Definition
Polizeiliches Fehlverhalten (englisch: police misconduct) bezeichnet Handlungen oder Unterlassungen von Polizeibediensteten, die gegen geltendes Recht, dienstliche Vorschriften oder berufsethische Standards verstoßen. Der Begriff umfasst sowohl strafbare Handlungen als auch Pflichtverletzungen, die keine Straftaten darstellen. In der kriminologischen Polizeiforschung wird polizeiliches Fehlverhalten nicht ausschließlich als individuelles Problem betrachtet, sondern auch im Zusammenhang mit organisatorischen Strukturen, institutionellen Rahmenbedingungen und polizeilichen Handlungskulturen untersucht.
Formen polizeilichen Fehlverhaltens
Polizeiliches Fehlverhalten kann unterschiedliche Erscheinungsformen annehmen. Dazu gehören insbesondere unverhältnismäßige oder rechtswidrige Gewaltanwendung, diskriminierende Kontrollen, Korruption, Amtsmissbrauch, rechtswidrige Eingriffe in Grundrechte sowie die Manipulation oder Unterdrückung von Beweismitteln.
Auch pflichtwidrige Unterlassungen können polizeiliches Fehlverhalten darstellen. Beispiele sind das bewusste Ignorieren relevanter Hinweise, die unzureichende Bearbeitung von Anzeigen oder das pflichtwidrige Unterlassen erforderlicher Schutzmaßnahmen.
Nicht jede fehlerhafte polizeiliche Entscheidung ist allerdings mit einem persönlichen Pflichtverstoß gleichzusetzen. Insbesondere bei Ermittlungsfehlern muss zwischen individuellen Pflichtverletzungen, organisatorischen Defiziten und Entscheidungen unterschieden werden, die sich erst im Nachhinein als falsch erweisen.
Individuelle und institutionelle Ursachen
Die kriminologische Polizeiforschung untersucht polizeiliches Fehlverhalten sowohl auf individueller als auch auf organisatorischer Ebene. Individuelle Erklärungsansätze berücksichtigen beispielsweise persönliche Einstellungen, berufliche Sozialisation oder den Missbrauch dienstlicher Machtbefugnisse.
Organisationsbezogene Ansätze richten den Blick auf informelle Normen, Hierarchien, Führungsverhalten und institutionelle Kontrollmechanismen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die sogenannte Blue Wall of Silence, die eine informelle Norm kollegialer Loyalität beschreibt, durch die die Aufdeckung oder Meldung von Fehlverhalten innerhalb polizeilicher Organisationen erschwert werden kann.
Polizeiliches Fehlverhalten kann darüber hinaus durch diskriminierende institutionelle Praktiken, unzureichende Aufsicht oder problematische Leistungsanreize begünstigt werden. Die Unterscheidung zwischen individuellem und institutionellem Fehlverhalten ist deshalb analytisch wichtig, auch wenn beide Ebenen in konkreten Fällen miteinander verbunden sein können.
Erfassung und Dunkelfeld
Die empirische Untersuchung polizeilichen Fehlverhaltens ist mit erheblichen methodischen Schwierigkeiten verbunden. Amtliche Statistiken erfassen nur einen Ausschnitt möglicher Vorfälle. Nicht jedes Fehlverhalten wird angezeigt, dienstrechtlich untersucht oder strafrechtlich verfolgt.
Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Beweissicherung, unterschiedliche rechtliche Bewertungen polizeilicher Maßnahmen und mögliche Interessenkonflikte bei internen Ermittlungen. Die Zahl registrierter Beschwerden oder Strafverfahren lässt daher keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die tatsächliche Häufigkeit polizeilichen Fehlverhaltens zu.
Die Forschung verwendet deshalb unterschiedliche Datenquellen, darunter Befragungen Betroffener, Aktenanalysen, Beobachtungsstudien und Untersuchungen polizeilicher Organisationskulturen.
Kriminologische Bedeutung
Polizeiliches Fehlverhalten ist ein zentraler Gegenstand der Polizeiforschung, weil die Polizei als staatliche Institution über besondere Eingriffs- und Zwangsbefugnisse verfügt. Deren rechtmäßige Ausübung ist für die Legitimität staatlicher Herrschaft und das Vertrauen der Bevölkerung in die Strafverfolgungsbehörden von grundlegender Bedeutung.
Die Forschung zur prozeduralen Gerechtigkeit zeigt, dass die wahrgenommene Fairness polizeilichen Handelns einen wichtigen Einfluss darauf haben kann, ob Menschen polizeiliche Entscheidungen akzeptieren und die Polizei als legitim anerkennen. Wiederholtes oder institutionell geduldetes Fehlverhalten kann dagegen das Vertrauen in staatliche Institutionen beeinträchtigen.
Ein historisches Beispiel ist der Fall des deutschen Serienmörders Fritz Haarmann. Obwohl gegen Haarmann Verdachtsmomente bestanden, war er zeitweise als Polizeiinformant tätig. Der Fall verdeutlicht die Risiken informeller Beziehungen zwischen Polizei und kriminellem Milieu sowie mögliche institutionelle Versäumnisse bei der Strafverfolgung. Dabei ist zwischen dokumentierten Pflichtverletzungen einzelner Beamter und umfassenderem institutionellem Ermittlungsversagen zu unterscheiden.
Aus kriminologischer Perspektive stellt sich damit nicht nur die Frage, warum einzelne Polizeibedienstete gegen Regeln verstoßen, sondern auch, unter welchen organisatorischen und gesellschaftlichen Bedingungen Fehlverhalten ermöglicht, toleriert, aufgedeckt oder verhindert wird.
Einordnung
Personen
Haarmanns Tätigkeit als Polizeiinformant und der unzureichende Umgang mit früheren Verdachtsmomenten verdeutlichen mögliche institutionelle Versäumnisse und die Risiken informeller Beziehungen zwischen Polizei und kriminellem Milieu.