The Truman Show (1998)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: The Truman Show
- Deutscher Titel: Die Truman Show
- Erscheinungsjahr: 1998
- Land: USA
- Regie / Creator / Showrunner: Peter Weir
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 99 Minuten
- Schwerpunkte: Überwachung und Kontrolle
Kriminologische Relevanz
The Truman Show eignet sich in besonderer Weise zur Auseinandersetzung mit der Frage, wie soziale Wirklichkeit entsteht und aufrechterhalten wird. Truman Burbank lebt in einer vollständig künstlich geschaffenen Welt. Seahaven ist ein Filmset, seine Ehefrau, sein bester Freund, seine Arbeitskollegen und Nachbarn sind Schauspieler. Für Truman bildet diese inszenierte Umwelt dennoch seine selbstverständliche Wirklichkeit. Der Film führt damit in extremer Form vor Augen, dass Menschen ihre soziale Umwelt nicht fortwährend auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können. Sie sind darauf angewiesen, dass andere ihre Wahrnehmungen bestätigen und dass alltägliche Situationen weitgehend erwartbar verlaufen.
Besonders anschaulich lässt sich der Film mit Erving Goffmans dramaturgischem Verständnis sozialer Interaktion verbinden. Trumans Mitmenschen spielen Rollen im doppelten Sinne: Meryl ist innerhalb seiner Lebenswelt seine Ehefrau und verkörpert zugleich als Schauspielerin die Rolle seiner Ehefrau; Marlon ist für Truman sein bester Freund und spielt gleichzeitig den besten Freund innerhalb einer Fernsehproduktion. Der Film radikalisiert damit Goffmans Theatermetapher. Auch außerhalb eines Filmsets orientieren Menschen ihr Verhalten an sozialen Rollen, den damit verbundenen Erwartungen und der jeweiligen Definition einer Situation.
Aus der Perspektive von Peter L. Berger und Thomas Luckmann lässt sich Seahaven zugleich als buchstäblich gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit verstehen. Truman wurde in diese Welt hineingeboren und sozialisiert. Ihre Institutionen, Beziehungen und Regeln erscheinen ihm deshalb zunächst nicht als menschengemachte Arrangements, sondern als objektive Realität. Dass diese Wirklichkeit von einer Fernsehgesellschaft geplant wurde, ändert zunächst nichts daran, dass sie für Truman reale Konsequenzen besitzt.
Der Film wird besonders interessant, als diese selbstverständliche Wirklichkeit brüchig wird. Wiederkehrende Personen, technische Pannen und unplausible Ereignisse führen dazu, dass Truman alltägliche Situationen nicht länger selbstverständlich hinnimmt. Er verändert daraufhin bewusst seine Routinen und beobachtet die Reaktionen seiner Umwelt. Damit macht er sichtbar, wie stark soziale Ordnung von Erwartbarkeit abhängt: Sobald sich ein Akteur nicht mehr erwartungsgemäß verhält, müssen die übrigen Beteiligten zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um die gemeinsame Definition der Situation aufrechtzuerhalten.
The Truman Show lässt sich deshalb als sozialwissenschaftliches Gedankenexperiment über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft lesen. Truman ist keineswegs deshalb unfrei, weil jede einzelne seiner Handlungen vorgeschrieben wäre. Vielmehr werden seine Handlungsmöglichkeiten durch eine soziale Wirklichkeit strukturiert, deren Voraussetzungen er nicht kennt und deren Selbstverständlichkeiten er lange Zeit übernimmt. Seine Befreiung beginnt entsprechend nicht mit dem Durchbrechen einer physischen Grenze, sondern mit dem Zweifel daran, dass die ihm vertraute gesellschaftliche Ordnung selbstverständlich und alternativlos ist.
Kriminologische Einordnung
Schlüsselwerke
Peter L. Berger und Thomas Luckmann – Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1966)