Glossarbegriff

Etikettierungstheorie (Labeling Approach)

Theorie & Ansatz

Definition

Die Etikettierungstheorie (auch: Labelling Ansatz oder Labeling Approach) gehört zu den zentralen soziologischen Theorien der Devianz und der Kriminologie. Sie geht davon aus, dass abweichendes Verhalten nicht objektiv in einer Handlung liegt, sondern durch gesellschaftliche Reaktionen entsteht.

Der Labelling-Ansatz ist nicht mit dem Begriff Labelling (Etikettierung) zu verwechseln. Während Labelling den sozialen Prozess der Zuschreibung von Devianz bezeichnet, untersucht der Labelling-Ansatz die Ursachen, Mechanismen und Folgen solcher Zuschreibungen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie bestimmte Personen oder Gruppen als „abweichend“ definiert werden. Soziale Institutionen wie Polizei, Gerichte, Schule oder Medien tragen durch ihre Reaktionen dazu bei, Verhalten zu klassifizieren und bestimmte Personen mit dem Etikett „kriminell“ oder „deviant“ zu versehen.

Die Theorie entstand in den 1950er und 1960er Jahren im Umfeld des Symbolischen Interaktionismus. Besonders prägend waren die Arbeiten von Howard S. Becker sowie Edwin M. Lemert.

Eine ausführliche Darstellung der Theorie und ihrer historischen Entwicklung findet sich im Beitrag Labelling-Ansatz (Überblick).

Zentrale Annahmen der Etikettierungstheorie

  • Devianz ist keine objektive Eigenschaft. Verhalten wird erst durch soziale Bewertung als „abweichend“ definiert.
  • Soziale Gruppen schaffen Regeln. Gesellschaftliche Akteure bestimmen, welche Normen gelten und wer sie verletzt.
  • Soziale Reaktionen erzeugen Devianz. Polizei, Gerichte oder Öffentlichkeit entscheiden, welche Regelverstöße sanktioniert werden.
  • Etikettierung beeinflusst Identität. Wird eine Person wiederholt als deviant definiert, kann sie dieses Fremdbild übernehmen.
  • Soziale Kontrolle ist selektiv. Macht- und Statusunterschiede beeinflussen, wer tatsächlich als abweichend gilt.

Primäre und sekundäre Devianz

Der Soziologe Edwin M. Lemert unterschied zwei Formen der Abweichung.

Primäre Devianz bezeichnet gelegentliche Regelverstöße, die noch keine dauerhafte Veränderung der Identität nach sich ziehen. Viele Menschen begehen im Alltag kleinere Normverletzungen, ohne sich selbst als „abweichend“ zu verstehen.

Sekundäre Devianz entsteht dagegen, wenn gesellschaftliche Reaktionen – etwa strafrechtliche Sanktionen oder Labelling – dazu führen, dass eine Person das Etikett „abweichend“ übernimmt und ihr Verhalten entsprechend anpasst. Abweichung wird dann Teil der sozialen Identität.

Film- und Serienkanon

Film-/Serien-Beispiele

Einer flog über das Kuckucksnest (1975)

One Flew Over the Cuckoo’s Nest zeigt, wie institutionelle Zuschreibungen und Klassifikationen bestimmen, welches Verhalten als normal oder abweichend gilt und wie mit den betroffenen Personen umgegangen wird. Der Film veranschaulicht damit zentrale Fragen des Labeling Approach nach der sozialen Definition von Abweichung und den Folgen solcher Zuschreibungen.

Einordnung

Schlüsselwerke

Geprägt vonErving Goffman – Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (1963)

Goffmans Analyse gesellschaftlicher Stigmatisierung ergänzt und beeinflusst die interaktionistische Devianzforschung, insbesondere die Untersuchung von Etikettierungsprozessen und deren Folgen für die soziale Identität.

Bildet Grundlage fürJohn Irwin – The Felon (1970)