Shoplifters (2018)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: Manbiki kazoku
- Deutscher Titel: Shoplifters - Familienbande
- Erscheinungsjahr: 2018
- Land: Japan
- Regie / Creator / Showrunner: Hirokazu Koreeda
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 121 Minuten
- Schwerpunkte: Jugend, Devianz und Subkultur
Kriminologische Relevanz
Shoplifters stellt eine für die Kriminologie grundlegende Frage: Was bedeutet es, wenn Handlungen, die rechtlich eindeutig als abweichend oder kriminell gelten, innerhalb einer sozialen Gemeinschaft als normal, notwendig oder sogar fürsorglich erscheinen? Die Familie Shibata lebt am Rand der japanischen Gesellschaft. Ihr Alltag ist von prekärer Beschäftigung, materieller Unsicherheit und informellen Überlebensstrategien geprägt. Ladendiebstahl gehört dabei nicht zu einer spektakulären kriminellen Karriere, sondern ist Bestandteil des alltäglichen Wirtschaftens.
Besonders interessant ist der Film deshalb für die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit, Exklusion und Devianz. Kore-eda zeigt Kriminalität nicht isoliert vom sozialen Kontext. Die wiederholten Diebstähle lassen sich vielmehr als Teil einer Lebensweise verstehen, die unter Bedingungen begrenzter materieller und gesellschaftlicher Teilhabe entstanden ist. Der Film entschuldigt diese Handlungen nicht, verschiebt den Blick aber von der individuellen Normverletzung auf die sozialen Bedingungen, unter denen sie stattfindet.
Eine zweite Ebene betrifft Sozialisation und soziale Bindungen. Shota lernt das Stehlen von Osamu und übernimmt zunächst die innerhalb der Familie geltenden Rechtfertigungen für dieses Verhalten. Damit lässt sich der Film sowohl mit lerntheoretischen Ansätzen als auch mit der Frage verbinden, wie Normen innerhalb enger sozialer Gruppen vermittelt werden. Zugleich stellt Shoplifters die einfache Annahme infrage, dass eine formal intakte Familie automatisch vor Devianz schützt: Die Mitglieder der Gemeinschaft verstoßen gegen gesellschaftliche Normen und entwickeln gleichzeitig starke gegenseitige Bindungen.
Gerade darin liegt die besondere sozialwissenschaftliche Qualität des Films. Shoplifters kontrastiert rechtliche und soziale Vorstellungen von Familie, Eigentum und Fürsorge. Menschen können rechtlich miteinander verwandt sein und einander dennoch vernachlässigen; umgekehrt können Menschen ohne biologische Verwandtschaft füreinander Verantwortung übernehmen und zugleich gegen das Gesetz verstoßen. Der Film zwingt damit zu der Frage, ob Legalität, Moralität und soziale Integration tatsächlich so selbstverständlich zusammenfallen, wie gesellschaftliche Institutionen häufig voraussetzen.
Kriminologische Einordnung
Kriminalitätstheorien
Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland)
Bindungstheorie (Hirschi)
Neutralisierungsthese (Sykes und Matza)
Schlüsselwerke