Kurzdefinition
Theoretischer Ansatz in der Soziologie, der soziale Wirklichkeit als Ergebnis symbolischer Bedeutungen versteht, die in zwischenmenschlicher Interaktion ausgehandelt werden.
Ausführliche Erklärung
Der Symbolische Interaktionismus ist ein interpretativer, mikrosoziologischer Ansatz, der soziale Wirklichkeit als Ergebnis symbolisch vermittelter Interaktionsprozesse begreift. Gesellschaft entsteht nicht primär durch objektive Strukturen oder funktionale Systeme, sondern durch Bedeutungszuschreibungen, die Akteure im Alltag hervorbringen, bestätigen und verändern.
Zentral ist die Annahme, dass Menschen Dingen – Objekten, Rollen, Situationen oder Normen – auf der Grundlage der Bedeutungen begegnen, die diese für sie besitzen. Diese Bedeutungen entstehen in sozialer Interaktion und werden in einem fortlaufenden interpretativen Prozess modifiziert. Soziale Ordnung ist daher kein vorgegebenes System, sondern ein Prozess stabilisierter Verständigung.
Der Mensch gilt als reflexiver, symbolkompetenter Akteur, der sich selbst aus der Perspektive anderer betrachten kann (Rollenübernahme). Institutionen erscheinen als verdichtete, sedimentierte Interaktionen. In methodischer Hinsicht bevorzugt der Ansatz qualitative, interpretative Verfahren zur Rekonstruktion subjektiver Sinnstrukturen.
Ausführliche Darstellung des Paradigmas: https://soztheo.de/soziologie/theorien/symbolischer-interaktionismus/
Theoriebezug
Der Ansatz geht auf die Arbeiten von George Herbert Mead zurück und wurde durch Herbert Blumer systematisiert, der auch den Begriff prägte. Weitere einflussreiche Vertreter sind Erving Goffman, Howard S. Becker, Thomas J. Scheff, Aaron V. Cicourel und Peter L. Berger (in Teilen). Der Symbolische Interaktionismus bildet zudem die theoretische Grundlage für viele Ansätze in der Devianzsoziologie (z. B. Labeling Approach) sowie in der qualitativen Sozialforschung.