Kurzdefinition
Ein Diskurs bezeichnet ein historisch und sozial geprägtes System von Aussagen, Deutungen und Wissensordnungen, durch das Wirklichkeit beschrieben, strukturiert und hervorgebracht wird.
Ausführliche Erklärung
Der Begriff des Diskurses verweist darauf, dass Sprache nicht bloß Realität abbildet, sondern aktiv an ihrer Herstellung beteiligt ist. Diskurse legen fest, was in einer Gesellschaft als wahr, normal, problematisch oder abweichend gilt. Sie strukturieren Wahrnehmungen, definieren legitime Deutungen und grenzen alternative Sichtweisen aus.
Diskurse wirken nicht nur auf der Ebene von Sprache, sondern sind eng mit Institutionen, Machtverhältnissen und Praktiken verbunden – etwa in Wissenschaft, Politik, Recht oder Medien. So entstehen diskursive Kategorien wie „Kriminalität“, „Abweichung“, „Gefährder“, „Familie“ oder „Normalität“, die soziale Wirklichkeit ordnen und soziale Kontrolle ermöglichen.
In der Kriminologie spielen Diskurse eine zentrale Rolle bei der Definition dessen, was als strafwürdig gilt, wer als Täter oder Opfer erscheint und welche Formen staatlicher Intervention als legitim angesehen werden. Kriminalität wird damit nicht allein als objektives Geschehen verstanden, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Deutungsprozesse.
Theoriebezug
Der Diskursbegriff ist zentral bei Michel Foucault (Macht/Wissen, Gouvernementalität), in der Wissenssoziologie (Berger & Luckmann), in der Kritischen Kriminologie sowie in feministischen und poststrukturalistischen Ansätzen (z. B. Carol Smart, Judith Butler).