Kurzdefinition
Bezeichnet ablehnende, ausgrenzende oder feindselige Einstellungen gegenüber Menschen oder Gruppen, die als fremd oder nicht zur eigenen Gemeinschaft gehörig wahrgenommen werden.
Ausführliche Erklärung
Xenophobie bezeichnet ablehnende, ausgrenzende oder feindselige Einstellungen gegenüber Menschen oder Gruppen, die als fremd oder nicht zur eigenen Gemeinschaft gehörig wahrgenommen werden. Der Begriff wird im Deutschen häufig synonym mit Fremdenfeindlichkeit verwendet.
Entscheidend ist dabei, dass „Fremdheit“ keine objektive Eigenschaft einer Person darstellt. Menschen werden aufgrund bestimmter Merkmale oder zugeschriebener Zugehörigkeiten als fremd wahrgenommen. Dazu können beispielsweise Herkunft, Sprache, Religion, kulturelle Praktiken oder äußere Merkmale gehören. Auch Personen, die seit langer Zeit in einer Gesellschaft leben oder deren Staatsangehörigkeit besitzen, können deshalb als „fremd“ kategorisiert werden.
Xenophobie beruht häufig auf einer Unterscheidung zwischen einer als zugehörig wahrgenommenen Eigengruppe und einer als fremd konstruierten Außengruppe. Der Außengruppe können dabei verallgemeinernde und negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Solche Abgrenzungen können Vorurteile und soziale Distanz fördern und sich in Diskriminierung, Ausgrenzung oder feindseligem Verhalten äußern.
Der Begriff ist allerdings nicht unproblematisch. Seine wörtliche Bedeutung als „Furcht vor Fremden“ kann den Eindruck erwecken, die Ablehnung fremd wahrgenommener Menschen sei eine natürliche oder psychologisch zwangsläufige Reaktion. Sozialwissenschaftlich ist dagegen zu berücksichtigen, dass Vorstellungen von Zugehörigkeit und Fremdheit gesellschaftlich hergestellt werden und sich historisch verändern können. Zudem sollte Xenophobie nicht mit Rassismus gleichgesetzt werden. Beide Phänomene können sich überschneiden, bezeichnen analytisch jedoch nicht dasselbe.
Theoriebezug
Sozialwissenschaftlich lässt sich Xenophobie insbesondere über Prozesse sozialer Grenzziehung und Gruppenbildung erklären. Menschen unterscheiden zwischen sozialen Gruppen, denen sie sich selbst zurechnen, und Gruppen, die als nicht zugehörig wahrgenommen werden. Aus solchen Unterscheidungen können Abgrenzungen zwischen einer Eigengruppe und einer als fremd definierten Außengruppe entstehen.
Einen wichtigen Ansatz zum Verständnis solcher Prozesse bietet die von Norbert Elias und John L. Scotson entwickelte Figurationssoziologie. In ihrem Schlüsselwerk Etablierte und Außenseiter untersuchen sie, wie eine etablierte Gruppe gegenüber einer Gruppe von Außenseitern soziale Grenzen errichtet und aufrechterhält. Dabei können der Außengruppe pauschal negative Eigenschaften zugeschrieben werden, während die eigene Gruppe ein positives Selbstbild entwickelt. Entscheidend ist, dass solche Unterschiede nicht notwendig auf objektiven Eigenschaften der beteiligten Gruppen beruhen, sondern innerhalb sozialer Beziehungen hergestellt und stabilisiert werden.
Eine ähnliche Perspektive eröffnet das Konzept des Othering. Menschen oder Gruppen werden dabei als grundsätzlich „anders“ konstruiert und mit bestimmten Eigenschaften verbunden. Auf diese Weise entsteht eine symbolische Grenze zwischen einem vermeintlich selbstverständlichen „Wir“ und den als fremd definierten „Anderen“. Xenophobie setzt daher nicht voraus, dass die betroffenen Personen tatsächlich fremd, neu zugewandert oder ausländische Staatsangehörige sind.
Xenophobie weist enge Überschneidungen mit Vorurteilen, Diskriminierung und Rassismus auf. Die Begriffe sind jedoch nicht vollständig gleichzusetzen. Xenophobie bezeichnet insbesondere die Ablehnung von Menschen, die als fremd oder nicht zugehörig wahrgenommen werden. Rassistische Deutungsmuster können solche Grenzziehungen begründen und stabilisieren, Xenophobie kann jedoch auch an andere Vorstellungen kultureller, nationaler oder sozialer Fremdheit anknüpfen.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Norbert Elias und John L. Scotson – Etablierte und Außenseiter [The Established and the Outsiders (1965)]
Etablierte und Außenseiter gilt als Schlüsselwerk der Figurationssoziologie und als richtungsweisende Studie zur Erklärung sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung auf Gruppenebene. Aufbauend auf Elias’ Zivilisationstheorie analysieren Elias und Scotson, wie in einer kleinen englischen Gemeinde Machtunterschiede und Abwertungsmechanismen zwischen zwei formal…
Der Begriff im Film
This Is England (2006)
SpielfilmThis Is England zeigt, wie nationalistische Zugehörigkeitsvorstellungen mit der Abwertung von Menschen verbunden werden, die als fremd und nicht zur eigenen Gemeinschaft gehörig wahrgenommen werden. Insbesondere die Feindseligkeit gegenüber der pakistanischen Bevölkerung veranschaulicht, wie Xenophobie durch die Konstruktion eines vermeintlichen „Wir“ gegenüber den als fremd definierten „Anderen“ entsteht.