Kurzdefinition
Behinderung bezeichnet Einschränkungen gesellschaftlicher Teilhabe, die im Zusammenspiel zwischen körperlichen, psychischen, kognitiven oder Sinnesbeeinträchtigungen und sozialen, institutionellen oder räumlichen Barrieren entstehen. Behinderung ist damit nicht ausschließlich eine individuelle Eigenschaft, sondern auch ein gesellschaftlich hervorgebrachtes Verhältnis.
Ausführliche Erklärung
Der Begriff Behinderung bezeichnet körperliche, psychische, kognitive oder Sinnesbeeinträchtigungen und insbesondere die Einschränkungen gesellschaftlicher Teilhabe, die im Zusammenspiel solcher Beeinträchtigungen mit sozialen, institutionellen und räumlichen Barrieren entstehen können. Behinderung lässt sich daher nicht ausschließlich als individuelle Eigenschaft einer Person verstehen, sondern bezeichnet auch ein Verhältnis zwischen individuellen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Bedingungen.
Historisch wurde Behinderung lange vor allem aus einer medizinischen Perspektive betrachtet. Im sogenannten medizinischen oder individuellen Modell erscheint eine körperliche, psychische oder kognitive Abweichung als Defizit, das diagnostiziert, behandelt, rehabilitiert oder kompensiert werden soll. Die Ursachen eingeschränkter gesellschaftlicher Teilhabe werden dabei vorwiegend bei der betroffenen Person selbst verortet.
Das soziale Modell von Behinderung verschiebt demgegenüber die Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Bedingungen. Es unterscheidet zwischen einer individuellen Beeinträchtigung und den Barrieren, durch die Menschen an gesellschaftlicher Teilhabe gehindert werden. Eine körperliche Beeinträchtigung führt beispielsweise nicht zwangsläufig zu einem Ausschluss aus gesellschaftlichen Bereichen; fehlende Barrierefreiheit, institutionelle Regelungen oder diskriminierende Einstellungen können jedoch dazu führen, dass aus einer Beeinträchtigung eine Behinderung gesellschaftlicher Teilhabe entsteht.
Neuere Ansätze verstehen Behinderung daher häufig relational: Individuelle Beeinträchtigungen und gesellschaftliche Bedingungen werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrem Zusammenwirken betrachtet. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention folgt einem solchen menschenrechtlichen Verständnis und rückt die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in den Mittelpunkt.
Sozialwissenschaftlich ist Behinderung eng mit Fragen nach Normalität, sozialer Ungleichheit, Diskriminierung und Exklusion verbunden. Gesellschaften definieren Vorstellungen davon, welche körperlichen und psychischen Eigenschaften als normal, leistungsfähig oder erwünscht gelten. Menschen, die von solchen Normalitätsvorstellungen abweichen, können mit Vorurteilen, Stigmatisierung und institutionellen Benachteiligungen konfrontiert werden. In diesem Zusammenhang wird auch von Ableismus gesprochen: Gemeint sind gesellschaftliche Vorstellungen und Praktiken, durch die Menschen anhand körperlicher oder geistiger Fähigkeiten bewertet und benachteiligt werden.
Behinderung ist deshalb nicht allein Gegenstand der Medizin oder Sozialpolitik. Sie ist zugleich ein Thema der Soziologie sozialer Ungleichheit, der Soziologie des Körpers, der Disability Studies sowie der Forschung zu Diskriminierung und gesellschaftlicher Teilhabe.
Theoriebezug
Für die sozialwissenschaftliche Analyse von Behinderung ist zunächst die Unterscheidung zwischen einem medizinischen und einem sozialen Modell von Behinderung zentral. Während das medizinische Modell Einschränkungen vor allem als Eigenschaften und Funktionsbeeinträchtigungen des Individuums betrachtet, richtet das soziale Modell den Blick auf gesellschaftliche Barrieren und Ausschlussmechanismen. Behinderung entsteht aus dieser Perspektive wesentlich dort, wo gesellschaftliche Strukturen eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen erschweren oder verhindern.
Eine weitere Perspektive bietet Erving Goffmans Stigmatheorie. Goffman untersucht, wie bestimmte körperliche oder soziale Merkmale gesellschaftlich als Abweichung von Normalität definiert und mit negativen Zuschreibungen verbunden werden können. Für Menschen mit sichtbaren Behinderungen können solche Zuschreibungen die soziale Interaktion prägen und dazu führen, dass eine Person auf ein einzelnes Merkmal reduziert und ihre soziale Identität dadurch überlagert wird.
Auch der Labeling Approach ermöglicht es, Behinderung im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Zuschreibungsprozessen zu betrachten. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Frage, welche Eigenschaften eine Person besitzt, als vielmehr, wie Abweichungen von gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen definiert, kategorisiert und sozial behandelt werden. Institutionelle Klassifikationen können einerseits Voraussetzung für Unterstützung und Nachteilsausgleiche sein, andererseits aber auch Prozesse der Stigmatisierung und sozialen Ausgrenzung begünstigen.
Schließlich ist Behinderung eine Dimension sozialer Ungleichheit. Unterschiede beim Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit, Einkommen, Wohnraum oder gesellschaftlicher Partizipation können bestehende Beeinträchtigungen mit weiteren sozialen Benachteiligungen verbinden. Behinderung lässt sich deshalb auch als Bestandteil gesellschaftlicher Ungleichheits- und Exklusionsprozesse untersuchen.
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SpielfilmFreaks (1932) thematisiert den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit körperlichen Behinderungen und macht Prozesse der Ausgrenzung, Stigmatisierung und Konstruktion von Normalität sichtbar. Der Film veranschaulicht damit, dass Behinderung nicht allein eine körperliche Eigenschaft bezeichnet, sondern wesentlich durch soziale Wahrnehmungen, Zuschreibungen und gesellschaftliche Grenzziehungen geprägt wird.