Kurzdefinition
Ableismus bezeichnet die Benachteiligung und Abwertung von Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener körperlicher, psychischer oder kognitiver Beeinträchtigungen.
Ausführliche Erklärung
Ableismus bezeichnet Formen der Benachteiligung und Abwertung von Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener körperlicher, psychischer oder kognitiver Beeinträchtigungen. Der Begriff verweist zugleich auf gesellschaftliche Vorstellungen darüber, welche körperlichen und geistigen Fähigkeiten als normal, selbstverständlich oder erstrebenswert gelten.
Ableismus kann sich in unmittelbarer Diskriminierung äußern, etwa wenn Menschen aufgrund einer Behinderung von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen oder ihnen bestimmte Fähigkeiten pauschal abgesprochen werden. Er kann aber auch in sozialen Strukturen und institutionellen Praktiken angelegt sein, die sich selbstverständlich an den Fähigkeiten nichtbehinderter Menschen orientieren. Fehlende Barrierefreiheit ist hierfür ein typisches Beispiel.
Der Begriff richtet den Blick damit nicht allein auf individuelle Vorurteile. Gesellschaftliche Institutionen, Arbeitsbedingungen, Bildungsangebote, Verkehrssysteme oder Kommunikationsformen können Voraussetzungen schaffen, unter denen bestimmte körperliche oder kognitive Fähigkeiten erwartet werden und Abweichungen davon zu Nachteilen führen.
Ableismus ist eng mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität verbunden. Welche körperlichen und geistigen Eigenschaften als normal oder abweichend gelten, ist nicht ausschließlich biologisch bestimmt, sondern wird auch durch soziale Normen, institutionelle Anforderungen und kulturelle Deutungen geprägt.
Theoriebezug
Soziologisch lässt sich Ableismus insbesondere im Zusammenhang mit Diskriminierung, sozialer Ungleichheit und Stigmatisierung untersuchen. Körperliche, psychische oder kognitive Merkmale erhalten ihre gesellschaftliche Bedeutung auch dadurch, wie Menschen und Institutionen sie wahrnehmen, bewerten und kategorisieren.
Eine wichtige Perspektive bietet Erving Goffmans Analyse des Stigmas. Eigenschaften, die gesellschaftlich als Abweichung von Normalität wahrgenommen werden, können die soziale Identität einer Person überlagern und zu Zuschreibungen und Benachteiligungen führen. Ableismus verweist darüber hinaus darauf, dass solche Prozesse nicht nur in unmittelbaren sozialen Interaktionen stattfinden, sondern auch in institutionellen Strukturen verankert sein können.
Das soziale Modell von Behinderung verschiebt entsprechend den Blick von individuellen Beeinträchtigungen auf gesellschaftliche Barrieren. Behinderung entsteht aus dieser Perspektive nicht allein aufgrund körperlicher oder psychischer Eigenschaften, sondern auch durch eine soziale Umwelt, die bestimmte Fähigkeiten voraussetzt und andere Formen körperlicher oder kognitiver Verfasstheit unzureichend berücksichtigt.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Erving Goffman – Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (1963)
Goffmans Ansatz: Von der sichtbaren Abweichung zur sozialen Ausgrenzung Erving Goffman beschreibt in Stigma die Mechanismen, mit denen Gesellschaften Personen markieren, deren äußeres Erscheinungsbild, Verhalten oder Herkunft als normabweichend gilt. Das Stigma ist dabei keine Eigenschaft per se, sondern ein…