Kurzdefinition
Disorder bezeichnet einen Zustand sozialer oder physischer Unordnung, der auf eine geschwächte soziale Kontrolle innerhalb einer Nachbarschaft hinweisen kann.
Ausführliche Erklärung
In der Kriminologie bezeichnet Disorder sichtbare Anzeichen physischer oder sozialer Unordnung im öffentlichen Raum, die als Hinweise auf eine eingeschränkte Durchsetzung sozialer Normen und Regeln wahrgenommen werden können. Entscheidend ist dabei nicht allein das Vorhandensein bestimmter Merkmale oder Verhaltensweisen, sondern auch deren gesellschaftliche Wahrnehmung und Bewertung.
Üblicherweise wird zwischen zwei Formen unterschieden:
- Physical Disorder: beispielsweise Vermüllung, verlassene oder beschädigte Gebäude, zerstörte Infrastruktur, Verwahrlosung oder als unerwünscht wahrgenommene Graffiti.
- Social Disorder: beispielsweise öffentliches Trinken, aggressives Betteln, offen sichtbarer Drogenhandel oder Gruppen und Verhaltensweisen, die von anderen Nutzerinnen und Nutzern des öffentlichen Raums als störend oder bedrohlich wahrgenommen werden.
Disorder ist eng mit der Kriminalitätsfurcht verbunden. Sichtbare Zeichen von Unordnung können unabhängig von der tatsächlichen Kriminalitätsbelastung eines Ortes das Gefühl vermitteln, dass soziale Kontrolle fehlt oder ein erhöhtes Risiko besteht, Opfer einer Straftat zu werden. Die Wahrnehmung von Disorder kann deshalb das Sicherheitsgefühl beeinträchtigen, zur Vermeidung bestimmter Orte beitragen und beeinflussen, wie Menschen einen Stadtteil oder öffentlichen Raum bewerten.
Besondere Bedeutung erhielt das Konzept durch die Broken-Windows-Theorie, nach der sichtbare und nicht beseitigte Zeichen von Unordnung weitere Normverletzungen begünstigen und längerfristig zur Zunahme von Kriminalität beitragen können. Diese kausale Annahme ist jedoch umstritten. Forschungen weisen darauf hin, dass Disorder und Kriminalität häufig mit gemeinsamen sozialen Bedingungen wie Armut, sozialer Ungleichheit, Segregation oder schwacher informeller sozialer Kontrolle zusammenhängen.
Theoriebezug
Das Konzept Disorder spielt insbesondere in sozialökologischen Ansätzen der Kriminologie eine wichtige Rolle. Als Disorder werden sichtbare Formen physischer oder sozialer Unordnung bezeichnet, die als Hinweise auf eine eingeschränkte soziale Kontrolle eines öffentlichen Raums wahrgenommen werden können. Dazu zählen beispielsweise Vandalismus, Müll oder beschädigte Gebäude, aber auch bestimmte Verhaltensweisen im öffentlichen Raum.
Besonders prominent ist Disorder in der Broken-Windows-Theorie von James Q. Wilson und George L. Kelling. Sie geht davon aus, dass sichtbare Zeichen von Unordnung signalisieren können, dass Normverletzungen unbeachtet bleiben und soziale Kontrolle geschwächt ist. Bleibt Disorder bestehen, kann dies nach dieser Argumentation weitere Normverletzungen begünstigen, Unsicherheitsgefühle verstärken und längerfristig zur Verschlechterung eines Wohngebiets beitragen.
Eine breitere sozialökologische Perspektive bietet die Theorie der sozialen Desorganisation. Sie erklärt Kriminalität nicht unmittelbar durch sichtbare Unordnung, sondern durch strukturelle Bedingungen von Nachbarschaften, die die Ausbildung stabiler sozialer Beziehungen und informeller sozialer Kontrolle erschweren können. Disorder kann aus dieser Perspektive eher als Ausdruck oder Begleiterscheinung solcher Prozesse verstanden werden als als eigenständige Ursache von Kriminalität.
Eine wichtige Weiterentwicklung stellt das Konzept der Collective Efficacy von Robert J. Sampson und Kollegen dar. Entscheidend für die Fähigkeit einer Nachbarschaft zur informellen sozialen Kontrolle sind demnach insbesondere gegenseitiges Vertrauen, sozialer Zusammenhalt und die gemeinsame Bereitschaft, bei Problemen einzugreifen. Forschungen in dieser Tradition haben zugleich die einfache Annahme infrage gestellt, dass sichtbares Disorder selbst einen starken unabhängigen Einfluss auf Kriminalität besitzt. Disorder und Kriminalität können vielmehr teilweise auf gemeinsame soziale Bedingungen und eine geringe Collective Efficacy zurückgehen.
Verwandte Begriffe
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Der Begriff im Film
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SpielfilmTaxi Driver inszeniert New York aus Travis Bickles Perspektive als von Schmutz, Prostitution, Gewalt und sichtbarer sozialer Unordnung geprägten Stadtraum. Der Film veranschaulicht, wie sichtbare Zeichen von Disorder wahrgenommen und mit Vorstellungen gesellschaftlichen Niedergangs und mangelnder Kontrolle verbunden werden können.