Glossarbegriff

Stigma

Begriff & Konzept

Definition

Der Begriff Stigma bezeichnet ein Merkmal oder eine Eigenschaft, die einer Person oder Gruppe gesellschaftlich zugeschrieben wird und zu ihrer Abwertung oder Ausgrenzung führt. Entscheidend ist dabei weniger das Merkmal selbst als dessen soziale Bewertung. Ein Stigma entsteht nicht durch objektive Eigenschaften, sondern durch gesellschaftliche Zuschreibungen darüber, was als normal, akzeptabel oder abweichend gilt.

Der Begriff Stigma geht auf das griechische Wort stígma zurück und bezeichnete ursprünglich ein eingebranntes oder eingeritztes Kennzeichen, mit dem Sklaven, Verbrecher oder andere gesellschaftlich geächtete Personen dauerhaft markiert wurden. Im Christentum erhielt der Begriff eine neue Bedeutung und bezeichnet die Wundmale Christi (Stigmata), die als Zeichen besonderer Gottesnähe verstanden werden. Die moderne Soziologie knüpft dagegen wieder an die ursprüngliche Bedeutung sozialer Kennzeichnung an. Seit Erving Goffman bezeichnet ein Stigma jedoch kein körperliches Zeichen mehr, sondern ein gesellschaftlich zugeschriebenes Merkmal, das zur Abwertung oder Ausgrenzung einer Person führt.

Der Soziologe Erving Goffman prägte den modernen Stigmabegriff in seinem Werk Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity (1963). Er versteht Stigmata als Merkmale, die eine Person in den Augen anderer diskreditieren und ihre soziale Identität beschädigen. Dabei unterscheidet Goffman unter anderem zwischen körperlichen Stigmata, Charakterstigmata sowie sogenannten Stammesstigmata, die sich beispielsweise auf Ethnie, Religion oder nationale Herkunft beziehen.

Ein Stigma ist keine objektive Eigenschaft einer Person, sondern entsteht erst durch gesellschaftliche Reaktionen. Dieselbe Eigenschaft kann in unterschiedlichen historischen oder kulturellen Kontexten unterschiedlich bewertet werden. Was in einer Gesellschaft als Makel gilt, kann in einer anderen bedeutungslos oder sogar positiv bewertet werden. Stigmata sind daher sozial konstruiert und Ausdruck gesellschaftlicher Normen und Machtverhältnisse.

Aus soziologischer Sicht erfüllen Stigmata eine wichtige Funktion bei der Abgrenzung sozialer Gruppen. Sie markieren die Grenze zwischen einem gesellschaftlich akzeptierten „Wir“ und den als abweichend wahrgenommenen „Anderen“. Dadurch tragen sie zur Stabilisierung sozialer Ordnung bei, können jedoch zugleich soziale Ungleichheit und Ausgrenzung verstärken.

Auch in der Kriminologie spielt der Begriff eine zentrale Rolle. Straffällige, psychisch erkrankte Menschen, Drogenkonsumenten oder Obdachlose werden häufig mit negativen Zuschreibungen konfrontiert, die ihre gesellschaftliche Teilhabe erschweren. Ein einmal entstandenes Stigma kann die Reintegration behindern, Rückfallrisiken erhöhen und die Selbstwahrnehmung der Betroffenen nachhaltig beeinflussen. Stigmatisierung kann damit selbst zu einem kriminogenen Faktor werden.

Stigma ist eng mit Begriffen wie Stigmatisierung, Othering, Vorurteil, Diskriminierung und dem Labelling-Ansatz verbunden. Während das Stigma den zugeschriebenen Makel beschreibt, bezeichnet Stigmatisierung den sozialen Prozess, durch den ein solches Stigma entsteht oder aufrechterhalten wird.

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