Definition
Die Kriminalprognose bezeichnet die wissenschaftlich gestützte Einschätzung des Risikos, dass eine Person künftig Straftaten begehen wird. Sie wird insbesondere im Strafrecht, im Strafvollzug und in der forensischen Psychiatrie eingesetzt. Gegenstand einer Kriminalprognose ist nicht die sichere Vorhersage individuellen Verhaltens, sondern die begründete Einschätzung zukünftiger Risiken unter Berücksichtigung verfügbarer Informationen.
Verfahren der Kriminalprognose
Kriminalprognosen können auf klinischen, statistischen oder strukturiert-professionellen Verfahren beruhen. Klinische Verfahren stützen sich vor allem auf die fachliche Einschätzung von Sachverständigen. Statistische beziehungsweise aktuarische Verfahren verwenden empirisch ermittelte Zusammenhänge zwischen bestimmten Merkmalen und späterer Straffälligkeit.
Strukturiert-professionelle Verfahren verbinden wissenschaftlich untersuchte Risikofaktoren mit einer systematischen fachlichen Beurteilung des Einzelfalls. Je nach Fragestellung werden beispielsweise frühere Straftaten, substanzbezogene Probleme, soziale Lebensbedingungen und individuelle Verhaltensmuster berücksichtigt.
Risiko- und Schutzfaktoren
In der Kriminalprognostik wird zwischen statischen und dynamischen Risikofaktoren unterschieden. Statische Faktoren, etwa frühere Verurteilungen, lassen sich nachträglich nicht verändern. Dynamische Faktoren, beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen oder aktuelle Lebensbedingungen, können sich im Zeitverlauf verändern und Ansatzpunkte für Interventionen bieten.
Ergänzend können Schutzfaktoren berücksichtigt werden, die das Risiko zukünftiger Straffälligkeit unter bestimmten Bedingungen verringern. Dazu gehören beispielsweise stabile soziale Beziehungen und unterstützende Lebensumstände.
Grenzen und kriminologische Bedeutung
Kriminalprognosen sind grundsätzlich mit Unsicherheiten verbunden. Auch wissenschaftlich überprüfte Verfahren können nicht zuverlässig vorhersagen, ob eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Straftat begehen wird. Besonders bei seltenen schweren Gewalttaten besteht die Gefahr falsch-positiver Einschätzungen, bei denen Personen als gefährlich eingestuft werden, obwohl sie keine entsprechende Tat begehen würden.
Kriminologisch stellen sich deshalb Fragen nach der Aussagekraft prognostischer Verfahren, ihrer möglichen sozialen Verzerrung und den rechtlichen Folgen unsicherer Risikobewertungen. Von besonderer Bedeutung ist dies bei Entscheidungen, die mit langfristigen Freiheitsentziehungen verbunden sind.
Einordnung
Verwandte Begriffe
MIVEA ist ein qualitatives Verfahren der kriminologischen Einzelfallanalyse, das unter anderem zur Einschätzung zukünftiger Delinquenzrisiken eingesetzt werden kann.