Am 27. Mai 2011 ging KrimTheo online – das unmittelbare Vorgängerprojekt von SozTheo. Damals konnte ich nicht ahnen, dass aus einem kleinen E-Learning-Projekt einmal ein frei zugängliches Wissenschaftsportal mit mehreren hundert Beiträgen, einem Glossar, einem Personenregister, einem Film- und Serienkanon sowie einer englischsprachigen Schwesterseite entstehen würde.
Fünfzehn Jahre später ist das für mich ein schöner Anlass, einmal zurückzublicken – nicht nur auf die Geschichte von SozTheo, sondern auch auf die Entwicklung des Internets und der digitalen Hochschullehre.
15 Jahre SozTheo in Zahlen
2011 – Start von KrimTheo
2018 – Neustart als SozTheo
2026 – Start des Film- und Serienkanons
Über 1.200 veröffentlichte Inhalte
46 Kriminalitätstheorien
80 Schlüsselwerke
Knapp 600 Glossarbegriffe
Über 130 Personenprofile
135 Einträge im Film- und Serienkanon
Frei zugänglich für Studium, Lehre und Praxis
Als das Internet noch Neuland war
Meine erste Begegnung mit dem Internet hatte ich 1995 während eines Aufeinthalts bei einer Gastfamilie in den USA. Wieder zurück in Deutschland besorgte ich mir einen AOL-Zugang und bezahlte die Telefonkosten von meinem Taschengeld. Wer damals online ging, tat das ganz bewusst: Das charakteristisch quietschende 28k- und später 56k-Modem wählte sich ein, die Telefonleitung war blockiert und jede Minute kostete Geld.
Gesucht wurde überwiegend mit Yahoo!, während Google zunächst eher ein Geheimtipp war. Mein Lieblingsprogramm hieß Winamp, mit Freunden kommunizierte ich über ICQ und eine E-Mail-Adresse war noch längst keine Selbstverständlichkeit. Meine erste Homepage entstand 1996 – eine einzige HTML-Seite ohne Navigation, überwiegend mit Fotos von Michael Jordan.
In unserer Abizeitung erhielt jeder Schüler kurze Charakterisierungen seiner Mitschüler. Bei mir stand erstaunlich häufig schlicht: „Mr. Internet“. Offenbar war ich schon damals davon überzeugt, dass dieses neue Medium die Art verändern würde, wie wir Informationen finden, lernen und kommunizieren.
Die ersten Schritte der digitalen Hochschullehre
Als ich Anfang der 2000er Jahre Soziologie studierte, verlief das Studium noch weitgehend analog. Vorlesungsskripte lagen als Kopiervorlagen im Copyshop aus und mussten auf eigene Kosten vervielfältigt werden, Informationen hingen am Schwarzen Brett und Literaturrecherchen mussten lokal am Rechner in der Uni-Bibliothek durchgeführt werden.
Gleichzeitig entstand an der Universität Hamburg eines der frühen E-Learning-Projekte der deutschen Soziologie. Aus Mitteln der UMTS-Versteigerung wurde ILSO – Integrierte Lehre Soziologie gefördert, ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Hamburg und der FernUniversität Hagen unter der Leitung von Prof. Dr. Rolf von Lüde und Prof. Dr. Dr. Heinz Abels (vgl. von Lüde, 2001, 2003).
Ab 2003 arbeitete ich als studentischer Tutor für Prof. von Lüde und unterstützte die Lehrveranstaltung „Einführung in die Soziologie“ unter intensiver Nutzung von ILSO. Rückblickend war das eine außergewöhnlich frühe Form digital unterstützter Hochschullehre – zu einer Zeit, als viele Studierende zu Hause noch mit Modem oder ISDN online gingen.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie zu Semesterbeginn Teilnehmerlisten durch die Reihen gingen. Irgendwann tauchte dort erstmals eine zusätzliche Spalte für E-Mail-Adressen auf. Anfangs blieb sie häufig leer. E-Mail war noch etwas Privates und viele von uns besaßen eher kreative als seriöse Adressen, die man seinen Professorinnen und Professoren nicht unbedingt mitteilen wollte.
Von Criminologia zu KrimTheo
Während meines Kriminologiestudiums entstand 2007 der Fachblog Criminologia.de. Ziel war es, interessante Nachrichten, Literaturhinweise und Sachinformationen zur KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. an einer Stelle zu bündeln und frei zugänglich bereitzustellen.
Vier Jahre später ergab sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminologische Sozialforschung die Möglichkeit, Mittel der Universität Hamburg für die internetbasierte Lehre einzuwerben. Gemeinsam mit studentischen Hilfskräften entstand daraus KrimTheo – ein digitales Lehrangebot, das sich ausschließlich den KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. widmete.
Die eigentliche Idee dahinter war erstaunlich unspektakulär: Ich hatte selbst Schwierigkeiten, mir die Vielzahl kriminologischer Theorien, ihrer Vertreter und ihrer Unterschiede dauerhaft zu merken. Also begann ich, die Inhalte systematisch aufzubereiten – zunächst für mich selbst und später für Studierende.
Zum Start umfasste KrimTheo bereits 39 Kriminalitätstheorien in zehn Kategorien, zahlreiche Schaubilder, Informationen zu mehr als 60 Kriminologinnen und Kriminologen, zwölf Multiple-Choice-Tests sowie umfangreiche Literaturhinweise. Der damalige Slogan lautete: „Theories in a nutshell.“ Rückblickend wirkt das Design schlicht. Viele Funktionen, die heute selbstverständlich erscheinen – etwa ein Personenregister, eine Zeitleiste oder interaktive Quizze – waren jedoch bereits damals Bestandteil des Projekts.

Hinter KrimTheo stand kein Entwicklerteam. Viele Stunden flossen in die Suche nach einem geeigneten WordPress-Theme, das meine Vorstellung einer übersichtlichen wissenschaftlichen Lernplattform umsetzen konnte. Programmierkenntnisse besaß ich damals kaum. Viele Anpassungen entstanden durch Ausprobieren, das Studium von Forenbeiträgen und eine gehörige Portion Geduld. Was heute mit wenigen Zeilen Code oder mithilfe künstlicher Intelligenz gelingt, erforderte damals oft stundenlange Recherche.
Aus KrimTheo wird SozTheo
Nach meinem Wechsel an die Hochschule für PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen im Jahr 2016 begleitete mich KrimTheo weiterhin in der Lehre. Allerdings nutzte ich das Portal nie als eigentlichen Unterrichtsgegenstand. Bis heute verstehe ich SozTheo vor allem als eine stille Ressource zur Vor- und Nachbereitung – als digitales Vorlesungsskript, auf das ich regelmäßig verweise, ohne dass wir die Inhalte gemeinsam im Seminar lesen.
Ein Datenverlust im Jahr 2018 machte schließlich einen grundlegenden Neustart erforderlich. Rückblickend war genau dieser Einschnitt eine große Chance. Statt das bisherige Portal lediglich wiederherzustellen, entstand mit SozTheo ein deutlich breiter angelegtes Projekt, das neben der Kriminologie nun auch die Soziologie und weitere sozialwissenschaftliche Themen umfasst.
Aus einem Theorieportal entwickelte sich Schritt für Schritt ein frei zugängliches Wissensportal, das Studierenden, Lehrenden und allen sozialwissenschaftlich Interessierten offensteht.
Eine andere Nutzung als ursprünglich gedacht
Als ich KrimTheo entwickelte, verstand ich das Projekt nie als Ersatz für Lehrbücher oder wissenschaftliche Fachliteratur. Im Gegenteil: Ziel war es, den Einstieg in komplexe Themen zu erleichtern und anschließend den Weg in die Originalliteratur zu weisen.
Heute weiß ich, dass SozTheo häufig anders genutzt wird. Viele Studierende zitieren Beiträge inzwischen in Hausarbeiten oder nutzen sie als erste Anlaufstelle bei der Vorbereitung auf Seminare und Prüfungen. Das war ursprünglich nicht beabsichtigt, zeigt aber zugleich, welchen Stellenwert frei zugängliche wissenschaftliche Informationen inzwischen besitzen.
Mein Wunsch hat sich deshalb nicht verändert: SozTheo soll Orientierung bieten, Zusammenhänge verständlich machen und den Einstieg erleichtern – die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Lehrbüchern, Monographien und Fachzeitschriften kann und soll das Portal jedoch nicht ersetzen.
Wo SozTheo heute steht
Insbesondere in den vergangenen beiden Jahren hat sich SozTheo noch einmal grundlegend verändert. Ein schnellerer Server, die Auslagerung der englischsprachigen Inhalte auf SozTheo.com, neue Bereiche wie das Glossar, die Schlüsselwerke der Soziologie und Kriminologie sowie ein umfangreiches Personenregister haben das Projekt erheblich erweitert.
2026 kam schließlich ein weiteres Herzensprojekt hinzu: der sozialwissenschaftliche Film- und Serienkanon. Filme und Serien prägen unser Bild von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen., Polizei, Justiz und sozialer Ordnung oft stärker als wissenschaftliche Fachliteratur. Sie aus soziologischer und kriminologischer Perspektive zu analysieren, erschien mir daher als eine sinnvolle Ergänzung des bestehenden Angebots.
Besonders freue ich mich darüber, dass SozTheo heute weit über meine eigene Lehre hinaus genutzt wird. Beiträge werden in Wikipedia verlinkt, von KI-Systemen und Suchmaschinen als Quelle herangezogen und nach Rückmeldungen von Studierenden und Lehrenden an verschiedenen Hochschulen in der Lehre eingesetzt. Auch Journalistinnen und Journalisten sowie viele Menschen außerhalb des Hochschulbetriebs nutzen SozTheo regelmäßig als Einstieg in sozialwissenschaftliche Themen.
Die nächsten fünfzehn Jahre
Auch nach fünfzehn Jahren gehen mir die Ideen nicht aus. In den kommenden Monaten wird der weitere Ausbau des Dossiers „Medien, Kultur & Kriminalität“ mit dem sozialwissenschaftlichen Film- und Serienkanon im Mittelpunkt stehen. Darüber hinaus möchte ich die bestehenden Inhalte systematisch durch Multiple-Choice-Tests ergänzen, psychologische Themen stärker integrieren und weitere Dossiers entwickeln.
SozTheo war nie als abgeschlossenes Projekt gedacht. Im Gegenteil: Viele Inhalte sind aus Gesprächen mit Studierenden, Kolleginnen und Kollegen oder aus Hinweisen von Leserinnen und Lesern entstanden. Deshalb freue ich mich auch künftig über Anregungen. Welche Themen fehlen? Welche Begriffe sollten ergänzt werden? Welche Beiträge würden Sie sich wünschen?
Zum Schluss
SozTheo war nie als kommerzielles Projekt gedacht. Alle Inhalte sind frei zugänglich und das soll auch künftig so bleiben. Gleichzeitig entstehen durch Serverbetrieb, Softwarelizenzen und die technische Weiterentwicklung laufende Kosten. Werbung hilft dabei, diese Ausgaben zu finanzieren.
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Fünfzehn Jahre SozTheo bedeuten unzählige Stunden Recherche, Schreiben, Überarbeiten und Programmieren. Ob sich dieser Aufwand jemals „gerechnet“ hat, lässt sich schwer beantworten. Finanziell vermutlich nicht. Wissenschaftlich und persönlich dagegen ohne jeden Zweifel.
Solange Studierende, Lehrende und interessierte Leserinnen und Leser die Inhalte nutzen und hilfreich finden, lohnt sich jede investierte Stunde.
In diesem Sinne freue ich mich auf die nächsten fünfzehn Jahre.
Literatur
- von Lüde, R. (2001): Webgestütztes Lehren und Lernen im Studium der Soziologie. Soziologie, 30(3), 24–31.
- von Lüde, R. (2003): E-Learning in der Soziologie – Zum Spannungsverhältnis von Präsenz- und Online-Lehre, Wissenschaftlichkeit und medialer Präsentation. In: J. Allmendinger (Hrsg.): Entstaatlichung und soziale Sicherheit. Opladen: Leske + Budrich.







