Kurzdefinition
Desistenz bezeichnet den Prozess des dauerhaften oder schrittweisen Abbruchs kriminellen oder deviantem Handelns im Lebensverlauf.
Ausführliche Erklärung
Der Begriff Desistenz stammt aus der Lebensverlaufs- und Karrierekforschung der Kriminologie und beschreibt nicht ein einzelnes Ereignis, sondern einen prozesshaften Wandel: den Übergang von anhaltender Kriminalität zu regelkonformem Verhalten. Dabei wird zwischen primärer Desistenz (vorübergehende Unterbrechung kriminellen Handelns) und sekundärer Desistenz (stabile Abkehr inklusive Identitätswandel) unterschieden.
Zentrale Ansätze – etwa bei Sampson und Laub – betonen die Bedeutung sozialer Bindungen und informeller sozialer Kontrolle. Andere Perspektiven, insbesondere narrative und symbolisch-interaktionistische Ansätze, rücken die Neukonstruktion der eigenen Identität in den Mittelpunkt. Desistenz ist damit weniger das Ergebnis von Sanktionen als vielmehr von sozialen Einbindungen, biografischen Wendepunkten (Turning Points) und veränderten Selbstdeutungen.
Theoriebezug
Die Forschung zu Desistenz ist insbesondere in der Lebensverlaufs- und Entwicklungskriminologie verankert. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, weshalb Menschen mit delinquentem oder kriminellem Verhalten beginnen, sondern weshalb und unter welchen Bedingungen sie dieses Verhalten im weiteren Lebensverlauf reduzieren oder dauerhaft beenden. Desistenz wird dabei heute überwiegend nicht als einmaliges Ereignis, sondern als längerfristiger und mitunter von Rückschlägen begleiteter Prozess verstanden.
Eine zentrale Erklärung bietet die Age-Graded Theory of Informal Social Control von Robert J. Sampson und John H. Laub. Sie betont die Bedeutung sozialer Bindungen im Lebensverlauf. Stabile Partnerschaften, Erwerbsarbeit oder andere institutionelle Bindungen können als biografische Wendepunkte (Turning Points) wirken, bestehende Routinen und soziale Beziehungen verändern und dadurch informelle soziale Kontrolle stärken. Desistenz ist aus dieser Perspektive eng mit Veränderungen der sozialen Einbindung einer Person verbunden.
Andere Ansätze rücken stärker die Veränderung von Identität und Selbstverständnis in den Mittelpunkt. Shadd Maruna zeigt in seiner Desistenzforschung, dass eine dauerhafte Abkehr von Kriminalität mit der Entwicklung einer neuen, nichtkriminellen Selbstbeschreibung verbunden sein kann. In sogenannten Redemption Scripts wird die eigene Vergangenheit so in eine biografische Erzählung integriert, dass Veränderung und eine prossoziale Zukunft möglich erscheinen. Hier bestehen enge Verbindungen zum Symbolischen Interaktionismus: Identität wird nicht als unveränderliche Eigenschaft verstanden, sondern entsteht und verändert sich in sozialen Beziehungen und Interaktionen.
Damit verbunden ist die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Desistenz. Primäre Desistenz bezeichnet zunächst eine Phase, in der keine weiteren Straftaten begangen werden. Von sekundärer Desistenz wird gesprochen, wenn mit der Verhaltensänderung zugleich eine Veränderung der eigenen Identität verbunden ist und sich die Person selbst nicht länger als Straftäterin oder Straftäter versteht. Neuere Ansätze ergänzen diese Unterscheidung teilweise um eine tertiäre Desistenz: Dauerhafte Veränderung hängt demnach auch davon ab, ob sie von anderen anerkannt wird und eine gesellschaftliche Wiedereingliederung gelingt.
Desistenz lässt sich deshalb weder ausschließlich als Ergebnis individueller Entscheidungen noch allein als Folge äußerer sozialer Bedingungen erklären. Soziale Bindungen, biografische Wendepunkte, Handlungsmöglichkeiten, Veränderungen des Selbstbildes und die Anerkennung durch andere können ineinandergreifen. Die Desistenzforschung ergänzt damit klassische Karrieremodelle der Kriminalität um die Frage, wie kriminelle Karrieren nicht nur entstehen und fortgesetzt, sondern auch unterbrochen und beendet werden können.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Age-Graded Theory of Crime (Sampson & Laub) – Turning Points
[auch bekannt unter: Age-Graded Life-Course Theory of Crime, Age-Graded Development Theory, Theorie der Turning Points] Die Age-Graded Theory of Crime von Robert J. Sampson und John H. Laub erklärt kriminelles Verhalten als Teil eines dynamischen Lebensverlaufs. Entscheidend sind sogenannte Turning…
Der Begriff im Film
Gran Torino (2008)
SpielfilmThao gerät durch familiäre und nachbarschaftliche Beziehungen zunächst unter Druck, sich einer Gang anzuschließen und Straftaten zu begehen. Neue soziale Bindungen, Verantwortung und Zukunftsperspektiven eröffnen ihm jedoch einen Weg aus diesem Umfeld. Gran Torino veranschaulicht damit soziale Prozesse, die den Abbruch einer delinquenten Entwicklung unterstützen können.