Kurzdefinition
Bezeichnet die Fähigkeit, sich gedanklich in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen und das eigene Handeln aus deren Sicht zu betrachten.
Ausführliche Erklärung
Rollenübernahme bezeichnet die Fähigkeit, sich gedanklich in die Position anderer Menschen hineinzuversetzen und deren Erwartungen, Perspektiven und mögliche Reaktionen bei der eigenen Handlungsplanung zu berücksichtigen. Menschen können dadurch ihr eigenes Verhalten aus der Sicht anderer betrachten und einschätzen, wie es von ihnen wahrgenommen oder bewertet werden könnte.
Rollenübernahme ist eine grundlegende Voraussetzung sozialer Interaktion. Wer mit anderen Menschen handelt, reagiert nicht lediglich auf deren unmittelbar beobachtbares Verhalten, sondern versucht auch zu verstehen, welche Absichten, Erwartungen und Vorstellungen hinter diesem Verhalten stehen. Dadurch wird es möglich, das eigene Handeln auf andere abzustimmen.
Die Fähigkeit zur Rollenübernahme entwickelt sich im Verlauf der Sozialisation. Kinder lernen zunehmend, die Perspektiven anderer Personen zu berücksichtigen und zwischen der eigenen Sichtweise und den Erwartungen ihrer sozialen Umwelt zu unterscheiden. Dabei erweitert sich die Perspektive von konkreten Bezugspersonen auf allgemeinere gesellschaftliche Erwartungen.
Rollenübernahme bedeutet nicht, dass eine Person die Erwartungen anderer tatsächlich akzeptiert oder ihnen folgt. Entscheidend ist zunächst die Fähigkeit, diese Erwartungen zu erkennen und bei der Interpretation einer sozialen Situation zu berücksichtigen. Menschen können eine fremde Perspektive verstehen und sich dennoch bewusst gegen die damit verbundenen Erwartungen entscheiden.
Theoriebezug
Eine zentrale Bedeutung besitzt die Rollenübernahme im Symbolischen Interaktionismus und insbesondere in der Sozialtheorie von George Herbert Mead. Mead geht davon aus, dass Menschen ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen anderer orientieren können. Dazu müssen sie in der Lage sein, die Perspektive ihres Gegenübers einzunehmen und sich selbst aus dieser Perspektive zu betrachten.
Diese Fähigkeit entwickelt sich nach Mead im Verlauf der Sozialisation. Im kindlichen play werden zunächst die Rollen einzelner bedeutsamer Personen übernommen, beispielsweise die Rolle eines Elternteils, einer Ärztin oder eines Polizisten. Im game muss das Kind dagegen gleichzeitig die unterschiedlichen Rollen mehrerer Beteiligter sowie die gemeinsamen Regeln ihres Zusammenspiels berücksichtigen.
Mit dieser Entwicklung entsteht schließlich die Fähigkeit, sich an den verallgemeinerten Erwartungen einer sozialen Gemeinschaft zu orientieren. Mead bezeichnet diese gesellschaftliche Perspektive als generalized other. Rollenübernahme trägt damit wesentlich zur Entstehung von Identität bei: Menschen entwickeln eine Vorstellung von sich selbst, indem sie lernen, sich mit den Augen anderer und schließlich aus der Perspektive gesellschaftlich verallgemeinerter Erwartungen zu betrachten.
Diese Überlegungen bilden einen zentralen Bestandteil von Meads posthum veröffentlichtem Schlüsselwerk Geist, Identität und Gesellschaft (1934). Darin wird Identität nicht als isolierte Eigenschaft des Individuums verstanden, sondern als Ergebnis sozialer Interaktion und der Fähigkeit, die Perspektiven anderer in das eigene Selbstverhältnis einzubeziehen.
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