Kurzdefinition
Psychiatrie ist das medizinische Fachgebiet, das sich mit der Erkennung, Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen und Störungen befasst.
Ausführliche Erklärung
Die Psychiatrie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Erkennung, Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen und Störungen befasst. Psychiatrische Versorgung umfasst dabei unterschiedliche Formen ambulanter, teilstationärer und stationärer Behandlung und kann unter anderem medizinische, psychotherapeutische und psychosoziale Ansätze miteinander verbinden.
Über ihre medizinische Bedeutung hinaus ist Psychiatrie auch ein wichtiger Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Was als psychisch gesund oder krank, normal oder behandlungsbedürftig gilt, wird nicht ausschließlich durch biologische oder medizinische Faktoren bestimmt. Diagnosen entstehen innerhalb historisch und gesellschaftlich geprägter Klassifikationssysteme und professioneller Praktiken. Die Soziologie untersucht deshalb unter anderem, wie Vorstellungen von Normalität und Abweichung entstehen und welche sozialen Folgen psychiatrische Diagnosen haben können.
Historisch war die Psychiatrie eng mit der Entstehung besonderer Institutionen zur Unterbringung und Behandlung psychisch erkrankter Menschen verbunden. Psychiatrische Anstalten konnten dabei zugleich Orte der Versorgung, des Schutzes, der Behandlung, aber auch der Ausgrenzung und Kontrolle sein. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden große stationäre Einrichtungen zunehmend kritisiert und in vielen Ländern durch Prozesse der Deinstitutionalisierung sowie den Ausbau ambulanter und gemeindenaher Versorgungsformen ergänzt oder ersetzt.
Eine besondere Bedeutung besitzt die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. Psychiatrische Diagnosen können Zugang zu Behandlung und Unterstützung ermöglichen, zugleich aber gesellschaftliche Zuschreibungen und Ausgrenzungsprozesse begünstigen. Menschen mit psychischen Erkrankungen können beispielsweise als unberechenbar, gefährlich oder dauerhaft nicht leistungsfähig wahrgenommen werden. Solche Zuschreibungen sind von der konkreten Erkrankung und dem tatsächlichen Verhalten einer Person zu unterscheiden.
Besonders konfliktträchtig ist das Verhältnis von Psychiatrie und Zwang. Unter gesetzlich bestimmten Voraussetzungen können psychiatrische Unterbringung oder einzelne Behandlungsmaßnahmen auch gegen den Willen einer betroffenen Person erfolgen. Damit berührt psychiatrisches Handeln grundlegende Fragen nach Selbstbestimmung, Schutz, Menschenwürde und staatlicher Eingriffsmacht. Sozialwissenschaftlich lässt sich deshalb untersuchen, wie Gesellschaften die Grenze zwischen individueller Autonomie und Eingriffen zum Schutz der betroffenen Person oder anderer ziehen.
Für die Kriminologie ist zudem die Abgrenzung zwischen allgemeiner Psychiatrie und forensischer Psychiatrie wichtig. Die forensische Psychiatrie befasst sich mit Fragestellungen an der Schnittstelle von psychischer Erkrankung und Recht. Dazu gehören insbesondere psychiatrische Begutachtungen im Strafverfahren sowie die Behandlung und Unterbringung bestimmter psychisch erkrankter Straftäter. Psychische Erkrankung und Kriminalität dürfen dabei nicht gleichgesetzt werden: Die große Mehrheit psychisch erkrankter Menschen ist nicht kriminell oder gewalttätig.
Theoriebezug
Eine klassische soziologische Perspektive auf die Psychiatrie bietet Erving Goffman mit seiner Analyse totaler Institutionen. In Asylums (1961) untersuchte er psychiatrische Krankenhäuser als Institutionen, in denen zentrale Bereiche des alltäglichen Lebens räumlich und organisatorisch zusammengeführt werden. Sein Interesse galt insbesondere den Auswirkungen institutioneller Routinen auf Identität, Selbstverständnis und Handlungsmöglichkeiten der untergebrachten Personen.
Eine zweite Perspektive ergibt sich aus dem Labeling Approach. Psychische Krankheit kann auch als gesellschaftlicher Zuschreibungsprozess untersucht werden. Besonders deutlich formulierte dies Thomas J. Scheff, der psychische Krankheit mit Prozessen gesellschaftlicher Etikettierung und der Übernahme sozialer Rollen verband. Eine solche Perspektive bestreitet nicht notwendig das Vorliegen psychischer Erkrankungen, sondern richtet den Blick auf die sozialen Reaktionen auf diagnostizierte oder als abweichend wahrgenommene Verhaltensweisen.
Michel Foucault untersuchte die historische Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Wahnsinn und psychiatrischer Klassifikation im Zusammenhang mit umfassenderen Veränderungen von Wissen, Normalisierung und Macht. Aus dieser Perspektive kann psychiatrisches Wissen danach befragt werden, wie Kategorien des Normalen und Pathologischen entstehen und mit institutionellen Praktiken verbunden werden. Foucaults Analyse ist dabei als spezifische historische und gesellschaftstheoretische Interpretation zu verstehen und nicht mit einer medizinischen Theorie psychischer Erkrankungen gleichzusetzen.
Diese Perspektiven machen Psychiatrie zu einem wichtigen Gegenstand der Devianz- und Kontrollsoziologie. Medizinische Diagnostik, therapeutische Hilfe und gesellschaftliche Kontrolle lassen sich analytisch unterscheiden, können sich innerhalb psychiatrischer Institutionen jedoch überschneiden. Gerade das Spannungsverhältnis zwischen Hilfe, Autonomie, Normalisierung und Kontrolle erklärt die besondere sozialwissenschaftliche Bedeutung der Psychiatrie.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Erving Goffman – Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (1961)
Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen von Erving Goffman gehört zu den einflussreichsten soziologischen Werken des 20. Jahrhunderts. Das erstmals 1961 veröffentlichte Buch analysiert psychiatrische Kliniken und ähnliche Einrichtungen, die Goffman als totale Institutionen bezeichnet. Solche…
Thomas Scheff – Being Mentally Ill: A Sociological Theory (1966)
Thomas J. Scheffs Werk Being Mentally Ill gilt als ein zentraler Beitrag zur Etikettierungstheorie und zur Soziologie psychischer Abweichung. Aufbauend auf den theoretischen Überlegungen von Howard S. Becker und Erving Goffman, entwickelt Scheff die These, dass “Geisteskrankheit” nicht (nur) medizinisch-biologisch…
Der Begriff im Film
One Flew Over the Cuckoo’s Nest (1975)
SpielfilmEiner flog über das Kuckucksnest (1975) inszeniert eine psychiatrische Einrichtung als weitgehend geschlossene institutionelle Ordnung, in der individuelle Autonomie mit Regeln, Routinen und therapeutischer Autorität in Konflikt gerät. Der Film eignet sich insbesondere zur Diskussion von Erving Goffmans Konzept der totalen Institution sowie des Spannungsverhältnisses zwischen psychiatrischer Hilfe, Normalisierung und sozialer Kontrolle.