Definition
Prisonisierung bezeichnet den Prozess, durch den sich Gefangene an die sozialen Normen, Werte, Verhaltensweisen und informellen Regeln des Gefängnislebens anpassen. Der Begriff wurde von dem US-amerikanischen Soziologen und Kriminologen Donald Clemmer geprägt, der in seiner Studie The Prison Community (1940) das Gefängnis als eine soziale Gemeinschaft mit einer eigenen Kultur untersuchte.
Mit der Aufnahme in eine Justizvollzugsanstalt tritt eine Person nicht nur in eine formal geregelte Organisation ein. Neben den offiziellen Vorschriften und Erwartungen des Strafvollzugs bestehen innerhalb der Gefangenenpopulation informelle Normen, Rollen, Hierarchien und Verhaltensregeln. Gefangene müssen lernen, sich innerhalb dieser sozialen Ordnung zu orientieren. Prisonisierung beschreibt den Prozess, in dessen Verlauf Elemente dieser Gefängniskultur übernommen und zu einem Bestandteil der eigenen Orientierung und des eigenen Verhaltens werden können.
Prisonisierung ist dabei kein einheitlicher oder zwangsläufig vollständig verlaufender Prozess. Gefangene unterscheiden sich darin, wie stark sie sich mit der Gefängniskultur identifizieren und deren informelle Normen übernehmen. Einfluss nehmen unter anderem die Dauer und Bedingungen der Inhaftierung, soziale Beziehungen innerhalb und außerhalb des Gefängnisses sowie individuelle biografische Voraussetzungen. Auch Widerstand gegen die informelle Gefängniskultur oder eine nur strategische Anpassung an ihre Regeln sind möglich.
Die Gefängnisforschung hat unterschiedliche Erklärungen dafür entwickelt, wie solche Anpassungsprozesse entstehen. Das Deprivationsmodell führt sie vor allem auf die besonderen Bedingungen der Inhaftierung zurück. Der Verlust von Freiheit und Autonomie, eingeschränkte soziale Beziehungen, materielle Begrenzungen und die besonderen Sicherheitsbedingungen des Gefängnisses erzeugen Belastungen, auf die Gefangene mit spezifischen Anpassungsformen reagieren können. Besonders einflussreich wurde in diesem Zusammenhang Gresham M. Sykes' Studie The Society of Captives (1958), in der er die mit der Inhaftierung verbundenen Entbehrungen als pains of imprisonment beschrieb.
Das Importationsmodell betont dagegen, dass Gefangene beim Eintritt in die Institution keine unbeschriebenen Blätter sind. Sie bringen bereits zuvor erworbene Einstellungen, Erfahrungen, soziale Beziehungen, Identitäten und Verhaltensweisen in das Gefängnis mit. Die Gefängniskultur entsteht demnach nicht ausschließlich als Reaktion auf die Bedingungen der Institution, sondern wird auch durch Eigenschaften und Erfahrungen der Gefangenen geprägt. Neuere Ansätze betrachten Deprivation und Importation daher nicht zwingend als konkurrierende Erklärungen, sondern untersuchen ihr Zusammenwirken.
Kriminologisch ist Prisonisierung besonders relevant, weil die Anpassung an das Gefängnis in einem Spannungsverhältnis zum Ziel der Resozialisierung stehen kann. Verhaltensweisen, die eine erfolgreiche Anpassung an den Gefängnisalltag ermöglichen, müssen außerhalb der Institution nicht gleichermaßen hilfreich sein. Eine starke Orientierung an informellen Gefangenennormen, Misstrauen gegenüber anderen Personen oder die Anpassung an institutionelle Abhängigkeiten können den Übergang in ein selbstbestimmtes Leben nach der Haft erschweren. Prisonisierung verweist damit auf die Möglichkeit, dass Freiheitsentzug selbst soziale Anpassungsprozesse hervorbringt, die den angestrebten Wirkungen des Strafvollzugs entgegenstehen können.
Film-/Serien-Beispiele

Ein Prophet (2009)
Ein Prophet (2009) veranschaulicht Prisonisierung anhand der Entwicklung des jungen Gefangenen Malik, der sich schrittweise an die informellen Regeln, Machtverhältnisse und sozialen Netzwerke des Gefängnisses anpasst. Der Film zeigt dabei, wie die Haftanstalt selbst zum sozialen Lern- und Sozialisationsraum wird und die Identität und Handlungsmöglichkeiten eines Gefangenen verändern kann.