Sin Nombre (2009)

Sin Nombre (2009) verbindet die Geschichten des jungen Mara-Salvatrucha-Mitglieds Willy, genannt Casper, und der honduranischen Jugendlichen Sayra. Während Sayra gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Onkel auf Güterzügen durch Mexiko in Richtung USA reist, gerät Casper nach einem tödlichen Konflikt mit seiner Gang selbst auf die Flucht. Ihre Wege kreuzen sich auf einem Güterzug, den Mitglieder der Mara überfallen. Casper widersetzt sich seinem Anführer und rettet Sayra das Leben. Gemeinsam setzen beide die gefährliche Reise nach Norden fort, verfolgt von der Gang und bedroht durch die Risiken einer weitgehend schutzlosen Migration.

Film- / Serienprofil

  • Originaltitel: Sin Nombre
  • Deutscher Titel: Sin Nombre - Zug der Hoffnung
  • Erscheinungsjahr: 2009
  • Land: Mexiko, USA
  • Regie / Creator / Showrunner: Cary Jôji Fukunaga
  • Medium: Spielfilm
  • Laufzeit / Umfang: 96 Minuten
  • Schwerpunkte: Jugend, Devianz und Subkultur

Kriminologische Relevanz

Sin Nombre (2009) verbindet Gangkriminalität, Jugendgewalt und Migration zu einer gemeinsamen Erzählung über soziale Zugehörigkeit und Ausschluss. Der Film folgt einerseits dem jungen Mara-Salvatrucha-Mitglied Casper und andererseits der honduranischen Jugendlichen Sayra auf ihrer Reise durch Mexiko in Richtung USA. Beide bewegen sich in sozialen Situationen, in denen staatlicher Schutz nur eingeschränkt verfügbar ist und informelle Gewaltordnungen erheblichen Einfluss auf ihre Handlungsmöglichkeiten gewinnen.

Besonders deutlich zeigt der Film die Gang als soziale Gruppe mit eigenen Normen, Ritualen und Sanktionen. Die Mara bietet ihren Mitgliedern Zugehörigkeit, Anerkennung und Schutz, verlangt dafür jedoch Loyalität und Unterordnung. Aufnahmeprüfungen, Tätowierungen, Hierarchien und gemeinschaftlich ausgeübte Gewalt stabilisieren eine kollektive Identität, die gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt abgegrenzt wird. Gewalt ist innerhalb dieser Ordnung nicht lediglich individuelles Verhalten, sondern besitzt kommunikative und normative Funktionen: Sie demonstriert Zugehörigkeit, erzeugt Status und sanktioniert Abweichungen.

Damit eignet sich Sin Nombre besonders für Lern- und Subkulturtheorien der Kriminalität. Kriminelles Verhalten wird innerhalb der Gruppe vermittelt, bestätigt und durch soziale Anerkennung verstärkt. Zugleich zeigt der Film jedoch die Grenzen einer Vorstellung von Gangmitgliedschaft als vollständig freiwilliger Entscheidung. Caspers Versuch, sich von der Mara zu lösen, macht deutlich, dass der Eintritt in eine Gruppe wesentlich leichter sein kann als ihr Verlassen. Zugehörigkeit erzeugt Bindungen und Verpflichtungen, deren Durchsetzung notfalls mit tödlicher Gewalt erfolgt.

Die zweite kriminologisch relevante Ebene betrifft die Vulnerabilität irregulärer Migrantinnen und Migranten. Die Reise auf Güterzügen durch Mexiko führt durch Räume, in denen Migranten einem erheblichen Risiko von Raub, Erpressung und Gewalt ausgesetzt sind. Ihr prekärer rechtlicher und sozialer Status erschwert zugleich die Inanspruchnahme staatlichen Schutzes. Der Film zeigt damit exemplarisch, wie gesellschaftliche und rechtliche Marginalisierung spezifische Viktimisierungsrisiken erzeugen kann.

Gerade die Verbindung beider Handlungsebenen macht Sin Nombre kriminologisch besonders interessant. Gangmitglieder und Migranten erscheinen nicht als zwei voneinander unabhängige Gruppen von „Tätern“ und „Opfern“. Casper ist Täter, Mitglied einer gewalttätigen Organisation, Aussteiger und schließlich selbst Verfolgter; Sayra befindet sich als Migrantin in einer Situation struktureller Schutzlosigkeit. Der Film unterläuft damit einfache Täter-Opfer-Dichotomien und zeigt Kriminalität als Bestandteil sozialer Beziehungen, die durch Ungleichheit, Gruppenzugehörigkeit, Gewalt und begrenzte Handlungsmöglichkeiten geprägt sind.

Bildquelle:
Emmanuel de la Vega (kajunaMX), CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Kriminologische Einordnung

Trailer / Teaser