Glossarbegriff

Wesenwille und Kürwille

Begriff & Konzept

Definition

Die Begriffe Wesenwille und Kürwille stammen aus der Sozialtheorie von Ferdinand Tönnies. In seinem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft (1887) unterscheidet Tönnies zwei grundlegende Formen menschlichen Wollens, die unterschiedlichen Arten sozialer Beziehungen zugrunde liegen.

Wesenwille

Der Wesenwille bezeichnet ein Wollen, das in der gesamten Persönlichkeit, in Gewohnheiten, Erfahrungen und gewachsenen sozialen Bindungen verwurzelt ist. Handeln erscheint hier nicht vorwiegend als Ergebnis bewusster Zweck-Mittel-Kalkulationen, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Lebenszusammenhangs.

Der Wesenwille bildet nach Tönnies die Grundlage der Gemeinschaft. Typische Beispiele sind familiäre Bindungen, Nachbarschaften und traditionelle Formen des Zusammenlebens.

Kürwille

Der Kürwille bezeichnet dagegen ein bewusstes, reflektiertes und zweckorientiertes Wollen. Menschen bestimmen ihre Ziele und wählen geeignete Mittel, um diese zu erreichen. Soziale Beziehungen werden stärker unter dem Gesichtspunkt individueller Interessen und gegenseitiger Vorteile gestaltet.

Der Kürwille bildet die Grundlage der Gesellschaft. Beispiele sind vertragliche Beziehungen, Marktbeziehungen und zweckorientierte Zusammenschlüsse.

Gemeinschaft und Gesellschaft

Wesenwille und Kürwille sind bei Tönnies keine einfachen Gegensätze zwischen emotionalem und rationalem Verhalten. Vielmehr handelt es sich um theoretisch unterschiedene Formen des Wollens, die in konkreten sozialen Beziehungen miteinander verbunden sein können.

Die Unterscheidung verdeutlicht, dass Gemeinschaft und Gesellschaft für Tönnies nicht lediglich verschiedene soziale Gruppen bezeichnen, sondern auf unterschiedlichen Grundlagen sozialer Verbundenheit beruhen.

Einordnung

Personen

Entwickelt vonFerdinand Tönnies

Verwandte Begriffe

ErklärtGemeinschaft
ErklärtGesellschaft