Lolita (1997)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: Lolita
- Deutscher Titel: Lolita
- Erscheinungsjahr: 1997
- Land: USA, Frankreich
- Regie / Creator / Showrunner: Adrian Lyne
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 137 Minuten
- Schwerpunkte: Jugend, Devianz und Subkultur
Kriminologische Relevanz
Lolita (1997) ist kriminologisch insbesondere als Darstellung von sexualisierter Gewalt, Macht, Abhängigkeit und Viktimisierung relevant. Im Zentrum steht die Beziehung des erwachsenen Literaturwissenschaftlers Humbert Humbert zur minderjährigen Dolores Haze. Während Humbert seine sexuelle Fixierung als außergewöhnliche Liebesgeschichte interpretiert, besteht zwischen beiden ein fundamentales Machtgefälle. Nach dem Tod ihrer Mutter ist Dolores weitgehend von Humbert abhängig: Er verfügt über Geld und Unterkunft, bestimmt ihre Mobilität und kann ihre sozialen Kontakte kontrollieren. Die Beziehung findet damit nicht zwischen zwei Personen mit vergleichbaren Handlungsmöglichkeiten statt.
Besonders interessant ist die konsequente Perspektivierung der Geschichte durch Humbert. Er beschreibt und interpretiert Dolores auf eine Weise, die seine eigene Verantwortung relativiert und dem Mädchen sexuelle Handlungsmacht zuschreibt. Damit lässt sich Lolita als Beispiel für Neutralisierung und Täterrechtfertigung lesen. Humbert bestreitet sein Verhalten nicht, verändert jedoch dessen moralische Bedeutung: Aus sexueller Ausbeutung wird in seiner Erzählung Liebe, aus Abhängigkeit eine Beziehung und aus dem betroffenen Kind eine vermeintliche Verführerin. Seine Bildung, sprachliche Gewandtheit und Selbstreflexivität verstärken dabei die Wirkung dieser Selbstdarstellung.
Gerade diese Umdeutung macht den Film auch für die Viktimologie interessant. Dolores erscheint innerhalb von Humberts Erzählung zeitweise als selbstbewusste, flirtende oder initiativ handelnde Jugendliche. Eine viktimologische Perspektive muss ihr deshalb keineswegs jede eigene Handlungsmacht absprechen. Auch Minderjährige können Aufmerksamkeit suchen, mit ihrer Wirkung auf Erwachsene experimentieren oder erlernte Formen des Flirtens strategisch einsetzen. Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung zwischen solchem Verhalten und der Verantwortung für die sexuelle Grenzüberschreitung eines Erwachsenen. Humberts Neutralisierung besteht gerade darin, diese Ebenen miteinander zu verschmelzen: Aus Dolores’ Verhalten wird eine sexuelle Absicht, aus vermeintlicher sexueller Absicht eine „Verführung“ und aus dieser schließlich eine Relativierung seiner eigenen Verantwortung. Ähnliche Argumentationsmuster finden sich bis heute in Formen des Victim Blaming, etwa wenn Kleidung, Auftreten oder Flirtverhalten Betroffener zur Erklärung oder Relativierung sexualisierter Übergriffe herangezogen werden.
Diese Problematik reicht über die Handlung hinaus und prägt auch die kulturelle Wirkungsgeschichte von Lolita. Der Name „Lolita“ entwickelte sich teilweise zu einer Bezeichnung für ein vermeintlich frühreifes oder verführerisches minderjähriges Mädchen. Damit wurde ausgerechnet jene Figur kulturell reproduziert, die Humbert innerhalb seiner eigenen Rechtfertigungserzählung konstruiert. Die reale Dolores Haze hinter dieser Konstruktion droht dabei aus dem Blick zu geraten. Die Rezeptionsgeschichte lässt sich deshalb auch als Beispiel für Victim Blaming und gesellschaftliche Deutungsmacht lesen: Nicht der erwachsene Mann und sein Verhalten, sondern die vermeintliche Verführungskraft des Mädchens wird zum erklärungsbedürftigen Phänomen.
Eine zusätzliche kriminologische Dimension erhält der Stoff durch seine Entstehungsgeschichte. Nabokov kannte den Fall der elfjährigen Sally Horner, die 1948 von dem erwachsenen Frank La Salle entführt, über viele Monate durch die USA gebracht und sexuell missbraucht wurde; der Roman nimmt ausdrücklich auf diesen Fall Bezug. Die Grundkonstellation eines Erwachsenen, der Zugang zu einem minderjährigen Mädchen sucht, hatte Nabokov allerdings bereits Jahre zuvor literarisch verarbeitet. Der Fall Horner gilt daher nicht als alleinige Vorlage für Lolita, weist aber deutliche Parallelen insbesondere zu Humberts Reise mit Dolores auf.
Eine strukturelle zeitgenössische Parallele lässt sich im Fall des US-amerikanischen Finanzinvestors Jeffrey Epstein erkennen. Der Vergleich liegt nicht in einer Gleichsetzung der konkreten Taten, sondern in der Bedeutung sozialer Machtressourcen für sexuelle Ausbeutung. Epstein verfügte über erheblichen Wohlstand, gesellschaftlichen Status und Kontakte in gesellschaftliche Eliten; zugleich wurden minderjährige Mädchen und junge Frauen in sexuelle Ausbeutungs- und Rekrutierungsstrukturen eingebunden. Der Fall verdeutlicht damit, dass Bildung, Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung sexualisierte Ausbeutung keineswegs ausschließen. Solche Ressourcen können vielmehr Zugangsmöglichkeiten, Abhängigkeiten und soziale Abschirmung erzeugen und damit die Handlungsmacht eines Täters gegenüber vulnerablen Betroffenen erheblich vergrößern.
Auch die seit der #MeToo-Bewegung intensivierte gesellschaftliche Diskussion über sexuelle Grenzverletzungen bietet eine wichtige zeitgenössische Perspektive auf Lolita. Im Mittelpunkt steht dabei weniger eine nachträgliche Neubewertung Nabokovs als vielmehr eine veränderte Sensibilität für Machtasymmetrien, Abhängigkeiten, Zustimmung und Victim Blaming. Sexuelle Beziehungen und Grenzverletzungen lassen sich aus dieser Perspektive nicht unabhängig von den sozialen Positionen der Beteiligten beurteilen. Für die Interpretation von Lolita bedeutet dies, Dolores’ vermeintliche sexuelle Initiative nicht isoliert zu betrachten, sondern nach den Bedingungen zu fragen, unter denen ein minderjähriges Mädchen gegenüber einem erwachsenen und über zentrale Ressourcen verfügenden Mann überhaupt handeln kann.
Lolita lässt sich damit weniger als Geschichte einer gesellschaftlich verbotenen Liebe denn als Untersuchung von Macht und Deutungshoheit lesen. Humbert verfügt nicht nur über erhebliche Macht über Dolores’ Lebensbedingungen; er besitzt zugleich die narrative Macht, dem Geschehen eine Bedeutung zu geben. Er konstruiert aus Dolores „Lolita“ und aus sexueller Ausbeutung eine tragische Liebesgeschichte. Gerade darin liegt die besondere kriminologische und soziologische Relevanz des Stoffes: Macht entscheidet nicht nur darüber, wer handeln kann, sondern auch darüber, wer definieren kann, was geschehen ist und wem dafür Verantwortung zugeschrieben wird.