Kurzdefinition
Sexuelle Gewalt bezeichnet sexuelle Handlungen, die gegen den erkennbaren Willen einer Person erfolgen oder unter Bedingungen stattfinden, die Zustimmung strukturell entwerten.
Ausführliche Erklärung
Sexuelle Gewalt umfasst ein breites Spektrum von Handlungen – von körperlicher Vergewaltigung über sexuelle Nötigung bis hin zu Übergriffen, die ohne unmittelbare physische Gewalt auskommen. Charakteristisch ist, dass sexuelle Handlungen unter Machtasymmetrien, Zwangslagen oder eingeschränkten Handlungsalternativen stattfinden. Entscheidend ist dabei nicht allein der Einsatz körperlicher Gewalt, sondern die Frage, ob eine Person real die Möglichkeit hatte, sich zu entziehen oder zu verweigern, ohne erhebliche negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
In soziologischer Perspektive wird sexuelle Gewalt nicht ausschließlich als individuelles Fehlverhalten verstanden, sondern als Ausdruck sozialer Strukturen, in denen Geschlecht, Macht, ökonomische Abhängigkeit und institutionelle Rahmenbedingungen die Bedingungen von Zustimmung prägen. Sexuelle Gewalt kann daher auch dort vorliegen, wo formale Zustimmung artikuliert wird, diese jedoch unter strukturellem Druck erfolgt.
Theoriebezug
Der Begriff ist anschlussfähig an feministische Machtanalysen (z. B. Catharine A. MacKinnon), an soziologische Gewaltkonzepte sowie an Macht- und Herrschaftstheorien (z. B. Michel Foucault).