Hilfskraftstellen, Forschungsprojekte oder Stipendien. Gute wissenschaftliche Leistungen bleiben selbstverständlich die wichtigste Voraussetzung. Ebenso wichtig ist jedoch, durch Zuverlässigkeit, Interesse und Engagement überhaupt sichtbar zu werden.
Wer eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebt, sollte deshalb Seminare aktiv nutzen, Abschlussarbeiten mit besonderer Sorgfalt anfertigen und den fachlichen Austausch mit Lehrenden suchen. Gute Kontakte ersetzen keine wissenschaftliche Qualität. Sie können jedoch dazu beitragen, erste Gelegenheiten zu erhalten, wissenschaftliche Erfahrung zu sammeln.
Professur an einer Universität
Die Universitätsprofessur gilt traditionell als die klassische wissenschaftliche Professur. Im Mittelpunkt stehen hier Forschung und Lehre gleichermaßen. Professorinnen und Professoren sollen nicht nur vorhandenes Wissen vermitteln, sondern ihr Fachgebiet durch eigene wissenschaftliche Arbeiten aktiv weiterentwickeln.
Der Weg dorthin ist lang. Voraussetzung ist regelmäßig eine abgeschlossene Promotion. Anschließend folgen häufig mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin oder wissenschaftlicher Mitarbeiter beziehungsweise als Postdoktorandin oder Postdoktorand. In dieser Phase entstehen wissenschaftliche Publikationen, Konferenzbeiträge, Forschungsprojekte, Lehrveranstaltungen und oftmals auch Drittmittelanträge.
Früher stellte die Habilitation nahezu zwingend die letzte Qualifikationsstufe vor einer Professur dar. Heute existieren daneben verschiedene habilitationsäquivalente Wege, etwa erfolgreiche Juniorprofessuren oder umfangreiche wissenschaftliche Leistungen, die im Rahmen von Berufungsverfahren als gleichwertig anerkannt werden können. Unabhängig vom konkreten Karriereweg gilt jedoch: Entscheidend ist, dass Bewerberinnen und Bewerber ihre Fähigkeit zu eigenständiger wissenschaftlicher Forschung über viele Jahre hinweg nachgewiesen haben.
Die Berufung auf eine Universitätsprofessur erfolgt schließlich in einem mehrstufigen Berufungsverfahren. Berufungskommissionen prüfen wissenschaftliche Veröffentlichungen, Lehrerfahrung, Drittmitteleinwerbungen, internationale Sichtbarkeit sowie die Passung zum fachlichen Profil der ausgeschriebenen Professur. Selbst hervorragend qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten deshalb häufig zahlreiche Absagen, bevor überhaupt eine Berufung gelingt.
Universitätsprofessor wird man nicht durch einen Abschluss, sondern durch eine wissenschaftliche Laufbahn
Eine Universitätsprofessur ist keine Fortsetzung des Studiums und auch keine automatische Folge einer Promotion. Sie ist das Ergebnis einer oft jahrzehntelangen wissenschaftlichen Entwicklung. Nicht einzelne Prüfungen entscheiden über eine Berufung, sondern die Gesamtheit wissenschaftlicher Leistungen: Publikationen, Forschungsprojekte, internationale Sichtbarkeit, Lehrerfahrung und die Fähigkeit, ein Fachgebiet dauerhaft wissenschaftlich zu vertreten.
Warum entstehen wissenschaftliche „Großdenker“ fast ausschließlich an Universitäten?
Wer sich mit der Geschichte der Soziologie oder KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. beschäftigt, stellt schnell fest, dass nahezu alle international prägenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Universitäten tätig waren. Namen wie Max Weber, Émile Durkheim, Pierre Bourdieu, Erving Goffman, Michel Foucault, Robert K. Merton oder David Garland stehen für wissenschaftliche Werke, die ganze Generationen von Forschenden beeinflusst haben.
Der Grund liegt weniger in außergewöhnlich begabten Einzelpersonen als in den institutionellen Rahmenbedingungen universitärer Forschung. Universitäten bieten traditionell deutlich mehr Raum für wissenschaftliches Arbeiten: geringere Lehrverpflichtungen, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Doktorandinnen und Doktoranden, Forschungssemester, Drittmittelprojekte sowie internationale Forschungsnetzwerke schaffen Voraussetzungen, unter denen langfristige Forschungsprogramme überhaupt erst entstehen können.
Große wissenschaftliche Werke entstehen selten zwischen mehreren aufeinanderfolgenden Lehrveranstaltungen oder unter einem Lehrdeputat von mehreren hundert Lehrveranstaltungsstunden pro Jahr. Wissenschaft benötigt Zeit zum Lesen, Denken, Schreiben, Diskutieren und Verwerfen eigener Ideen. Gerade dieser Freiraum gehört zu den wichtigsten Ressourcen universitärer Forschung.
Auch Universitätsprofessorinnen und Universitätsprofessoren verbringen selbstverständlich einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Lehre, Prüfungen und akademischer Selbstverwaltung. Im Unterschied zu vielen praxisorientierten Hochschulen bleibt jedoch regelmäßig mehr Raum, um eigenständige Forschungsprogramme über Jahre hinweg zu entwickeln und wissenschaftliche Schulen zu prägen.
Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW)
Professuren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften verfolgen ein anderes Ziel als Universitätsprofessuren. Im Mittelpunkt steht hier traditionell die praxisorientierte Lehre. Forschung spielt zwar heute auch an vielen HAWs eine wichtige RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist., sie erfolgt jedoch unter anderen institutionellen Rahmenbedingungen als an Universitäten.
Voraussetzung für eine Berufung ist in der Regel ebenfalls eine abgeschlossene Promotion. Hinzu kommt jedoch eine mehrjährige qualifizierte Berufstätigkeit außerhalb der Hochschule. Nach den Hochschulgesetzen der Länder müssen Bewerberinnen und Bewerber regelmäßig mindestens fünf Jahre Berufserfahrung nachweisen, von denen mindestens drei Jahre außerhalb des Hochschulbereichs erbracht worden sein müssen.
Diese Regelung unterscheidet HAW-Professuren grundlegend von Universitätsprofessuren. Während Universitäten vor allem wissenschaftliche Exzellenz nachweisen möchten, sollen Hochschulen für angewandte Wissenschaften sicherstellen, dass ihre Professorinnen und Professoren über umfangreiche praktische Berufserfahrung verfügen und diese in die Lehre einbringen können.
Der Schwerpunkt liegt auf der Lehre
Der Arbeitsalltag an einer HAW wird in erster Linie durch das Lehrdeputat bestimmt. Je nach Bundesland umfasst dieses regelmäßig rund 18 Semesterwochenstunden und liegt damit deutlich über dem Lehrdeputat einer Universitätsprofessur. Hinzu kommen Prüfungen, Betreuung von Abschlussarbeiten, Modulverantwortungen, Gremienarbeit sowie zahlreiche organisatorische Aufgaben.
Gerade in Bachelorstudiengängen mit festen Kursverbänden bedeutet dies häufig, dass dieselbe Lehrveranstaltung mehrfach hintereinander gehalten wird. Anders als an Universitäten bestehen häufig nur wenige Möglichkeiten, eigene Spezialveranstaltungen anzubieten oder Lehrinhalte grundlegend zu variieren. Modulhandbücher und zentrale Prüfungen setzen der individuellen Gestaltung vielfach enge Grenzen.
Wer eine HAW-Professur antritt, sollte deshalb Freude an intensiver Lehre haben. Der Beruf verlangt nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch die Bereitschaft, Inhalte über viele Jahre hinweg immer wieder verständlich, motivierend und didaktisch überzeugend zu vermitteln.
Professor ist nicht gleich Professor
Obwohl beide dieselbe Amtsbezeichnung tragen, unterscheiden sich Universitäts- und HAW-Professuren deutlich hinsichtlich ihrer Aufgaben. Universitätsprofessuren verstehen sich traditionell als wissenschaftliche Spitzenpositionen mit einem starken Schwerpunkt auf Forschung. Hochschulen für angewandte Wissenschaften legen dagegen den Schwerpunkt auf praxisorientierte Lehre und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in berufliche Anwendungsfelder.
Innerhalb der Wissenschaft genießt die Universitätsprofessur deshalb traditionell das höhere wissenschaftliche Prestige. Dies liegt weniger an der Qualifikation einzelner Personen als an den unterschiedlichen institutionellen Aufgaben und Rahmenbedingungen beider Hochschultypen.
Forschung ist möglich – aber deutlich schwieriger
Auch Professorinnen und Professoren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften forschen heute. Viele werben erfolgreich Drittmittel ein, veröffentlichen wissenschaftliche Arbeiten oder kooperieren mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Zahlreiche Hochschulen möchten ihre Forschungsaktivitäten ausdrücklich ausbauen.
Gleichzeitig stehen der Forschung häufig deutlich geringere Ressourcen zur Verfügung als an Universitäten. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Forschungssemester, Doktorandinnen und Doktoranden oder dauerhaft aufgebaute Arbeitsgruppen sind vielerorts nur eingeschränkt vorhanden oder müssen vollständig über Drittmittel finanziert werden.
Die Folge ist ein struktureller Zielkonflikt: Einerseits sollen Professorinnen und Professoren wissenschaftlich sichtbar sein und Forschung betreiben. Andererseits beanspruchen Lehre und Selbstverwaltung bereits einen erheblichen Teil der verfügbaren Arbeitszeit. Forschung entsteht deshalb nicht selten zusätzlich zu den regulären Dienstaufgaben – häufig an Abenden, Wochenenden oder während der vorlesungsfreien Zeit.
Universitätsprofessur und HAW-Professur im Vergleich
| Universität | Hochschule für angewandte Wissenschaften | |
|---|---|---|
| Schwerpunkt | Forschung und Lehre | Lehre und Praxisbezug |
| Promotion erforderlich | Ja | Ja |
| Berufspraxis außerhalb der Hochschule | nicht erforderlich | regelmäßig mindestens drei Jahre |
| Lehrdeputat | deutlich geringer | deutlich höher |
| Promotionsrecht | Ja | grundsätzlich nein (Ausnahmen durch Promotionszentren einzelner Länder) |
| Doktorandinnen und Doktoranden | regelmäßig vorhanden | nur eingeschränkt oder in Kooperationen |
| Wissenschaftliche Mitarbeitende | häufig vorhanden | deutlich seltener |
| Forschungssemester | vergleichsweise häufig | je nach Hochschule eingeschränkt oder gar nicht vorgesehen |
| Typische Studiengänge | Bachelor, Master, Promotion | vor allem Bachelor und Master |
Der Arbeitsalltag: Mehr als Vorlesungen halten
Außenstehende stellen sich den Arbeitsalltag von Professorinnen und Professoren häufig sehr frei vor: morgens eine Vorlesung halten, anschließend forschen, zwischendurch ein Buch schreiben und gelegentlich eine Konferenz besuchen. Die Realität sieht – insbesondere an vielen Hochschulen für angewandte Wissenschaften – häufig deutlich anders aus.
Ein erheblicher Teil der Arbeitszeit entfällt auf Lehre. Hinzu kommen Prüfungen, Abschlussarbeiten, Sprechstunden, Modulorganisation, Gremiensitzungen, Akkreditierungen, Verwaltungsaufgaben und zahllose kleinere organisatorische Tätigkeiten, die nach außen kaum sichtbar sind.
Besonders prägend ist dabei das hohe Lehrdeputat. In vielen Studiengängen werden dieselben Veranstaltungen mehrfach pro Woche oder sogar mehrfach am selben Tag gehalten. Wer ein Modul verantwortet, vermittelt dieselben Inhalte über Jahre hinweg immer wieder neuen Studierendengruppen. Gute Lehre bedeutet unter diesen Bedingungen nicht, ständig neue Themen zu entwickeln, sondern auch die sechste Durchführung derselben Veranstaltung noch mit derselben fachlichen Präzision und demselben Engagement zu gestalten wie die erste.
Lehre ist auch eine Form der Bühnenarbeit
Eine Erfahrung, über die kaum gesprochen wird, betrifft die ständige öffentliche Präsenz. Als Hochschullehrender kann man sich nicht hinter einem Schreibtisch verstecken oder den Arbeitstag zunächst ruhig beginnen. Vom Moment an, in dem man das Hochschulgelände betritt, ist man sichtbar. Studierende grüßen, stellen Fragen oder möchten kurzfristig Probleme klären. Wenige Minuten später beginnt bereits die nächste Lehrveranstaltung.
Lehre verlangt deshalb weit mehr als fachliche Kompetenz. Wer unterrichtet, muss präsent sein – konzentriert, aufmerksam und ansprechbar. Man spricht laut, erklärt komplizierte Zusammenhänge verständlich, beantwortet spontane Fragen und reagiert auf sehr unterschiedliche Lerngruppen. Ob man selbst müde ist, erkältet, privat belastet oder gedanklich gerade ganz woanders wäre, spielt in diesem Moment kaum eine Rolle. Der Unterricht beginnt dennoch pünktlich.
Theorie verständlich und interessant zu machen gehört zum Beruf
Gerade in praxisorientierten Studiengängen besteht eine besondere Herausforderung darin, wissenschaftliche Theorien so zu vermitteln, dass ihre praktische Bedeutung erkennbar wird. Viele Studierende interessieren sich verständlicherweise vor allem für ihr späteres Berufsfeld und fragen, welchen unmittelbaren Nutzen ein theoretisches Modell für ihre spätere Tätigkeit besitzt.
Damit wird Hochschullehre in gewisser Weise auch zu einer didaktischen Übersetzungsleistung. Es genügt nicht, wissenschaftliche Texte zusammenzufassen oder Folien vorzulesen. Vielmehr müssen abstrakte Konzepte anhand von Beispielen, Fällen und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen so aufbereitet werden, dass ihre Erklärungskraft sichtbar wird. Gerade darin liegt für mich eine der anspruchsvollsten Aufgaben akademischer Lehre.
Wenn Studierende eine Theorie zunächst für lebensfern halten und am Ende einer Veranstaltung erkennen, dass sie damit aktuelle gesellschaftliche oder berufliche Situationen besser verstehen können, gehört das zu den schönsten Momenten des Berufs.
Deutschland und das angloamerikanische Wissenschaftssystem
Der Weg zur Professur unterscheidet sich international erheblich. Besonders deutlich werden die Unterschiede im Vergleich zwischen Deutschland und dem angloamerikanischen Wissenschaftssystem.
In Deutschland liegt der größte Teil der Unsicherheit vor der Professur. Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler verbringen häufig viele Jahre auf befristeten Stellen, veröffentlichen wissenschaftliche Arbeiten, werben Drittmittel ein und qualifizieren sich kontinuierlich weiter – ohne zu wissen, ob am Ende tatsächlich eine Professur erreicht werden kann.
In Ländern wie den USA oder Großbritannien beginnt eine wissenschaftliche Laufbahn häufig früher. Nach der Promotion können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergleichsweise früh auf sogenannte Assistant Professor– oder Lecturer-Stellen berufen werden. Damit ist die wissenschaftliche Karriere jedoch keineswegs gesichert.
Während in Deutschland die größte Hürde vor der Professur liegt, verlagert sich der Leistungsdruck im angloamerikanischen System häufig auf die Jahre danach. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen kontinuierlich publizieren, Forschungsgelder einwerben, gute Lehrevaluationen erreichen und ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit dauerhaft unter Beweis stellen. Erst nach mehreren Jahren entscheidet sich häufig im Rahmen eines Tenure-Verfahrens, ob eine unbefristete Professur erreicht wird.
Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Das deutsche Modell verlangt außergewöhnlich hohe wissenschaftliche Leistungen bereits vor einer Berufung, bietet nach erfolgreicher Berufung aber häufig eine hohe berufliche Sicherheit. Das angloamerikanische System ermöglicht oftmals einen früheren Einstieg in eine Professur, verbindet diesen jedoch mit einem dauerhaft hohen Leistungsdruck.
Deutschland verschiebt das RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit. an den Anfang der Karriere
Vereinfacht lässt sich sagen: In Deutschland müssen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunächst über viele Jahre hinweg für eine Professur qualifizieren. Im angloamerikanischen Raum beginnt die Professur häufig früher – die eigentliche Bewährungsphase folgt dort jedoch erst nach der Berufung.
Studiengebühren verändern auch die Erwartungen
Ein weiterer Unterschied zwischen den Hochschulsystemen betrifft ihre Finanzierung. In vielen Ländern mit hohen Studiengebühren verfügen Universitäten über deutlich größere finanzielle Spielräume als deutsche Hochschulen. ModerneGesellschaftsform, die sich durch Industrialisierung, Urbanisierung, Rationalisierung und Individualisierung auszeichnet. Bibliotheken, hervorragend ausgestattete Labore, attraktive Campusse, digitale Infrastruktur und kleine Lerngruppen gehören dort häufig eher zum Standard als an chronisch unterfinanzierten deutschen Hochschulen.
Diese Vorteile haben jedoch ihren Preis. Viele Absolventinnen und Absolventen starten mit erheblichen Studienkrediten ins Berufsleben. Zugleich verändert sich häufig das Verhältnis zwischen Studierenden und Hochschule. Wer jedes Semester hohe Studiengebühren entrichtet, versteht sich leichter als zahlender Kunde und verbindet damit entsprechende Erwartungen an Service, Betreuung und Studienerfolg. Für Lehrende kann daraus ein Spannungsfeld entstehen: Gute Betreuung und qualitativ hochwertige Lehre sind selbstverständlich wünschenswert, akademische Leistungsanforderungen dürfen dadurch jedoch nicht relativiert werden.
Die Unterschiede zwischen den Hochschulsystemen beschränken sich allerdings nicht auf Studiengebühren oder die Ausstattung. Sie spiegeln auch unterschiedliche Vorstellungen von Bildung, Chancengleichheit und sozialer Mobilität wider. Das deutsche Hochschulsystem versteht sich traditionell als vergleichsweise offen und am Prinzip der Chancengleichheit orientiert: Der Zugang zum Studium soll möglichst wenig vom Einkommen der Eltern abhängen. Dem stehen häufig begrenzte finanzielle Ressourcen gegenüber.
In Ländern wie den USA oder Großbritannien verfügen viele Spitzenuniversitäten dagegen über erhebliche finanzielle Mittel und exzellente Forschungsbedingungen. Gleichzeitig sind renommierte Hochschulen dort häufig eng mit gesellschaftlichen Eliten verbunden. Absolventinnen und Absolventen von Institutionen wie Oxford, Cambridge, Harvard oder Yale besetzen überdurchschnittlich häufig Spitzenpositionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Aus soziologischer Perspektive wird deshalb immer wieder diskutiert, inwieweit solche Institutionen nicht nur Wissen vermitteln, sondern zugleich zur sozialen Reproduktion gesellschaftlicher Eliten beitragen.
Keines der beiden Modelle ist eindeutig überlegen. Das deutsche System ermöglicht vergleichsweise vielen Menschen ein Hochschulstudium unabhängig vom Einkommen, muss dafür aber häufig mit knappen Ressourcen arbeiten. Anglophone Eliteuniversitäten bieten hervorragende Forschungsbedingungen und internationale Netzwerke, erkaufen diese Vorteile jedoch teilweise durch hohe finanzielle Hürden und eine stärkere soziale Selektivität.
Auch das deutsche System ist nicht frei von sozialer Ungleichheit
Der vergleichsweise offene Hochschulzugang bedeutet allerdings nicht, dass wissenschaftliche Karrieren in Deutschland unabhängig von der sozialen Herkunft verlaufen. Auch hier können finanzielle Ressourcen einen erheblichen Unterschied machen.
Insbesondere während der Promotions- und Postdocphase sind wissenschaftliche Stellen häufig befristet und im Vergleich zu anderen akademischen Berufsfeldern nicht überdurchschnittlich vergütet. Wer in dieser Zeit eine FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. versorgen muss oder keine finanzielle Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld erhält, trägt häufig ein deutlich höheres Risiko als Personen, die auf familiäre Rücklagen zurückgreifen können.
Aus soziologischer Sicht zeigt sich daran, dass auch im deutschen Hochschulsystem wissenschaftliche Karrieren trotz vergleichsweise niedriger finanzieller Zugangshürden nicht vollständig unabhängig von der sozialen Herkunft verlaufen. Wissenschaftliche Karrieren hängen deshalb nicht allein von Leistung und Motivation ab. Ebenso wichtig können ökonomische Ressourcen, familiäre Unterstützung und die Möglichkeit sein, längere Phasen beruflicher Unsicherheit überhaupt tragen zu können.
Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und #IchBinHanna
Kaum ein Thema hat die hochschulpolitische Diskussion der vergangenen Jahre so stark geprägt wie das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG). Es regelt die Befristung wissenschaftlicher Beschäftigungsverhältnisse an Hochschulen und Forschungseinrichtungen und bestimmt damit maßgeblich die Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Die ursprüngliche Idee des Gesetzes war durchaus nachvollziehbar. Wissenschaftliche Qualifizierungsphasen – etwa Promotion oder Habilitation – sollten zeitlich begrenzt werden. Hochschulen sollten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler nicht über viele Jahre hinweg mit immer neuen Kurzzeitverträgen beschäftigen können, ohne dass eine Entscheidung über ihre weitere berufliche Perspektive getroffen wird. Das GesetzEin Gesetz ist eine allgemeinverbindliche, staatlich festgelegte Norm zur Regelung des sozialen Zusammenlebens. sollte also gerade verhindern, dass befristete Beschäftigung zum Dauerzustand wird.
In der Praxis wird jedoch seit Jahren kritisiert, dass das Gesetz dieses Ziel nur unzureichend erreicht. Da unbefristete wissenschaftliche Stellen unterhalb der Professur weiterhin selten sind, endet für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Ablauf der zulässigen Befristungsdauer nicht die Unsicherheit, sondern ihre Beschäftigung an der Hochschule. Hochqualifizierte Forscherinnen und Forscher verlassen deshalb häufig die Universität – nicht weil ihre wissenschaftlichen Leistungen unzureichend wären, sondern weil die rechtlichen Rahmenbedingungen eine weitere Beschäftigung erschweren oder unmöglich machen.
Teilweise werden diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anschließend von außeruniversitären Forschungseinrichtungen, An-Instituten oder drittmittelfinanzierten Projekten beschäftigt. Dadurch bleibt wissenschaftliche Expertise zwar erhalten, die Beschäftigungssituation wird jedoch häufig nicht stabiler. Im Gegenteil: Ist eine Stelle ausschließlich über Drittmittel finanziert, hängt ihre Fortsetzung oftmals unmittelbar vom Erfolg zukünftiger Förderanträge ab. Die Unsicherheit wird damit nicht beseitigt, sondern teilweise sogar noch verstärkt.
Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt diese Problematik im Jahr 2021 durch den Hashtag #IchBinHanna. Auslöser war ein Erklärvideo des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das befristete Beschäftigungen unter anderem mit der notwendigen Erneuerung des Wissenschaftssystems begründete. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reagierten darauf mit persönlichen Berichten über Kettenbefristungen, häufige Ortswechsel, Familiengründungen unter unsicheren Bedingungen und das Gefühl, trotz hervorragender Qualifikationen jederzeit aus der Wissenschaft ausscheiden zu müssen.
Die Debatte machte deutlich, dass es sich nicht um das Problem einzelner Hochschulen handelt. Vielmehr ist es eine strukturelle Besonderheit des deutschen Wissenschaftssystems: Einer vergleichsweise kleinen Zahl unbefristeter Professuren steht eine sehr große Zahl hervorragend qualifizierter Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler gegenüber, für die nur wenige dauerhafte Perspektiven existieren.
Privatdozenten: wissenschaftlich hochqualifiziert – häufig ohne angemessene Perspektive
Auch nach einer erfolgreichen Habilitation ist der Weg keineswegs beendet. Wer die Lehrbefugnis (venia legendi) erhält, kann den Titel Privatdozentin beziehungsweise Privatdozent (PD) führen. Mit diesem StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist. ist jedoch in vielen Fällen keine Professur und häufig auch keine dauerhafte Beschäftigung verbunden.
An vielen Universitäten sind Privatdozentinnen und Privatdozenten verpflichtet, regelmäßig Lehrveranstaltungen anzubieten, um ihre Lehrbefugnis aufrechtzuerhalten. Diese sogenannte Titellehre erfolgt teilweise ohne zusätzliche Vergütung. Aus Sicht vieler Betroffener entsteht dadurch eine paradoxe Situation: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben mit Promotion und Habilitation die höchsten wissenschaftlichen Qualifikationsstufen erreicht, verfügen aber dennoch häufig nicht über eine dauerhafte akademische Perspektive.
Kann man Professor werden planen?
Viele Studierende betrachten die Professur als ein klassisches Karriereziel: Studium, Promotion, einige Jahre wissenschaftliche Tätigkeit – und schließlich die Berufung auf eine Professur. In der Realität verlaufen wissenschaftliche Karrieren jedoch deutlich weniger geradlinig.
Eine Professur lässt sich nur sehr eingeschränkt planen. Selbst hervorragende Promotionen, zahlreiche Publikationen oder erfolgreiche Forschungsprojekte garantieren keine Berufung. Umgekehrt werden Professuren häufig von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besetzt, deren Karriere sich aus einer Vielzahl günstiger Entwicklungen ergeben hat: passende Forschungsschwerpunkte, erfolgreiche Kooperationen, überzeugende Lehrleistungen, internationale Sichtbarkeit und nicht zuletzt der richtige Zeitpunkt.
Die Chancen unterscheiden sich auch zwischen den Fächern. Zahl und Zuschnitt der Professuren, Größe der wissenschaftlichen Community, außeruniversitäre Berufsmöglichkeiten und die Verfügbarkeit von Drittmitteln unterscheiden sich erheblich zwischen den Disziplinen. Pauschale Aussagen darüber, in welchem Fach eine Professur leichter oder schwerer zu erreichen ist, sind deshalb kaum möglich. Auch innerhalb derselben DisziplinDisziplin bezeichnet ein System der Verhaltensregulierung durch Überwachung, Kontrolle und körperliche bzw. geistige Dressur. können sich die Berufungschancen je nach Spezialisierung und Zeitpunkt deutlich unterscheiden.
Wer eine Promotion ausschließlich als Zwischenstation auf dem Weg zur Professur betrachtet, läuft Gefahr, sich vollständig von einem einzigen, sehr unsicheren Berufsziel abhängig zu machen. Sinnvoller ist es, die Promotion als eigenständige wissenschaftliche Qualifikation zu verstehen. Sie eröffnet Kompetenzen und berufliche Möglichkeiten weit über die Hochschule hinaus – etwa in Forschung, Politikberatung, öffentlichen Institutionen oder der Privatwirtschaft.
Eine wissenschaftliche Karriere beginnt häufig schon im Studium
Wer später wissenschaftlich arbeiten möchte, sollte nicht erst mit der Promotion beginnen, Erfahrungen zu sammeln. Gute Studienleistungen, methodische Kompetenzen sowie Tätigkeiten als Tutorin, Tutor oder wissenschaftliche Hilfskraft ermöglichen frühzeitig Kontakte zu Lehrenden und Forschungsprojekten. Gerade diese ersten Erfahrungen entscheiden später häufig darüber, wer für Forschungsstellen empfohlen oder in neue Projekte eingebunden wird.
Hinzu kommt ein weiteres strukturelles Problem: Nahezu jede Stellenausschreibung setzt wissenschaftliche Erfahrung voraus. Gleichzeitig lässt sich diese Erfahrung meist nur erwerben, wenn bereits eine erste wissenschaftliche Stelle gefunden wurde. Der Einstieg in die Wissenschaft ist deshalb häufig besonders schwierig und hängt nicht selten davon ab, dass Professorinnen oder Professoren talentierte Studierende frühzeitig fördern und ihnen erste Möglichkeiten zur Mitarbeit eröffnen.
Netzwerke spielen dabei eine wichtige Rolle. Wissenschaft lebt vom fachlichen Austausch, von Kooperationen und gegenseitigen Empfehlungen. Dies bedeutet nicht, dass wissenschaftliche Karrieren allein über persönliche Kontakte entschieden würden. Wissenschaftliche Qualität und nachweisbare Leistungen bleiben unverzichtbar. Sie garantieren jedoch weder den Zugang zu ersten Stellen noch eine spätere Berufung. Kontakte können jedoch Türen öffnen, durch die man anschließend mit eigener Leistung gehen muss.
Eine Professur sollte deshalb nicht das eigentliche Karriereziel sein. Sie ist vielmehr das mögliche Ergebnis einer über viele Jahre erfolgreichen wissenschaftlichen Entwicklung – und selbst dann spielen Zufall, Timing und passende Berufungsverfahren eine erhebliche Rolle.
Persönliche Einordnung: Wissenschaft ist Freiheit – und Selbstverantwortung
Meine eigene Perspektive auf den Professorenberuf ist die eines Hochschullehrers an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Sie unterscheidet sich zwangsläufig von der Sicht einer Universitätsprofessorin oder eines Universitätsprofessors. Dennoch hat sie meinen Blick auf Wissenschaft grundlegend geprägt.
Dass mir selbst eine Berufung gelungen ist, betrachte ich rückblickend nicht als Beweis dafür, den Wissenschaftsbetrieb besser verstanden oder konsequenter gearbeitet zu haben als andere. Neben Qualifikation und Ausdauer spielten auch passende Stellenprofile, günstige Zeitpunkte, berufliche Erfahrungen und nicht zuletzt gesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle. Wissenschaftliche Karrieren entstehen nicht im luftleeren Raum. Politische Entscheidungen, neue soziale Problemlagen oder veränderte Forschungsprioritäten können darüber entscheiden, welche Themen gefördert, welche Stellen geschaffen und welche Qualifikationen gerade nachgefragt werden. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Arbeit ich außerordentlich schätze, haben trotz hervorragender Voraussetzungen keinen Ruf erhalten oder die Universität verlassen. Eine Berufung sagt deshalb immer auch etwas über die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Zeit aus – nicht allein über die Leistung der berufenen Person.
Während meiner wissenschaftlichen Laufbahn habe ich die Arbeit an Universitäten ebenso kennengelernt wie den Hochschulalltag an einer praxisorientierten Hochschule. Beide Systeme besitzen ihre eigenen Stärken und Schwächen. Am stärksten beschäftigt hat mich dabei nie die Wissenschaft selbst, sondern die Frage, unter welchen institutionellen Bedingungen Wissenschaft überhaupt entstehen kann.
Wissenschaft lebt von Zeit zum Lesen, Denken, Schreiben und Diskutieren. Gerade diese Zeit ist im Hochschulalltag häufig knapp. Besonders an lehrintensiven Hochschulen entsteht Forschung oftmals zusätzlich zum regulären Arbeitstag – an Abenden, Wochenenden oder in der vorlesungsfreien Zeit. Hinter wissenschaftlichen Publikationen stehen deshalb häufig viele Stunden, in denen andere Menschen Freizeit verbringen, verreisen oder Zeit mit Familie und Freunden verbringen.
Ein Professor formulierte es während meines Studiums einmal sehr treffend: „Wer sich für eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, entscheidet sich für die Einsamkeit am Schreibtisch.“ Der Satz ist bewusst zugespitzt, beschreibt aber einen wichtigen Aspekt wissenschaftlicher Arbeit. Große Teile wissenschaftlicher Erkenntnis entstehen allein – lesend, schreibend, nachdenkend und immer im Bewusstsein, dass weltweit viele andere Menschen dieselben Fragen bearbeiten.
Gleichzeitig verändert sich mit einer Professur auch die Form der Verantwortung. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet man meist in Projekten, erhält Rückmeldungen, hat Vorgesetzte und feste Strukturen. Mit der Berufung auf eine Professur verschwindet ein großer Teil dieses äußeren Rahmens. Niemand sagt einem mehr, woran man forschen soll, welche Bücher gelesen werden müssen oder wie eine Lehrveranstaltung gestaltet werden soll. Aus soziologischer Perspektive könnte man sagen: Fremdzwang wird zu Selbstzwang. Die Freiheit wissenschaftlicher Arbeit geht mit einer hohen Eigenverantwortung einher.
Gerade diese Freiheit macht den Beruf für viele Menschen so faszinierend. Sie kann aber auch einsam sein. Wissenschaft eignet sich deshalb besonders für Menschen, die langfristig selbstständig arbeiten können und ihre Motivation nicht dauerhaft aus äußerer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. beziehen.
Für wen eignet sich eine wissenschaftliche Karriere?
Eine wissenschaftliche Laufbahn passt vor allem zu Menschen, die sich langfristig für Fragestellungen begeistern können und Freude daran haben, komplexe Zusammenhänge immer besser zu verstehen. Wer dagegen vor allem schnelle Erfolgserlebnisse, klare Karrierewege oder einen planbaren Berufsverlauf sucht, wird in der Wissenschaft häufig enttäuscht werden.
Hilfreich sind insbesondere folgende Eigenschaften:
- große fachliche Neugier,
- Freude am Lesen und Schreiben,
- Ausdauer bei langfristigen Projekten,
- gute Selbstorganisation,
- Interesse an wissenschaftlichen Methoden,
- Bereitschaft, mit Unsicherheit umzugehen,
- Freude daran, Wissen verständlich zu vermitteln.
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch eine realistische Erwartung an den Beruf. Wissenschaft ist kein Wettbewerb darum, möglichst schnell Professor zu werden. Sie ist eine Arbeitsform, in der neue Erkenntnisse entstehen sollen. Wer diesen Prozess selbst als erfüllend erlebt, besitzt gute Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Laufbahn – unabhängig davon, ob sie später an einer Universität, einer Hochschule oder außerhalb des Wissenschaftssystems fortgesetzt wird.
Fazit: Professor wird man nicht wegen des Titels
Professorin oder Professor wird man nicht durch einen bestimmten Studienabschluss und auch nicht durch einen festen Karriereplan. Eine Professur ist vielmehr das mögliche Ergebnis einer langjährigen wissenschaftlichen Entwicklung, in der Forschung, Lehre, Publikationen, praktische Erfahrungen und nicht zuletzt eine Portion Zufall zusammenkommen.
Wer diesen Weg einschlägt, sollte ihn deshalb nicht wegen des Professorentitels wählen. Wissenschaftliche Karrieren verlaufen selten geradlinig und bieten keine Erfolgsgarantie. Sie verlangen Ausdauer, Eigeninitiative und die Bereitschaft, über viele Jahre hinweg an Themen zu arbeiten, deren Bedeutung sich oft erst mit der Zeit erschließt.
Gerade darin liegt aber auch ihre besondere Stärke. Es gibt nur wenige Berufe, in denen man sich über Jahrzehnte hinweg so intensiv mit Fragen beschäftigen darf, die einen wirklich interessieren. Wer wissenschaftliches Arbeiten nicht nur als Beruf, sondern als Form des Denkens versteht, wird darin eine außergewöhnlich erfüllende Tätigkeit finden – unabhängig davon, ob am Ende tatsächlich eine Professur steht.



