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Banlieue

Kurzdefinition

Banlieue bezeichnet im Französischen zunächst die Vororte einer Stadt. Im sozialwissenschaftlichen und öffentlichen Sprachgebrauch wird der Begriff häufig enger für sozial benachteiligte, durch Segregation und einen hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte geprägte Großwohnsiedlungen an den Rändern französischer Städte verwendet.

Ausführliche Erklärung

Der französische Begriff Banlieue bezeichnet zunächst wertneutral die Vororte beziehungsweise das Umland einer Stadt. Nicht jede Banlieue ist daher sozial benachteiligt oder durch besondere soziale Probleme gekennzeichnet. Im politischen, medialen und sozialwissenschaftlichen Sprachgebrauch wird der Begriff jedoch häufig enger verwendet und mit bestimmten Großwohnsiedlungen an den Rändern französischer Metropolen verbunden, die durch soziale Benachteiligung, räumliche Segregation und einen hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte geprägt sind.

Viele dieser Siedlungen entstanden insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge von Urbanisierung, Wohnungsnot und staatlichem Wohnungsbau. Sie boten zunächst modernen und vergleichsweise günstigen Wohnraum. Wirtschaftlicher Strukturwandel, Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit trugen später jedoch dazu bei, dass sich soziale Problemlagen in bestimmten Gebieten konzentrierten. Zugleich wurden zahlreiche Banlieues zu Wohnorten von Einwanderern und deren Nachkommen, insbesondere aus ehemaligen französischen Kolonien.

Sozialwissenschaftlich sind Banlieues deshalb vor allem im Zusammenhang mit Segregation, sozialer Ungleichheit, Migration, Exklusion und gesellschaftlichen Grenzziehungen von Bedeutung. Räumliche und soziale Ungleichheiten können sich gegenseitig verstärken: Wohnort, Bildungs- und Erwerbschancen, soziale Netzwerke sowie der Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen sind nicht unabhängig voneinander. Die Banlieue ist damit nicht lediglich ein geografischer Raum, sondern kann Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheits- und Ausschlussprozesse sein.

Kriminologisch sind insbesondere das Verhältnis zwischen Jugendlichen und Polizei, Erfahrungen von Diskriminierung und Polizeikontrollen sowie Konflikte um öffentliche Räume von Bedeutung. Wiederkehrende Unruhen in französischen Vorstädten haben dazu beigetragen, Banlieues in Medien und Öffentlichkeit mit Jugendgewalt, Kriminalität und gesellschaftlicher Unordnung zu verbinden. Eine solche Gleichsetzung ist jedoch problematisch, weil sie sehr unterschiedliche Stadtteile und Bevölkerungsgruppen homogenisiert und zur Stigmatisierung ihrer Bewohner beitragen kann.

Der Begriff besitzt daher selbst eine diskursive Dimension: Die Bezeichnung eines Stadtteils als „Banlieue“ kann über die geografische Beschreibung hinaus Vorstellungen von sozialer Marginalität, Migration, Devianz und Unsicherheit transportieren. Sozialwissenschaftliche Analysen untersuchen deshalb nicht nur die sozialen Bedingungen dieser Stadtteile, sondern auch ihre gesellschaftliche Wahrnehmung und die Prozesse, durch die räumliche Ungleichheit mit ethnischen und sozialen Zuschreibungen verbunden wird.

Theoriebezug

Die sozialwissenschaftliche Analyse der Banlieue ist eng mit Ansätzen zu sozialer Ungleichheit und Segregation verbunden. Sie untersuchen, wie sich soziale Unterschiede räumlich strukturieren und wie Wohnort, soziale Herkunft, Bildungschancen und Arbeitsmarktposition miteinander zusammenhängen. Prozesse sozialer und räumlicher Exklusion können dazu beitragen, gesellschaftliche Benachteiligungen zu verstetigen.

Anknüpfungspunkte bestehen außerdem zur Theorie der sozialen Desorganisation. Diese richtet den Blick auf das Verhältnis zwischen sozialräumlichen Bedingungen, lokalen sozialen Beziehungen und informeller sozialer Kontrolle. Die Theorie sollte jedoch nicht dazu verwendet werden, Banlieues pauschal als „desorganisierte“ oder kriminalitätsbelastete Räume zu charakterisieren; vielmehr ermöglicht sie die Untersuchung konkreter sozialräumlicher Bedingungen und ihrer Bedeutung für lokale Gemeinschaften.

Aus der Perspektive des Labeling Approach und der Stigmatheorie lässt sich schließlich untersuchen, wie bestimmte Stadtteile und ihre Bewohner gesellschaftlich als problematisch oder gefährlich definiert werden. Solche territorialen Zuschreibungen können sich mit ethnischen und sozialen Grenzziehungen verbinden und die gesellschaftliche Ausgrenzung der Bewohner zusätzlich verstärken.

Verwandte Begriffe

Diskriminierung Exklusion Integration Jugendkriminalität Migration Rassismus Segregation Soziale Desorganisation Soziale Ungleichheit Stigmatisierung

Weiterführende Beiträge

Segregation

Was ist Segregation? Segregation (von segregieren: trennen, abspalten, absondern) bezeichnet in der Stadtsoziologie den Prozess der Abspaltung geographischer Räume nach sozialen, demographischen oder auch kulturell/ ethnischen Kriterien. Farwick (2012: 381) definiert Segregation als "Prozesse der räumlichen Differenzierung, Sortierung und Separierung"…

Das konzentisches Zonenmodell beschreibt die Kriminalitätsverteilung im Raum in der Theorie der sozialen Desorganisation von Shaw und McKay

Soziale Desorganisation (Shaw & McKay)

Die Theorie der sozialen Desorganisation ist auch bekannt unter den Namen Social Ecology, Ökologischer Ansatz, Kriminalökologie, Area Approach, kulturelle Transmission. Soziale Raumtheorien gehen davon aus, dass Kriminalität nicht zufällig über den städtischen Raum verteilt ist. In bestimmten Stadtgebieten treten dauerhaft…

Der Begriff im Film

Schwarz-weiße Luftaufnahme einer französischen Banlieue mit Hochhaussiedlungen und dem Titel „La Haine“ – Symbol für soziale Ausgrenzung, Jugendkultur und urbane Konflikte.

La Haine (1995)

Spielfilm

La Haine (1995) schildert das Leben dreier junger Männer in einer französischen Banlieue und verbindet soziale und räumliche Ausgrenzung mit Erfahrungen von Diskriminierung, Polizeigewalt und gesellschaftlicher Stigmatisierung. Der Film veranschaulicht damit, wie soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Grenzziehungen in konkreten urbanen Räumen sichtbar werden.



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Über SozTheo

Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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