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Deviant Leisure

Kurzdefinition

Bezeichnet Freizeitaktivitäten, die mit Normverletzungen, Devianz oder Schädigungen verbunden sind und zugleich für die Beteiligten Vergnügen, Anerkennung oder Identität stiften können.

Ausführliche Erklärung

Deviant Leisure bezeichnet Freizeitaktivitäten, die mit gesellschaftlichen Normverletzungen, Devianz oder unterschiedlichen Formen sozialer Schädigung verbunden sind. Der Begriff verbindet damit zwei Bereiche, die häufig getrennt betrachtet werden: Freizeit erscheint gewöhnlich als selbstbestimmter Bereich von Erholung, Vergnügen und persönlicher Entfaltung, während Kriminologie und Devianzsoziologie vor allem Normverletzungen und deren gesellschaftliche Kontrolle untersuchen.

Aus der Perspektive des Deviant Leisure können jedoch gerade Freizeitaktivitäten Räume bieten, in denen Menschen Grenzen überschreiten, Risiken suchen oder gegen soziale und rechtliche Normen verstoßen. Dazu können beispielsweise illegales Graffiti, bestimmte Formen des Drogenkonsums, Vandalismus, illegale Straßenrennen oder andere riskante und normverletzende Freizeitpraktiken gehören. Entscheidend ist dabei, dass solche Handlungen für die Beteiligten nicht ausschließlich als abweichendes Verhalten erscheinen. Sie können zugleich Vergnügen, Spannung, Anerkennung, Gemeinschaft oder Möglichkeiten zur Selbstdarstellung bieten.

Damit richtet das Konzept den Blick auf die subjektive Bedeutung devianten Handelns. Menschen können Aktivitäten gerade deshalb attraktiv finden, weil sie mit Risiko, Regelüberschreitung oder der Abgrenzung von gesellschaftlichen Erwartungen verbunden sind. Innerhalb bestimmter Gruppen oder Szenen können sich zudem eigene Normen, Statusordnungen und Vorstellungen darüber entwickeln, welche Fähigkeiten oder Verhaltensweisen Anerkennung verdienen. Was gesellschaftlich als deviant gilt, kann innerhalb einer solchen Gruppe deshalb positiv bewertet werden.

Der Begriff sollte allerdings nicht so verstanden werden, dass jede ungewöhnliche oder gesellschaftlich umstrittene Freizeitaktivität automatisch deviant ist. Entscheidend ist vielmehr das Verhältnis zwischen einer konkreten Freizeitpraxis, gesellschaftlichen Normen und möglichen Schädigungen. Dabei kann sich die gesellschaftliche Bewertung von Freizeitaktivitäten historisch verändern und zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen unterscheiden.

Neuere Ansätze des Deviant Leisure gehen teilweise noch darüber hinaus und untersuchen auch gesellschaftlich akzeptierte oder kommerziell organisierte Freizeitpraktiken, die mit sozialen, gesundheitlichen oder ökologischen Schäden verbunden sein können. Damit wird die Aufmerksamkeit von der Frage, welche Freizeitaktivitäten offiziell als abweichend gelten, auf die weitergehende Frage verschoben, wer oder was durch bestimmte Formen von Freizeit geschädigt wird.

Theoriebezug

Deviant Leisure liegt an der Schnittstelle von Freizeitsoziologie, Devianzsoziologie und Kriminologie. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Freizeit nicht grundsätzlich einen normfreien oder gesellschaftlich unproblematischen Bereich darstellt. Auch Freizeitpraktiken sind in soziale Normen, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Definitionsprozesse eingebettet und können mit Devianz und unterschiedlichen Formen von Schädigung verbunden sein.

Eine wichtige theoretische Verbindung besteht zur Cultural Criminology. Sie untersucht Kriminalität und Devianz nicht ausschließlich als Ergebnis äußerer Ursachen oder rationaler Entscheidungen, sondern fragt nach den kulturellen Bedeutungen, Emotionen und Erfahrungen normverletzenden Handelns. Vergnügen, Spannung, Status, Stil und die bewusste Überschreitung gesellschaftlicher Grenzen können selbst Bestandteile der Attraktivität devianten Verhaltens sein. Deviant Leisure überträgt diese Perspektive besonders deutlich auf Freizeitpraktiken.

Eng damit verbunden ist das Konzept des Edgework. Es beschreibt freiwillig aufgesuchte Situationen, in denen Menschen sich der Grenze zwischen Kontrolle und Kontrollverlust aussetzen. Riskante Freizeitaktivitäten können gerade deshalb als attraktiv erlebt werden, weil sie intensive Erfahrungen ermöglichen und die eigenen Fähigkeiten unter außergewöhnlichen Bedingungen erprobt werden. Überschneiden sich solche Formen freiwilliger Risikosuche mit rechtlichen oder sozialen Normverletzungen, bestehen deutliche Berührungspunkte zum Deviant Leisure.

Darüber hinaus bestehen Verbindungen zu Subkulturtheorien und zum Symbolischen Interaktionismus. Innerhalb sozialer Gruppen und Szenen können Freizeitpraktiken eigene Bedeutungen erhalten und mit spezifischen Normen, Statusordnungen und Formen der Anerkennung verbunden sein. Eine gesellschaftlich als deviant bewertete Handlung kann innerhalb einer Gruppe deshalb als kompetent, mutig, authentisch oder prestigeträchtig gelten.

Kritische Weiterentwicklungen des Deviant-Leisure-Ansatzes stellen schließlich den Begriff des social harm in den Mittelpunkt. Dadurch geraten auch Freizeitpraktiken in den Blick, die gesellschaftlich akzeptiert und rechtlich zulässig sind, aber dennoch erhebliche Schäden für andere Menschen, soziale Gruppen oder die Umwelt verursachen können. Die Perspektive verschiebt sich damit von der bloßen Unterscheidung zwischen legalem und illegalem Freizeitverhalten hin zur Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen und Folgen unterschiedlicher Freizeitpraktiken.

Verwandte Begriffe

Cultural Criminology Devianz Edgework Graffiti Subkultur

Weiterführende Beiträge

Graffiti als Beispiel für Cultural Criminology – Kunst trifft auf Subkultur, Devianz, Nachtleben und räumliche Segregation

Jeff Ferrell, Keith Hayward & Jock Young – Cultural Criminology: An Invitation (2008)

Mit Cultural Criminology: An Invitation legten Jeff Ferrell, Keith J. Hayward und Jock Young im Jahr 2008 das erste umfassende Grundlagenwerk zur Cultural Criminology vor. Das Buch fungiert als programmatische Einführung, als theoretische Systematisierung und als akademisches Manifest einer Perspektive,…

Warnschild „Danger“ mit Pfeil als Symbol für riskante Grenzerfahrungen – Illustration des Edgework-Konzepts von Stephen Lyng

Edgework (Lyng)

Edgework ist ein sozialpsychologisches Konzept, das freiwillig unternommene, risikobehaftete Handlungen („voluntary risk taking“) beschreibt, bei denen Individuen bewusst Situationen aufsuchen, in denen sie sich an der Grenze zwischen Ordnung und Chaos bewegen. In diesen Grenzsituationen erleben sie intensive Formen von…

Der Begriff im Film

Mit Graffiti bedeckter Innenraum einer New Yorker U-Bahn in den 1970er Jahren

Wild Style (1983)

Dokumentation

Wild Style! zeigt Graffiti als Freizeit- und Kulturpraxis, die für die Beteiligten mit Kreativität, Anerkennung, Identität und Gruppenzugehörigkeit verbunden ist, zugleich aber rechtliche und gesellschaftliche Normen überschreitet. Der Film veranschaulicht damit besonders deutlich, wie eine Freizeitaktivität subjektiv sinnstiftend sein und gleichzeitig gesellschaftlich als deviant definiert werden kann.



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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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