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Sie befinden sich hier: Home / Kriminalitätstheorien / Konflikttheorien der Kriminologie (herrschafts- und gesellschaftskritische Ansätze) / Labelling-Ansatz (Überblick)

Labelling-Ansatz (Überblick)

Zuletzt aktualisiert: 30. März 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Der Labelling Ansatz (auch: Etikettierungstheorie oder Labeling Approach) ist eine soziologische Kriminalitätstheorie, die Devianz als Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse versteht. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, warum Menschen kriminell werden, sondern wie bestimmte Handlungen und Personen überhaupt als „abweichend“ oder „kriminell“ definiert werden.

Während klassische ätiologische Theorien nach den Ursachen von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. suchen, richtet der Labelling Ansatz den Blick auf gesellschaftliche Reaktionen, Definitionsprozesse und Mechanismen sozialer Kontrolle. Abweichendes Verhalten entsteht demnach nicht allein aus der Handlung selbst, sondern aus der sozialen Bewertung dieser Handlung.

Ätiologische Theorien vs. Labelling Ansatz

Ätiologische Theorien fragen nach den Ursachen für abweichendes Verhalten und versuchen individuelle oder soziale Faktoren zu identifizieren, die Kriminalität erklären (z.B. soziale Desintegration oder biologische Dispositionen).

Der Labelling Ansatz verschiebt die Perspektive: Er untersucht, wie Verhalten erst durch gesellschaftliche Zuschreibung als abweichend definiert wird und wie solche Etikettierungen IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. und weiteres Verhalten beeinflussen können.

Auf der Mikroebene analysiert der Labelling Ansatz, wie Individuen oder Gruppen mit Attributen wie „kriminell“ oder „delinquent“ versehen werden. Wird eine Person wiederholt als „Abweichler“ etikettiert, kann sie dieses Fremdbild übernehmen und ihr Verhalten entsprechend anpassen. Sanktionen und gesellschaftliche Reaktionen können dadurch den paradoxen Effekt haben, abweichendes Verhalten zu stabilisieren oder sogar zu verstärken.

Merkzettel

Labelling Ansatz (Etikettierungsansatz)

Hauptvertreter:
Frank Tannenbaum,
Edwin M. Lemert,
Howard S. Becker

Entstehungszeit: 1950er–1960er Jahre

Land: USA

Idee/ Annahme:
Der Labelling Ansatz versteht Devianz nicht als Eigenschaft bestimmter Handlungen, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse. Erst durch soziale Reaktionen – etwa durch Polizei, Justiz oder ÖffentlichkeitÖffentlichkeit bezeichnet den sozialen Raum, in dem gesellschaftliche Themen sichtbar, verhandelt und bewertet werden. – wird Verhalten als „abweichend“ definiert. Diese Etikettierung kann die Identität der Betroffenen verändern und weitere Devianz stabilisieren.

Zentrale Konzepte:
Primäre Devianz, sekundäre Devianz, StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen., Devianzkarrieren

Knüpft an:
Symbolischer Interaktionismus

Weiterentwicklungen:
Kritische Kriminologie,
The New Criminology

Labelling Ansatz

Die Labelling Theorien entstanden in den 1950er und 1960er Jahren in den USA. In dieser Zeit begannen viele Sozialwissenschaftler, die grundlegenden Annahmen der Kriminologie kritisch zu hinterfragen. Sie kritisierten insbesondere, dass sich die Kriminologie überwiegend mit den Verbrechen gesellschaftlich marginalisierter Gruppen beschäftigte, während Machtverhältnisse und politische Prozesse der KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden. kaum untersucht wurden.

Der Ansatz entwickelte sich zudem im Kontext eines breiteren gesellschaftlichen und politischen Umbruchs der 1960er Jahre, der durch Bürgerrechtsbewegung, Studentenproteste und eine zunehmende Kritik staatlicher Institutionen geprägt war.

In diesem Klima gesellschaftlicher Kritik rückten Fragen nach Definitionsmacht, sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. und Kriminalisierung stärker in den Mittelpunkt der kriminologischen Forschung.

Theoretisch knüpft der Ansatz an den Symbolischen Interaktionismus an. Diese soziologische Perspektive, die unter anderem von George H. Mead und Charles Horton Cooley geprägt wurde, geht davon aus, dass soziale Bedeutungen in Interaktionsprozessen entstehen. DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. wird somit nicht als objektive Eigenschaft einer Handlung verstanden, sondern als Ergebnis sozialer Definitionsprozesse.

Wenn Personen als kriminell etikettiert werden, übernehmen sie infolge der Stigmatisierung häufig die ihnen zugeschriebene RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist.. Das neue Identitätskonzept kann den Zugang zu konventionellen sozialen Rollen erschweren.

Als früher Vorläufer des Ansatzes gilt Frank Tannenbaum. In seiner Studie Crime and the Community (1938) beschrieb er erstmals den Prozess der „Dramatization of Evil“. Durch das öffentliche Benennen, Hervorheben und Zuschreiben bestimmter Eigenschaften können genau diese Eigenschaften verstärkt werden.

Eine systematische Weiterentwicklung erfolgte durch Edwin Lemert, der zwischen primärer Devianz und sekundärer Devianz unterschied. Während primäre Devianz gelegentliche Normverletzungen beschreibt, bezeichnet sekundäre Devianz die Stabilisierung abweichenden Verhaltens infolge gesellschaftlicher Reaktionen.

Besondere Bekanntheit erlangte der Ansatz durch Howard S. Beckers Werk „Outsiders“ (1963). Becker argumentierte, dass soziale Gruppen Regeln schaffen und festlegen, welche Handlungen als deviant gelten. Devianz entsteht demnach nicht aus der Handlung selbst, sondern aus der gesellschaftlichen Reaktion auf diese Handlung.

In Deutschland wurde der Ansatz insbesondere durch Fritz Sack aufgegriffen und weiterentwickelt. Sack verband interaktionistische Überlegungen mit marxistischen Perspektiven und entwickelte daraus eine radikale Theorie der Kriminalisierung.

Diese Perspektive beeinflusste maßgeblich die Entwicklung der Kritischen KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren.. Einen wichtigen Bezugspunkt bildet außerdem das Werk The New Criminology (Taylor, Walton & Young, 1973), das den Zusammenhang zwischen Machtstrukturen, sozialer Ungleichheit und Kriminalisierung analysiert.

Auch Arbeiten zur Analyse moderner MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen.- und Disziplinierungsformen – etwa Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ – stehen in engem Zusammenhang mit der Untersuchung gesellschaftlicher Kontrollmechanismen.

Aus dem Labelling Ansatz heraus entwickelten sich zudem neuere Theorien zur Wirkung sozialer Sanktionen, etwa Braithwaites Theorie des reintegrativen Shaming oder Shermans Defiance Theory.

Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug

Der Labelling Ansatz markierte einen grundlegenden Perspektivwechsel innerhalb der Kriminologie. Während frühere Theorien vor allem nach individuellen Ursachen von Kriminalität suchten, rückte er gesellschaftliche Reaktionen, Definitionsprozesse und Machtverhältnisse in den Mittelpunkt.

Kritiker bemängeln jedoch, dass der Ansatz nur begrenzt erklären kann, warum es überhaupt zu ersten Regelverletzungen kommt. Zudem wird darauf hingewiesen, dass nicht jede gesellschaftliche Etikettierung zwangsläufig zu einer Stabilisierung devianter Karrieren führt.

Trotz dieser Einwände bleibt der Labelling Ansatz ein zentraler Bezugspunkt der modernen Kriminologie. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, Prozesse sozialer Kontrolle, polizeilicher Selektion und gesellschaftlicher Kriminalisierung stärker in den Blick zu nehmen.

Kriminalpolitische Implikationen

Aus der Perspektive des Labelling Ansatzes können strafrechtliche Sanktionen unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Insbesondere harte oder stigmatisierende Reaktionen können dazu beitragen, deviante Karrieren zu stabilisieren.

Kriminalpolitisch wird daher häufig argumentiert, dass Maßnahmen der DiversionUmleitung strafrechtlicher Verfahren in alternative, nicht-strafrechtliche Maßnahmen., informelle Konfliktregelungen oder reintegrative Formen sozialer Reaktion sinnvoller sein können als stark stigmatisierende Sanktionen.

Programme, die auf Reintegration, soziale Unterstützung und Wiedereingliederung abzielen, sollen verhindern, dass Etikettierungen zu dauerhaften Ausschlussprozessen führen.

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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Devianz, Devianzkarriere, Edwin M. Lemert, Etikettierungstheorie, Frank Tannenbaum, Fritz Sack, Howard S. Becker, Kriminalisierung, Kritische Kriminologie, Labeling Approach, Labelling Ansatz, primäre Devianz, sekundäre Devianz, soziale Kontrolle, soziale Reaktion, Stigma, Stigmatisierung, Symbolischer Interaktionismus

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