The Walking Dead (2010–2022)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: The Walking Dead
- Deutscher Titel: The Walking Dead
- Erscheinungsjahr: 2010–2022
- Land: USA
- Regie / Creator / Showrunner: Frank Darabont
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 11 Staffeln, 177 Episoden
- Schwerpunkte: Krieg, Staat und politische Gewalt
Kriminologische Relevanz
The Walking Dead lässt sich als Gedankenexperiment über den Zusammenbruch staatlicher Ordnung und die Entstehung neuer Herrschaftsformen lesen. Die Zombie-Apokalypse beseitigt innerhalb kürzester Zeit Polizei, Justiz, Verwaltung und andere Institutionen, die in modernen Gesellschaften Regeln durchsetzen und soziale Ordnung stabilisieren. Damit entfällt auch das staatliche Monopol legitimer physischer Gewalt. Gewalt wird privatisiert und zunächst zu einem alltäglichen Mittel individueller und kollektiver Selbstbehauptung.
Die Serie beschränkt sich jedoch nicht auf die Vorstellung eines dauerhaften anarchischen Naturzustands. Mit zunehmender Dauer bilden die Überlebenden neue Gemeinschaften, Regeln und Institutionen. Besonders interessant ist, dass dabei unterschiedliche Formen politischer Herrschaft entstehen. Alexandria entwickelt Elemente demokratischer Selbstverwaltung, während andere Gemeinschaften stärker durch persönliche oder charismatische Herrschaft geprägt sind. Ezekiel inszeniert sich im „Kingdom“ als König, der Governor errichtet in Woodbury eine autoritäre Ordnung und Negan etabliert mit den Saviors ein auf persönlicher Herrschaft, Tributpflicht und massiver Gewaltandrohung beruhendes System.
Gerade Negans Herrschaft verdeutlicht den Unterschied zwischen einem Gewaltmonopol und einem legitimen Gewaltmonopol. Auch die Saviors sind in der Lage, Gewalt innerhalb eines bestimmten Herrschaftsbereichs zu zentralisieren, Regeln festzulegen, Verstöße zu sanktionieren und anderen Gemeinschaften Abgaben aufzuerlegen. Herrschaft entsteht damit nicht erst dort, wo Gewalt verschwindet, sondern dort, wo ihre Anwendung organisiert und institutionalisiert wird. Im Sinne Max Webers stellt sich deshalb die entscheidende Frage, wodurch die Ausübung von Herrschaft als legitim anerkannt wird.
Die Konflikte zwischen Alexandria, Hilltop, dem Kingdom und den Saviors können vor diesem Hintergrund als Konkurrenz unterschiedlicher Modelle gesellschaftlicher Ordnung verstanden werden. Bemerkenswert ist, dass sich langfristig nicht einfach die militärisch stärkste Gemeinschaft durchsetzt. Nach dem Sieg über die Saviors versuchen die verbündeten Gemeinschaften vielmehr, Regeln zu institutionalisieren, Kooperation zu ermöglichen und Konflikte nicht ausschließlich durch persönliche Herrschaft und Gewalt zu regulieren. Die Wiederherstellung gesellschaftlicher Ordnung erscheint dadurch als Prozess der Institutionalisierung und Legitimation von Herrschaft.
Kriminologisch besonders interessant ist dabei die Veränderung der Bedeutung von Gewalt. Handlungen wie Tötung, Freiheitsentziehung oder die gewaltsame Aneignung von Ressourcen können nach dem Zusammenbruch staatlicher Institutionen nicht mehr anhand einer funktionierenden staatlichen Rechtsordnung bewertet und sanktioniert werden. Die Gemeinschaften müssen deshalb selbst bestimmen, welches Verhalten zulässig ist, wer Regeln setzen darf und wer berechtigt ist, Verstöße zu bestrafen. The Walking Dead führt damit vor Augen, dass die Kategorien „Kriminalität“ und „Strafe“ eine politische und institutionelle Ordnung voraussetzen, innerhalb derer Verhalten überhaupt verbindlich als rechtmäßig oder rechtswidrig definiert werden kann.
Kriminologische Einordnung
Kriminalitätstheorien
Anomiebegriff (Durkheim)
Schlüsselwerke
Max Weber – Wirtschaft und Gesellschaft (1921/22)