Der Schacht (2019)

Der Schacht (2019) spielt in einer vertikal angelegten Haftanstalt, deren Insassen jeweils zu zweit auf zahlreichen übereinanderliegenden Ebenen leben. Einmal täglich fährt eine reich gedeckte Plattform mit Lebensmitteln von der obersten Ebene nach unten. Während sich die Gefangenen auf den oberen Ebenen nahezu unbegrenzt bedienen können, bleiben für die tiefer gelegenen Ebenen immer weniger oder schließlich gar keine Lebensmittel übrig. Da die Insassen regelmäßig und zufällig einer neuen Ebene zugeteilt werden, können Privilegierte jederzeit selbst zu Benachteiligten werden. Der freiwillig inhaftierte Goreng versucht zunehmend, die gewaltsame und ungleiche Verteilungsordnung des Schachts zu durchbrechen.

Film- / Serienprofil

  • Originaltitel: El hoyo
  • Deutscher Titel: Der Schacht
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Land: Spanien
  • Regie / Creator / Showrunner: Galder Gaztelu-Urrutia
  • Medium: Spielfilm
  • Laufzeit / Umfang: 94 Minuten
  • Schwerpunkte: Gefängnis und Strafvollzug

Kriminologische Relevanz

Der Schacht ist weniger als realistische Darstellung des Strafvollzugs denn als soziologisches Gedankenexperiment über soziale Ungleichheit und die Verteilung knapper Ressourcen zu verstehen. Die vertikale Architektur übersetzt gesellschaftliche Hierarchie buchstäblich in räumliche Positionen: Wer oben lebt, verfügt über Ressourcen im Überfluss; wer unten lebt, ist von den Entscheidungen der Privilegierten abhängig. Die Position innerhalb dieser Ordnung wird dabei nicht durch individuelle Leistung bestimmt, sondern regelmäßig neu und zufällig zugewiesen. Privileg und Not erscheinen damit als strukturelle Positionen, die von den Betroffenen dennoch häufig als selbstverständlich behandelt werden.

Besonders interessant ist die Reaktion der Insassen auf diese Ordnung. Obwohl grundsätzlich genügend Nahrung vorhanden wäre, wenn jeder nur das verbrauchte, was er benötigt, scheitert eine freiwillige gerechte Verteilung. Die Gefangenen orientieren ihr Verhalten an ihrer gegenwärtigen Position: Wer sich oben befindet, maximiert den eigenen Konsum; wer weiter unten lebt, trägt die Folgen. Die Möglichkeit, bei der nächsten Neuzuteilung selbst zu den Benachteiligten zu gehören, reicht nicht aus, um dauerhafte Solidarität hervorzubringen. Der Schacht stellt damit die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, ihren eigenen Ressourcenkonsum zugunsten unbekannter anderer Personen zu begrenzen.

Der Film lässt sich deshalb besonders gut als Allegorie auf soziale Ungleichheit, Klassenverhältnisse und kapitalistische Verteilungsordnungen lesen. Die Plattform transportiert täglich einen Überfluss an Gütern durch das gesamte System. Das zentrale Problem ist nicht deren absolute Knappheit, sondern ihre Verteilung. Armut entsteht innerhalb der Versuchsanordnung dadurch, dass diejenigen mit früherem Zugriff mehr konsumieren, als sie benötigen, während die nachfolgenden Ebenen keine Möglichkeit besitzen, ihren Anteil einzufordern. Die vertikale Ordnung des Gefängnisses macht damit sichtbar, wie ungleiche Verfügungsmöglichkeiten über Ressourcen soziale Lebenschancen strukturieren.

Zugleich problematisiert der Film die Grenzen freiwilliger Solidarität. Goreng versucht zunächst, die anderen Insassen argumentativ von einer rationierten Verteilung zu überzeugen. Sein Appell an Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme scheitert jedoch weitgehend. Erst die Androhung beziehungsweise Anwendung von Gewalt ermöglicht es, die Verteilungsregel zumindest zeitweise durchzusetzen. Damit stellt der Film eine klassische gesellschaftstheoretische Frage: Kann soziale Ordnung allein aus freiwilliger Kooperation entstehen, oder benötigt sie verbindliche Regeln und eine Instanz, die deren Einhaltung durchsetzen kann?

Auch als Gefängnisfilm ist Der Schacht bemerkenswert. Die Institution kontrolliert die Insassen nicht primär durch permanente unmittelbare Gewalt. Stattdessen schafft sie eine Struktur, innerhalb derer die Gefangenen selbst um Ressourcen konkurrieren, einander bedrohen und Gewalt ausüben. Herrschaft wird dadurch teilweise in die soziale Ordnung der Gefangenen verlagert. Das Gefängnis produziert Bedingungen, unter denen horizontale Konflikte zwischen den Insassen entstehen, während die institutionellen Verantwortlichen weitgehend unsichtbar bleiben.

Gerade diese Verbindung von Ungleichheit, institutioneller Ordnung und individualisierter Verantwortung macht den Film sozialwissenschaftlich besonders produktiv. Hunger erscheint zunächst als Folge egoistischen Verhaltens einzelner Insassen. Tatsächlich wird dieses Verhalten jedoch durch eine institutionelle Struktur ermöglicht und begünstigt, die Menschen systematisch in unterschiedlich privilegierte Positionen bringt. Der Schacht stellt damit letztlich nicht nur die Frage, warum Menschen unsolidarisch handeln, sondern wer eine gesellschaftliche Ordnung geschaffen hat, in der Solidarität permanent gegen individuelle Anreize durchgesetzt werden muss.

Kriminologische Einordnung

Trailer / Teaser