Kurzdefinition
Bezeichnet Schriftzüge, Zeichen oder bildliche Darstellungen, die auf öffentlich oder privat sichtbaren Flächen angebracht werden und je nach sozialem Kontext unter anderem als kulturelle Ausdrucksform, politische Kommunikation, Markierung sozialer Zugehörigkeit, Kunst oder Normverletzung verstanden werden können.
Ausführliche Erklärung
Graffiti bezeichnet Schriftzüge, Zeichen oder bildliche Darstellungen, die auf öffentlich oder privat sichtbaren Flächen angebracht werden. Der Begriff umfasst jedoch sehr unterschiedliche soziale und kulturelle Praktiken, die sich hinsichtlich ihrer Entstehung, Funktion, Ästhetik, Adressaten und rechtlichen Bewertung erheblich unterscheiden können. Von „Graffiti“ als einem einheitlichen Phänomen zu sprechen, kann diese Unterschiede deshalb verdecken.
Eine wichtige Form ist das Style-Writing, das sich insbesondere im Umfeld der New Yorker Hip-Hop-Kultur entwickelte. Im Mittelpunkt stehen dabei Namen beziehungsweise Pseudonyme (Tags) und deren gestalterische Weiterentwicklung. Neben einfachen Tags existieren aufwendigere Formen wie Throw-ups und Pieces. Innerhalb der Writing-Kultur können technische Fähigkeiten, Originalität, Stilentwicklung, die Platzierung eines Werkes und seine Sichtbarkeit wichtige Kriterien für Anerkennung und Status darstellen.
Davon zu unterscheiden sind beispielsweise Street Art, politische Graffiti oder territoriale Markierungen von Gangs. Street Art richtet sich häufig stärker an eine allgemeine Öffentlichkeit und arbeitet neben Schrift auch mit Schablonen, Figuren, Bildern oder Installationen. Politische Graffiti dienen dagegen vor allem der öffentlichen Artikulation politischer Botschaften, Protest oder Propaganda. Gang-Graffiti können unter anderem Zugehörigkeit, territoriale Ansprüche, Konflikte oder Kommunikation zwischen Gruppen ausdrücken. Die Übergänge zwischen diesen Formen sind nicht immer eindeutig, dennoch unterscheiden sich ihre sozialen Funktionen teilweise erheblich.
Auch rechtlich und gesellschaftlich ist Graffiti nicht einheitlich zu bewerten. Entscheidend ist unter anderem, wo und mit welcher Erlaubnis eine Darstellung angebracht wird. Nicht genehmigte Graffiti können Eigentumsrechte verletzen und als Sachbeschädigung verfolgt werden, während vergleichbare ästhetische Ausdrucksformen auf legalen Flächen, in Galerien oder im Rahmen kommerzieller Aufträge gesellschaftliche Anerkennung erfahren können. Die gleiche oder eine ähnliche Gestaltungspraxis kann damit je nach sozialem und räumlichem Kontext sehr unterschiedlich bewertet werden.
Gerade deshalb ist Graffiti für die Soziologie und Kriminologie besonders interessant. Es berührt Fragen von Devianz, sozialer Kontrolle, öffentlichem Raum, Eigentum, Subkultur und gesellschaftlicher Definitionsmacht. Die Bezeichnung einer konkreten Praxis als Kunst, Vandalismus, politischer Protest oder Ausdruck einer Subkultur beschreibt nicht lediglich deren äußere Eigenschaften, sondern enthält zugleich soziale Bewertungen und Zuschreibungen.
Theoriebezug
Graffiti eignet sich besonders zur Veranschaulichung des Symbolischen Interaktionismus. Aus dieser Perspektive besitzen Zeichen und Handlungen keine unabhängig von sozialen Zusammenhängen feststehende Bedeutung. Bedeutungen entstehen vielmehr in sozialen Interaktionen, werden von den Beteiligten interpretiert und können sich zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen erheblich unterscheiden.
Dies zeigt sich besonders deutlich beim Style-Writing. Ein komplex gestalteter Schriftzug kann für Außenstehende schwer lesbar sein und deshalb als unverständlich oder bloßes „Gekritzel“ erscheinen. Innerhalb der Writing-Szene gelten dagegen eigene ästhetische und kommunikative Maßstäbe. Gestaltung und Verbindung der Buchstaben, Originalität, technische Ausführung, Wiedererkennbarkeit und die Entwicklung eines individuellen Styles können hier wichtiger sein als unmittelbare Lesbarkeit.
Gregory J. Snyder verdeutlicht diese unterschiedliche Wahrnehmung in seiner ethnografischen Studie Graffiti Lives: Beyond the Tag in New York’s Urban Underground. Seine Untersuchung zeigt, dass beim Style-Writing selbst die Wahl eines Writer-Namens nicht allein von dessen sprachlicher Bedeutung bestimmt wird. Buchstaben besitzen zugleich eine ästhetische Qualität: Ihre Formen, Kombinationen und Möglichkeiten zur stilistischen Bearbeitung können für Writer wichtiger sein als die semantische Bedeutung des daraus gebildeten Wortes. Graffiti macht damit besonders anschaulich, dass Lesbarkeit und ästhetische Qualität sozial voraussetzungsvolle Kategorien sind. Was Außenstehenden unverständlich erscheint, kann innerhalb der Szene gerade wegen seiner stilistischen Gestaltung Anerkennung finden.
Eine weitere Perspektive eröffnet der Labeling Approach. Während der Symbolische Interaktionismus die unterschiedlichen Bedeutungen und Interpretationen von Graffiti verständlich macht, richtet der Labeling Approach den Blick stärker auf gesellschaftliche Definitions- und Reaktionsprozesse. Ob Graffiti als Kunst, Vandalismus, Sachbeschädigung oder kultureller Ausdruck bezeichnet wird, hängt nicht allein von den materiellen Eigenschaften eines Schriftzuges ab. Besonders sichtbar wird dies, wenn ähnliche ästhetische Formen auf einer Hauswand kriminalisiert, auf einer legalen Fläche toleriert und in einer Galerie als Kunst anerkannt werden.
Auch die Cultural Criminology bietet einen wichtigen Zugang. Sie richtet den Blick auf Stil, Emotion, Identität und die kulturellen Bedeutungen von Devianz. Illegales Writing erscheint aus dieser Perspektive nicht lediglich als Verletzung rechtlicher Normen, sondern als kulturelle Praxis, in der Sichtbarkeit, Anerkennung innerhalb der Szene, ästhetischer Ausdruck, die Aneignung urbaner Räume und teilweise auch der Reiz der Normüberschreitung miteinander verbunden sein können.
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Der Begriff im Film
Wild Style (1983)
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