Das radikal Böse (2013)

Das radikal Böse (2013) ist ein Dokumentarfilm von Stefan Ruzowitzky über die Beteiligung gewöhnlicher deutscher Männer an den Massenerschießungen jüdischer Zivilisten während des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges in Osteuropa. Anhand historischer Quellen, nachgestellter Szenen, wissenschaftlicher Interviews und sozialpsychologischer Experimente untersucht der Film, wie Angehörige von Einsatzgruppen und Polizeieinheiten zu Tätern des Holocaust werden konnten. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Ideologie einzelner Täter als die Frage nach den sozialen und situativen Bedingungen, unter denen Menschen bereit sind, an systematischer Massengewalt mitzuwirken.

Film- / Serienprofil

  • Originaltitel: Das radikal Böse
  • Deutscher Titel: Das radikal Böse
  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Land: Deutschland, Österreich
  • Regie / Creator / Showrunner: Stefan Ruzowitzky
  • Medium: Dokumentation
  • Laufzeit / Umfang: 96 Minuten
  • Schwerpunkte: Krieg, Staat und politische Gewalt

Kriminologische Relevanz

Das radikal Böse stellt eine der zentralen Fragen der sozialwissenschaftlichen Täterforschung: Wie können Menschen, die außerhalb des Tatkontextes weitgehend unauffällig erscheinen, zu Beteiligten an systematischer Massengewalt werden? Der Film widerspricht damit einer individualisierenden Vorstellung, nach der außergewöhnliche Verbrechen notwendig außergewöhnlich pathologische Täter voraussetzen. Stattdessen richtet er den Blick auf das Zusammenspiel von Ideologie, Autorität, Gruppendruck, Konformität, institutionellen Strukturen und individuellen Entscheidungsspielräumen.

Eine wichtige Grundlage bildet Christopher Brownings Untersuchung Ganz normale Männer über das Reserve-Polizeibataillon 101. Browning zeigte am Beispiel einer aus überwiegend älteren deutschen Reservisten bestehenden Polizeieinheit, wie Männer ohne besondere Vorauswahl zu unmittelbaren Tätern des Holocaust werden konnten. Besonders bedeutsam ist dabei der vorhandene Handlungsspielraum: Die Beteiligung an Erschießungen war keineswegs in jeder Situation alternativlos. Gerade die Tatsache, dass einzelne Männer sich entziehen konnten, ohne mit schwerwiegenden Sanktionen rechnen zu müssen, verschiebt die Erklärung von einem einfachen Befehlsgehorsam hin zu sozialen Mechanismen wie Konformitätsdruck, Kameradschaft, Rollenverständnis und Verantwortungsdiffusion.

Der Film verbindet die historische Täterforschung deshalb mit klassischen sozialpsychologischen Untersuchungen zu Gehorsam und Konformität. Experimente von Stanley Milgram und Solomon Asch verdeutlichen, wie Autorität und Gruppennormen individuelles Verhalten beeinflussen können. Solche Ansätze erklären die nationalsozialistischen Verbrechen nicht vollständig; sie zeigen jedoch Mechanismen, durch die individuelle moralische Hemmungen innerhalb bestimmter sozialer Situationen geschwächt werden können. Gerade hierin liegt eine Stärke des Films: Die Täter werden weder zu dämonischen Ausnahmegestalten erklärt noch von persönlicher Verantwortung entlastet.

Für die Polizeigeschichte besitzt Das radikal Böse zusätzliche Bedeutung. Die Beteiligung regulärer Polizeieinheiten am Holocaust widerspricht einer verbreiteten Verkürzung nationalsozialistischer Gewalt auf SS und Gestapo. Angehörige der Ordnungspolizei waren unmittelbar an Massenerschießungen, Deportationen und anderen Maßnahmen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik beteiligt. Der Film eröffnet damit die Möglichkeit, Polizei nicht ausschließlich als Institution staatlicher Sicherheit zu betrachten, sondern nach den Bedingungen zu fragen, unter denen staatliche Organisationen selbst zu Trägern systematischer Gewalt werden.

Kriminologisch führt dies zu einer grundlegenden Erweiterung der Perspektive. Während sich traditionelle Kriminologie häufig mit Normverletzungen durch Individuen beschäftigt, zeigt der nationalsozialistische Vernichtungskrieg eine Konstellation, in der schwerste Gewalt innerhalb staatlicher Organisationen geplant, legitimiert und arbeitsteilig ausgeführt wird. Das radikal Böse eignet sich deshalb besonders zur Auseinandersetzung mit Staatskriminalität, Gehorsam, Konformität und kollektiver Gewalt – und mit der unbequemen Frage, wie weit individuelles Handeln durch soziale Situationen erklärt werden kann, ohne dadurch individuelle Verantwortung aufzulösen.

Kriminologische Einordnung

Trailer / Teaser