Glossarbegriff

Vergemeinschaftung

Begriff & Konzept

Definition

Vergemeinschaftung bezeichnet bei Max Weber eine Form sozialer Beziehung, bei der sich das Handeln der Beteiligten an einem subjektiv empfundenen Gefühl der Zusammengehörigkeit orientiert. Grundlage der Beziehung ist damit nicht in erster Linie ein rationaler Interessenausgleich, sondern das Empfinden, miteinander verbunden zu sein oder einer gemeinsamen sozialen Einheit anzugehören.

Solche Beziehungen können auf unterschiedlichen Grundlagen entstehen. Persönliche Zuneigung und emotionale Bindungen können ebenso zu Vergemeinschaftung führen wie gemeinsame Traditionen, geteilte Erfahrungen oder das Bewusstsein einer gemeinsamen Zugehörigkeit. Familienbeziehungen, Freundschaften oder religiöse Gemeinschaften können deshalb starke Elemente von Vergemeinschaftung aufweisen.

Vergemeinschaftung setzt dabei weder Harmonie noch Konfliktfreiheit voraus. Auch Menschen, die sich einer gemeinsamen Gruppe zugehörig fühlen, können miteinander konkurrieren oder Konflikte austragen. Entscheidend ist nicht die Qualität der Beziehung, sondern das subjektive Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit. Ebenso wenig genügt die bloße Ähnlichkeit von Eigenschaften oder Lebenslagen, um bereits von Vergemeinschaftung zu sprechen. Erst wenn sich daraus eine wechselseitig orientierte soziale Beziehung entwickelt, wird die Gemeinsamkeit im Sinne Webers soziologisch relevant.

Vergemeinschaftung ist idealtypisch von Vergesellschaftung zu unterscheiden. Während Vergemeinschaftung auf einem subjektiv empfundenen Gefühl der Zusammengehörigkeit beruht, orientieren sich vergesellschaftete Beziehungen an einem rational motivierten Interessenausgleich oder einer rational motivierten Interessenverbindung.

In der sozialen Wirklichkeit treten beide Formen häufig gemeinsam auf. Ein Verein kann beispielsweise zunächst aufgrund eines gemeinsamen Interesses gegründet werden und damit stark vergesellschaftete Elemente aufweisen. Durch regelmäßige Begegnungen, gemeinsame Erfahrungen und die Entwicklung einer Gruppenidentität können zugleich gemeinschaftliche Bindungen entstehen. Umgekehrt können ursprünglich gemeinschaftlich geprägte Beziehungen zunehmend durch formale Regeln, Verträge oder zweckorientierte Vereinbarungen organisiert werden.

Vergemeinschaftung beschreibt daher keine bestimmte Art von Gruppe und auch keine historische Gesellschaftsstufe. Der Begriff dient vielmehr als idealtypisches Instrument zur Analyse der Grundlage sozialer Beziehungen. Entscheidend ist die Frage, woran die Beteiligten ihr wechselseitig aufeinander bezogenes Handeln orientieren.