Kurzdefinition
Gesamtheit der sozialen, symbolischen und materiellen Lebenswelt innerhalb von Gefängnissen.
Ausführliche Erklärung
Gefängniskultur bezeichnet die innerhalb von Haftanstalten entstehenden Normen, Werte, Verhaltensweisen, Symbole und sozialen Ordnungen. Gefängnisse werden zwar durch formale Regeln, institutionelle Hierarchien und den Strafvollzug strukturiert, zugleich entwickeln sich unter den Bedingungen des Freiheitsentzugs informelle Regeln und Praktiken, die das Zusammenleben der Gefangenen und ihr Verhältnis zum Personal prägen.
Ein wichtiger Bestandteil der Gefängniskultur ist die informelle Ordnung unter Gefangenen. Dazu können spezifische Loyalitäts- und Solidaritätsnormen, Hierarchien, Tauschbeziehungen, Formen gegenseitigen Schutzes und Regeln für den Umgang mit Konflikten gehören. Auch Erwartungen darüber, wie sich Gefangene gegenüber Bediensteten oder anderen Inhaftierten verhalten sollen, können Bestandteil eines informellen Gefangenencodes sein. Solche Regeln müssen nicht mit der offiziellen Anstaltsordnung übereinstimmen und können mit ihr in Konflikt geraten.
Gefängniskultur zeigt sich außerdem in Sprache, Symbolen und alltäglichen Praktiken. Gefängnisslang, Tätowierungen, Kleidung, Musik, Rituale oder bestimmte Formen der Selbstdarstellung können Zugehörigkeit ausdrücken, soziale Positionen markieren oder der Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen dienen. Welche Bedeutung solche Ausdrucksformen besitzen, unterscheidet sich jedoch zwischen Haftanstalten, Gefangenengruppen und historischen beziehungsweise gesellschaftlichen Kontexten.
Die Gefängniskultur wird nicht allein von den Gefangenen hervorgebracht. Auch die institutionellen Bedingungen des Strafvollzugs beeinflussen ihre Entstehung. Freiheitsentzug, eingeschränkte Privatsphäre, Kontrolle des Alltags, begrenzte Ressourcen und das Zusammenleben auf engem Raum schaffen besondere soziale Bedingungen, unter denen sich informelle Regeln und Beziehungen entwickeln. Gleichzeitig prägen auch Bedienstete durch ihre Arbeitsroutinen, informellen Normen und Formen des Umgangs mit Gefangenen die soziale Ordnung einer Haftanstalt.
In der Gefängnisforschung wird deshalb diskutiert, woher die spezifischen Normen und Verhaltensweisen von Gefangenen stammen. Während sogenannte Deprivationsansätze Gefängniskultur vor allem als Anpassung an die besonderen Belastungen und Einschränkungen des Freiheitsentzugs erklären, betonen Importationsansätze, dass Gefangene bereits vorhandene Erfahrungen, Wertvorstellungen, Gruppenzugehörigkeiten und Verhaltensmuster aus der Außenwelt in das Gefängnis mitbringen. Beide Prozesse können gleichzeitig wirksam sein.
Gefängniskultur ist damit keine einheitliche oder unveränderliche „Subkultur der Gefangenen“. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von institutionellen Bedingungen, informellen sozialen Beziehungen und kulturellen Erfahrungen der beteiligten Akteure. Ihre Untersuchung ermöglicht einen Einblick in die tatsächliche soziale Ordnung des Gefängnisses, die sich nicht vollständig aus Gesetzen, Vollzugsplänen und formalen Anstaltsregeln erschließen lässt.
Theoriebezug
Die Untersuchung von Gefängniskultur gehört zu den klassischen Gegenständen der Gefängnissoziologie. Einen wichtigen Ausgangspunkt bildet Donald Clemmer, der mit dem Begriff der Prisonization den Prozess beschrieb, durch den Gefangene Normen, Werte und Verhaltensweisen der Gefängniswelt übernehmen. Gefängniskultur erscheint aus dieser Perspektive als soziale Ordnung, in die neu Inhaftierte im Verlauf ihres Gefängnisaufenthalts zunehmend hineinsozialisiert werden können.
Eng damit verbunden ist der Deprivationsansatz, der insbesondere mit Gresham M. Sykes verbunden ist. In The Society of Captives beschreibt Sykes verschiedene Belastungen des Freiheitsentzugs, die sogenannten pains of imprisonment. Der Verlust von Freiheit, Autonomie, Sicherheit, materiellen Möglichkeiten und sozialen Beziehungen erzeugt besondere Anpassungsprobleme. Informelle Normen, Solidaritätsbeziehungen und Statusordnungen unter Gefangenen können aus dieser Perspektive als Reaktionen auf die spezifischen Bedingungen der Haft verstanden werden.
Demgegenüber betont der Importationsansatz, dass Gefängniskultur nicht ausschließlich innerhalb der Institution entsteht. Gefangene bringen soziale Erfahrungen, Wertvorstellungen, Identitäten, Gruppenzugehörigkeiten und Verhaltensmuster aus ihrem bisherigen Leben mit in die Haft. Die soziale Ordnung des Gefängnisses entsteht deshalb aus dem Zusammenspiel institutioneller Bedingungen und kultureller beziehungsweise sozialer Orientierungen, die von außen in die Institution hineingetragen werden.
Eine breitere institutionssoziologische Perspektive bietet Erving Goffmans Analyse totaler Institutionen. Gefängnisse bündeln unterschiedliche Lebensbereiche unter einer gemeinsamen institutionellen Autorität und schränken die Möglichkeiten individueller Selbstbestimmung erheblich ein. Informelle Praktiken und Beziehungen können vor diesem Hintergrund auch als Formen der Anpassung an und des Umgangs mit institutioneller Kontrolle verstanden werden.
Ergänzend eröffnet die Cultural Criminology einen Zugang zu den symbolischen und expressiven Dimensionen von Gefängniskultur. Sprache, Tätowierungen, Musik, Rituale oder Formen der Selbstdarstellung können als kulturelle Praktiken untersucht werden, durch die Identität, Zugehörigkeit, Status und Widerstand innerhalb des Gefängnisses ausgedrückt werden.
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