Kurzdefinition
Bezeichnet bei Pierre Bourdieu Ressourcen und Vorteile, die Menschen aufgrund ihrer sozialen Beziehungen, Netzwerke und Gruppenzugehörigkeiten nutzen können.
Ausführliche Erklärung
Soziales Kapital bezeichnet bei Pierre Bourdieu Ressourcen, die Menschen aufgrund ihrer sozialen Beziehungen und ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken oder Gruppen zur Verfügung stehen. Dazu können beispielsweise Informationen, Unterstützung, Empfehlungen, Kontakte oder Zugangsmöglichkeiten gehören, die über persönliche Beziehungen vermittelt werden.
Entscheidend ist dabei nicht allein die Zahl sozialer Kontakte. Der Wert sozialen Kapitals hängt auch davon ab, über welche Ressourcen die Personen innerhalb eines Netzwerks verfügen und in welchem Umfang diese Ressourcen durch die Beziehungen tatsächlich zugänglich werden. Eine einzelne Beziehung zu einer einflussreichen oder gut vernetzten Person kann daher unter Umständen wertvoller sein als zahlreiche Beziehungen, über die nur wenige zusätzliche Ressourcen erschlossen werden können.
Soziales Kapital muss aufgebaut und gepflegt werden. Freundschaften, familiäre Beziehungen, berufliche Netzwerke oder die Mitgliedschaft in Organisationen können langfristige gegenseitige Verpflichtungen und Erwartungen erzeugen. Solche Beziehungen können Unterstützung ermöglichen, zugleich aber auch mit Erwartungen an Gegenseitigkeit und Loyalität verbunden sein.
Wie andere Kapitalformen ist auch soziales Kapital gesellschaftlich ungleich verteilt. Menschen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich Einkommen, Bildung oder Besitz, sondern auch darin, welche sozialen Netzwerke ihnen offenstehen. Soziale Herkunft kann deshalb beeinflussen, welche Kontakte und Beziehungen bereits früh verfügbar sind. Soziales Kapital kann dadurch soziale Mobilität erleichtern, aber ebenso zur sozialen Reproduktion bestehender Ungleichheiten beitragen.
Theoriebezug
Soziales Kapital ist ein Bestandteil der Theorie der Praxis von Pierre Bourdieu. Bourdieu unterscheidet verschiedene Kapitalformen, mit denen Menschen ihre Position innerhalb gesellschaftlicher Felder erhalten oder verbessern können. Neben ökonomischem und kulturellem Kapital können dabei auch soziale Beziehungen eine wichtige Ressource darstellen.
Der Umfang sozialen Kapitals hängt einerseits von der Größe des mobilisierbaren Beziehungsnetzes und andererseits davon ab, über welches Kapital die Mitglieder dieses Netzes selbst verfügen. Beziehungen können beispielsweise Zugang zu Informationen, beruflichen Möglichkeiten, gesellschaftlichen Kreisen oder anderen Ressourcen eröffnen. Soziale Netzwerke sind deshalb nicht unabhängig von gesellschaftlicher Ungleichheit, sondern selbst Teil ihrer Struktur.
Soziales Kapital steht zugleich in engem Zusammenhang mit dem Habitus und der sozialen Herkunft. Menschen bewegen sich aufgrund ihrer Sozialisation und gesellschaftlichen Position häufig in unterschiedlichen sozialen Kreisen und besitzen dadurch unterschiedliche Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen und zu nutzen. In Die feinen Unterschiede wird dieser Zusammenhang zwischen Kapitalausstattung, sozialer Position, Habitus und Lebensführung in Bourdieus umfassendere Analyse gesellschaftlicher Ungleichheit eingeordnet.
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