Tsotsi (2005)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: Tsotsi
- Deutscher Titel: Tsotsi
- Erscheinungsjahr: 2005
- Land: Südafrika, Vereinigtes Königreich
- Regie / Creator / Showrunner: Gavin Hood
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 95 Minuten
- Schwerpunkte: Jugend, Devianz und Subkultur
Kriminologische Relevanz
Tsotsi (2005) verbindet die Geschichte eines gewalttätigen jungen Straftäters mit Fragen nach Armut, sozialer Ungleichheit, Sozialisation und kriminellen Lebensverläufen. Der Film spielt überwiegend in einem südafrikanischen Township und zeigt Kriminalität damit nicht losgelöst von ihrem sozialen Umfeld. Prekäre Lebensbedingungen, informelle Ökonomien und begrenzte gesellschaftliche Teilhabe bilden den Hintergrund, vor dem Tsotsi und seine Gruppe Raubüberfälle und andere Straftaten begehen.
Besonders naheliegend ist eine Interpretation mithilfe von Anomie- und Subkulturtheorien. Zwischen gesellschaftlich sichtbarem Wohlstand und den verfügbaren legalen Möglichkeiten der jungen Männer besteht eine erhebliche Diskrepanz. Kriminalität erscheint dabei nicht zwangsläufig als unmittelbare Folge von Armut, sondern als eine mögliche Handlungsstrategie innerhalb eines sozialen Umfelds, in dem legitime Zugänge zu gesellschaftlichen Ressourcen begrenzt sind und sich alternative Normen und Statusordnungen herausbilden können.
Zugleich lässt sich Tsotsis Verhalten über Lern- und Sozialisationstheorien betrachten. Gewalt ist für ihn zunächst ein selbstverständliches Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Aufrechterhaltung seiner Position innerhalb der Gruppe. Der Film vermeidet jedoch eine statische Vorstellung des „Kriminellen“ als unveränderlicher Persönlichkeit. Mit der Versorgung des entführten Babys verändern sich Tsotsis soziale Beziehungen und Handlungssituationen. Empathie, Verantwortung und Bindung werden zunehmend zu Alternativen gegenüber einer zuvor von Gewalt und Misstrauen geprägten Lebensführung.
Damit berührt Tsotsi schließlich eine zentrale Frage der Desistance-Forschung: Warum beenden Menschen kriminelle Karrieren? Der Film liefert darauf keine einfache Antwort und erzählt auch keine lineare Resozialisierungsgeschichte. Er zeigt vielmehr, wie neue Bindungen und Verantwortlichkeiten eine bislang dominante Selbstdefinition infrage stellen können. Tsotsi beginnt, sich mit seiner eigenen Kindheit und den Erfahrungen von Vernachlässigung, Verlust und Gewalt auseinanderzusetzen. Die Veränderung seiner sozialen Beziehungen geht dabei mit einer Veränderung seines Selbstverständnisses einher.
Kriminologisch interessant ist deshalb gerade die Spannung zwischen Struktur und Handlung. Der Film macht soziale Benachteiligung sichtbar, ohne Tsotsis Gewalttaten dadurch zu entschuldigen oder mechanisch aus Armut abzuleiten. Gleichzeitig verweigert er eine rein individualisierende Tätererklärung. Kriminalität erscheint vielmehr als Bestandteil eines Lebensverlaufs, der unter bestimmten sozialen Bedingungen entstanden ist – und sich unter veränderten sozialen Beziehungen auch wieder verändern kann.