Der Broken Windows AnsatzDer Broken Windows Ansatz besagt, dass sichtbare Anzeichen von Verwahrlosung in einem Gebiet das Entstehen weiterer Kriminalität begünstigen. – häufig auch als Broken Windows Theorie bezeichnet – gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Konzepten der modernen KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren.. Die zentrale Annahme von James Q. Wilson und George L. Kelling lautet: Bereits geringe Anzeichen von Unordnung können als Signal fehlender sozialer Kontrolle wahrgenommen werden und dadurch weitere Normverletzungen bis hin zu schwerer KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. begünstigen. Die berühmte „zerbrochene Fensterscheibe“ steht dabei nicht nur für eine konkrete Beschädigung, sondern für sichtbaren Verfall im öffentlichen Raum und für die Botschaft, dass sich offenbar niemand zuständig fühlt.
Kernaussage des Broken Windows Ansatzes
Nicht erst schwere Straftaten, sondern bereits sichtbare Zeichen von Unordnung können das Signal aussenden, dass in einem Viertel niemand mehr für Ordnung sorgt. Genau diese Wahrnehmung fehlender KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. soll nach Wilson und Kelling weitere Normverletzungen begünstigen.
Merkzettel
Broken Windows Ansatz
Hauptvertreter:
James Q. Wilson,
George L. Kelling
Erstveröffentlichung: 1982
Land: USA
Idee/ Annahme: Der Broken Windows Ansatz besagt, dass bereits geringe Anzeichen von Unordnung – etwa zerbrochene Fenster, Graffiti oder herumliegender Müll – als Signal für fehlende soziale Kontrolle wahrgenommen werden und dadurch weitere Normverletzungen bis hin zu schwerer Kriminalität begünstigen. Wer Unordnung duldet, riskiert ein Klima der Angst, sozialer Desorganisation und wachsender DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist..
Abgrenzung zu:
Im Gegensatz zu strukturellen Theorien wie der Anomietheorie oder der Theorie der sozialen Desorganisation liegt der Fokus hier nicht primär auf den tieferen sozialen Ursachen von Devianz, sondern auf ihrer öffentlichen Sichtbarkeit und der Reaktion des Umfelds. Der Ansatz geht davon aus, dass das Unterlassen von Gegenmaßnahmen ein eigenständiger Auslöser weiterer Kriminalität sein kann.
Verwandte Theorien:
Theorie der sozialen Desorganisation (Shaw & McKay),
Situational Crime Prevention,
Routine Activity Approach
Wissenschaftsgeschichtlicher Kontext

Der Broken-Windows-Ansatz entstand nicht in einer klassischen Fachpublikation, sondern wurde erstmals 1982 in einem Essay von James Q. Wilson und George L. Kelling im Magazin The Atlantic veröffentlicht. Der Beitrag richtete sich damit nicht ausschließlich an ein wissenschaftliches Publikum, sondern auch an eine breitere ÖffentlichkeitÖffentlichkeit bezeichnet den sozialen Raum, in dem gesellschaftliche Themen sichtbar, verhandelt und bewertet werden. und politische Entscheidungsträger.
Ein Teil des späteren Einflusses des Ansatzes lässt sich auch durch diese Form der Präsentation erklären. Die Metapher der „zerbrochenen Fensterscheibe“ ist leicht verständlich und veranschaulicht die zugrunde liegende Argumentation auf eingängige Weise: Kleine Zeichen von Unordnung können eine symbolische Botschaft über mangelnde Kontrolle im öffentlichen Raum senden. Gerade diese anschauliche Metapher trug wesentlich dazu bei, dass der Ansatz schnell Eingang in kriminalpolitische Debatten und öffentliche Diskussionen fand.
In der kriminologischen Forschung gilt der Broken-Windows-Ansatz daher auch als Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Ideen über einprägsame Metaphern und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen große gesellschaftliche Wirkung entfalten können.
Der Broken Windows Ansatz nach James Q. Wilson und George L. Kelling
Wilson und Kelling nahmen mit ihren Überlegungen erheblichen Einfluss auf die amerikanischen Polizeistrategien der 1980er und 1990er Jahre. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war zunächst die Beobachtung, dass polizeiliche Fußstreifen zwar keinen nennenswerten Einfluss auf die Kriminalitätsrate hatten, bei den Bewohnern eines Viertels jedoch das Sicherheitsgefühl stärkten. Die Autoren interessierten sich deshalb besonders für die Frage, wie öffentliche Ordnung, sichtbare Unordnung und wahrgenommene soziale Kontrolle zusammenhängen.
Ausgangspunkt: Zimbardos Auto-Experiment
Zur Veranschaulichung ihres Ansatzes greifen Wilson und Kelling auf ein bekanntes Experiment des Psychologen Philip Zimbardo (1969) zurück. Zimbardo stellte in der New Yorker Bronx und in Palo Alto, Kalifornien, jeweils ein Auto mit abmontierten Kennzeichen und geöffneter Motorhaube ab. In der Bronx begannen Anwohner bereits nach kurzer Zeit damit, verwertbare Teile zu entfernen und das Fahrzeug schließlich vollständig zu zerstören. In Palo Alto blieb der Wagen zunächst unangetastet; ein Passant schloss sogar die Motorhaube. Erst als Zimbardo selbst eingriff und das Auto sichtbar beschädigte, wurde es auch dort von anderen weiter demoliert.
We might conclude from these preliminary studies that to initiate such acts of destructive vandalism, the necessary ingredients are the acquired feelings of anonymity provided by the life in a city like New York, along with some minimal releaser cues. Where social anonymity is not a “given” of one’s everyday life, it is necessary to have more extreme releaser cues, more explicit models for destruction and aggression, and physical anonymity—a large crowd or the darkness of the night.
(Zimbardo, 1969, S. 292)
Zimbardos Experiment wurde später vielfach diskutiert, doch für Wilson und Kelling war vor allem eine Pointe entscheidend: Sichtbare Beschädigung kann ein Signal aussenden, dass Regeln hier nicht mehr gelten oder jedenfalls nicht mehr durchgesetzt werden.
Genau diese symbolische Signalwirkung bildet den Ausgangspunkt der Broken-Windows-Argumentation.
Von der beschädigten Sache zum sozialen Signal
Genau an diesem Punkt setzt der Broken Windows Ansatz an. Wilson und Kelling übertragen die Beobachtungen aus Zimbardos Experiment auf den städtischen Raum. Die beschädigte Fensterscheibe wird zum Symbol für einen umfassenderen Prozess sozialen Verfalls. Bleibt ein zerbrochenes Fenster unrepariert, so die These, sendet dies die Botschaft aus, dass sich niemand kümmert. Diese Wahrnehmung kann weitere Beschädigungen, Verwahrlosung und schließlich auch schwerere Formen von Devianz und Kriminalität begünstigen.
Untended property becomes fair game for people out for fun or plunder and even for people who ordinarily would not dream of doing such things and who probably consider themselves law-abiding. Because of the nature of community life in the Bronx—its anonymity, the frequency with which cars are abandoned and things are stolen or broken, the past experience of „no one caring“—vandalism begins much more quickly than it does in staid Palo Alto, where people have come to believe that private possessions are cared for, and that mischievous behavior is costly. But vandalism can occur anywhere once communal barriers—the sense of mutual regard and the obligations of civility—are lowered by actions that seem to signal that „no one cares.“
(Wilson & Kelling, 1982)
Der Broken Windows Ansatz beschreibt damit einen sozialen Verstärkerkreislauf: Sichtbare Unordnung erhöht die Unsicherheit der Bewohner, fördert Rückzug aus dem öffentlichen Raum und schwächt informelle soziale Kontrolle. Genau dieser Rückzug kann dazu führen, dass weitere Regelverletzungen wahrscheinlicher werden. In dieser Hinsicht bestehen deutliche Berührungspunkte zur Theorie der sozialen Desorganisation, auch wenn Wilson und Kelling den Fokus stärker auf die öffentliche Sichtbarkeit von Verfall legen.
Physical Disorder und Social Disorder
Wilson und Kelling analysieren zwei Formen von Unordnung, die sie als Zeichen schwindender Kontrolle verstehen. Die Autoren bezeichnen solche sichtbaren Anzeichen von Unordnung auch als incivilities. Sie unterscheiden zwischen:
- physical disorder: etwa verfallende Gebäude, zerstörte Fensterscheiben, Müll, verlassene Grundstücke oder Graffiti,
- social disorder: etwa lärmende Gruppen auf der Straße, aggressive Bettelei, offene Drogenszenen oder andere Verhaltensweisen, die als Störung der öffentlichen Ordnung wahrgenommen werden.
Gerade diese Unterscheidung ist für die spätere Kritik zentral. Während physical disorder auf sichtbare materielle Verfallserscheinungen verweist, umfasst social disorder oft auch soziale Gruppen und Verhaltensweisen, die nicht neutral beschrieben, sondern normativ bewertet werden. Genau hier setzt ein erheblicher Teil der späteren Kontroversen an.

Vom Broken-Windows-Ansatz zu Zero Tolerance PolicingNulltoleranzstrategie beschreibt ein polizeiliches Konzept, das auf die kompromisslose Ahndung auch geringfügiger Delikte abzielt, um das Sicherheitsgefühl zu stärken und schwerere Kriminalität zu verhindern.
Die kriminalpolitische Wirkung des Ansatzes war enorm. Besonders in New York wurde Broken Windows in den 1990er Jahren mit einem ordnungsorientierten Polizeimodell verbunden, das unter dem Schlagwort Zero Tolerance PolicingPolicing bezeichnet die Gesamtheit gesellschaftlicher Praktiken, Institutionen und Strategien zur Herstellung von Ordnung, Sicherheit und sozialer Kontrolle – unabhängig davon, ob sie von der staatlichen Polizei ausgeübt werden oder nicht. bekannt wurde. Die Grundidee lautete, bereits kleinere Verstöße gegen die öffentliche Ordnung konsequent zu verfolgen, um ein Signal der Kontrolle zu setzen und so den postulierten Verstärkerkreislauf frühzeitig zu unterbrechen.
Dabei ist jedoch wichtig, zwischen Theorie und politischer Umsetzung zu unterscheiden. Der Broken Windows Ansatz selbst beschreibt zunächst einen Zusammenhang zwischen sichtbarer Unordnung, sozialer Kontrolle und Kriminalität. Zero Tolerance ist demgegenüber eine konkrete kriminalpolitische Strategie, die diese Annahmen in ein repressives Kontrollmodell übersetzt. Gerade diese Übersetzung machte den Ansatz weltweit berühmt – und zugleich hoch umstritten.
Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug
Der Broken Windows Ansatz zählt zu den bekanntesten und zugleich einflussreichsten Annahmen der modernen Kriminologie. Seine Popularität verdankt er vor allem der eingängigen Grundidee: Sichtbare Unordnung im öffentlichen Raum scheint einen direkten Zusammenhang mit wachsender Kriminalität zu besitzen. Gerade diese scheinbar einfache Kausalbeziehung ist jedoch auch der zentrale Gegenstand wissenschaftlicher Kritik.
Empirische Studien stellen insbesondere den postulierten direkten Zusammenhang zwischen sichtbarer Unordnung und schwerer Kriminalität infrage. Besonders einflussreich ist die Untersuchung von Sampson und Raudenbush (1999), die im Rahmen systematischer Beobachtungen öffentlicher Räume in Chicago zu dem Ergebnis kommen, dass Unordnung nicht automatisch Kriminalität verursacht. Stattdessen verweisen sie auf die Bedeutung sozialer Kohäsion und kollektiver Wirksamkeit (collective efficacy) innerhalb einer Nachbarschaft. Entscheidend sei demnach weniger das Vorhandensein sichtbarer Unordnung als vielmehr die Fähigkeit einer GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand., gemeinsam informelle soziale Kontrolle auszuüben.
Auch konzeptionell wurde der Broken Windows Ansatz vielfach kritisiert. Kritiker weisen darauf hin, dass viele der sogenannten incivilities keine neutralen Beobachtungen darstellen, sondern soziale Bewertungen. Während zerstörte Gebäude oder Müll eindeutig als physische Unordnung gelten können, umfasst die Kategorie der social disorder häufig auch Personengruppen oder Verhaltensweisen – etwa Obdachlosigkeit, Jugendgruppen oder Straßenkultur –, deren Bewertung stark von sozialen NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten., kulturellen Deutungen und politischen Perspektiven abhängt. Vertreter der Cultural Criminology argumentieren daher, dass der Begriff der Unordnung häufig ästhetische oder moralische Werturteile verschleiert, die anschließend als objektive Grundlage kriminalpolitischer Maßnahmen erscheinen.
Auch der Zusammenhang zwischen sichtbarer Unordnung und Kriminalitätsfurcht wird differenzierter betrachtet. Studien zeigen, dass Menschen Unordnungserscheinungen selektiv wahrnehmen und interpretieren. Personen mit einem ohnehin erhöhten Unsicherheitsgefühl neigen eher dazu, bestimmte Phänomene als Zeichen drohender Kriminalität zu deuten. In diesem Sinne kann der Zusammenhang zwischen incivilities und Kriminalitätsfurcht teilweise zirkulär sein: Wer Unsicherheit erwartet, interpretiert bestimmte Beobachtungen leichter als Beleg dafür.
Besonders kontrovers diskutiert wurde schließlich die kriminalpolitische Umsetzung des Broken Windows Ansatzes im Rahmen von Zero Tolerance Policing. Kritiker wie Bernard E. Harcourt (2001) argumentieren, dass der behauptete Zusammenhang zwischen der konsequenten Verfolgung kleiner Ordnungsverstöße und einem Rückgang schwerer Kriminalität empirisch kaum belastbar sei. Zudem bestehe die Gefahr, dass entsprechende Strategien sozial selektiv wirken und vor allem marginalisierte Gruppen stärker polizeilicher Kontrolle aussetzen.
Zero Tolerance Policing wird häufig als entscheidender Faktor für den drastischen Kriminalitätsrückgang in New York in den 1990er Jahren dargestellt. Diese Interpretation greift jedoch zu kurz. Der Rückgang der GewaltkriminalitätUnter Gewaltkriminalität werden Straftaten verstanden, bei denen physische Gewalt gegen Personen angewendet oder angedroht wird. setzte bereits vor der Amtszeit von Polizeichef William Bratton ein und war zudem in zahlreichen US-Großstädten zu beobachten, in denen keine vergleichbaren Strategien verfolgt wurden. Auch Bratton selbst konnte den angeblichen Erfolg später in Los Angeles nicht in gleicher Weise reproduzieren. Kriminologische Analysen verweisen daher auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, darunter demographische Veränderungen, wirtschaftliche Entwicklungen und Veränderungen auf den Drogenmärkten. Henner Hess (2004) warnt vor diesem Hintergrund vor monokausalen Erklärungen und plädiert für eine differenzierte Betrachtung des Kriminalitätsrückgangs in den USA.
Trotz dieser Kritik bleibt der Broken Windows Ansatz ein wichtiger Bezugspunkt kriminologischer Debatten. Er hat die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung öffentlicher Räume, sichtbarer Ordnung und informeller sozialer Kontrolle gelenkt und damit nicht nur Polizeistrategien, sondern auch Diskussionen über Stadtplanung, Sicherheit und soziale IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden. nachhaltig geprägt.
Heute wird der Broken Windows Ansatz häufig nicht mehr als eigenständige Erklärung von Kriminalität verstanden, sondern als Beitrag zur Diskussion über Wahrnehmung von Ordnung, kollektive Wirksamkeit und die Bedeutung öffentlicher Räume.
Collective Efficacy als Weiterentwicklung
In neueren stadtsoziologischen und kriminologischen Arbeiten wird der Zusammenhang zwischen Unordnung und Kriminalität stärker über das Konzept der collective efficacy erklärt. Der Begriff wurde maßgeblich von Robert J. Sampson und Stephen W. Raudenbush geprägt. Er bezeichnet die Fähigkeit einer Nachbarschaft, gemeinsame Normen aufrechtzuerhalten und informelle soziale Kontrolle auszuüben. Entscheidend ist demnach weniger das bloße Vorhandensein sichtbarer Unordnung als vielmehr die Frage, ob Bewohner bereit und in der Lage sind, auf Regelverletzungen zu reagieren – etwa indem sie Jugendliche ermahnen, öffentliche Räume pflegen oder sich in lokale Gemeinschaftsstrukturen einbringen.
In ihrer vielbeachteten Studie zur systematischen Beobachtung öffentlicher Räume in Chicago zeigen Sampson und Raudenbush (1999), dass sichtbare Unordnung zwar häufig mit Kriminalität korreliert, jedoch nicht notwendigerweise deren Ursache ist. Vielmehr erweist sich das Maß kollektiver Handlungsfähigkeit innerhalb einer Nachbarschaft als entscheidender Faktor. Gemeinschaften mit hoher collective efficacy sind eher in der Lage, informelle soziale Kontrolle auszuüben und Normverletzungen zu begrenzen – selbst dann, wenn sichtbare Unordnungserscheinungen vorhanden sind.
Aus dieser Perspektive erscheint Unordnung weniger als unmittelbarer Auslöser von Kriminalität, sondern vielmehr als Indikator für strukturelle Probleme innerhalb eines Viertels, etwa geringe soziale Kohäsion, hohe Fluktuation der Bewohner oder mangelnde institutionelle Einbindung. Damit verschiebt sich der Fokus der Erklärung: Nicht die zerbrochene Fensterscheibe selbst erzeugt Kriminalität, sondern die sozialen Bedingungen, unter denen sie unbeachtet bleibt.
Diese Perspektive wurde später von Sampson in seiner umfassenden Untersuchung zur Stadtentwicklung Chicagos weiter ausgearbeitet (Great American City, 2012). Dort zeigt er, dass kollektive Wirksamkeit ein zentraler Mechanismus ist, über den Nachbarschaften langfristig Kriminalität, GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. und soziale Desorganisation beeinflussen können.
Der „Crime Drop“ der 1990er Jahre
Der Rückgang der Gewalt- und Eigentumskriminalität in den USA in den 1990er Jahren wird häufig mit der in New York besonders sichtbar umgesetzten Strategie des Zero Tolerance Policing in Verbindung gebracht. Tatsächlich ging die registrierte Kriminalität in New York in dieser Zeit deutlich zurück. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass ein ähnlicher Rückgang nahezu zeitgleich in vielen amerikanischen Großstädten zu beobachten war – auch dort, wo keine vergleichbaren Polizeistrategien verfolgt wurden. Zudem setzte der Rückgang der Kriminalität in mehreren Deliktsbereichen bereits vor der Amtszeit des New Yorker Polizeichefs William Bratton ein.
In der kriminologischen Forschung wird dieses Phänomen als Great American Crime Drop bezeichnet. Es gilt bis heute als eines der meistdiskutierten Entwicklungen der modernen Kriminologie. Ein breiter Konsens darüber, welche Faktoren den Kriminalitätsrückgang tatsächlich ausgelöst haben, besteht jedoch nicht. Vielmehr wird von einem Zusammenspiel verschiedener struktureller und gesellschaftlicher Veränderungen ausgegangen.
Diskutiert werden unter anderem demographische Entwicklungen – insbesondere der Rückgang des Anteils junger Männer in der Bevölkerung –, wirtschaftliche Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, ein Wandel der urbanen Drogenmärkte (etwa das Abflauen der Crack-Epidemie), Veränderungen in Polizeistrategien sowie langfristige soziale und kulturelle Trends. Auch kriminalpolitische Faktoren wie verstärkte Inhaftierung oder neue Formen datenbasierter Polizeiarbeit (z. B. CompStat) werden als mögliche Einflussgrößen genannt.
Vor diesem Hintergrund warnen zahlreiche Autoren davor, den Kriminalitätsrückgang der 1990er Jahre monokausal auf Broken-Windows-Strategien oder Zero Tolerance Policing zurückzuführen. Der deutsche Kriminologe Henner Hess weist in seiner Analyse der New Yorker Polizeistrategie darauf hin, dass die verbreitete Erfolgserzählung der Null-Toleranz-Politik die komplexen gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit häufig ausblendet. Der Crime Drop der 1990er Jahre wird daher heute eher als Ergebnis eines vielschichtigen sozialen Wandels verstanden als als unmittelbare Folge einer einzelnen kriminalpolitischen Strategie.
Kriminalpolitische Implikationen
Die Broken-Windows-Theorie hatte weitreichende Auswirkungen auf kriminalpolitische Strategien, insbesondere in den USA. Wie bereits im Zusammenhang mit der Umsetzung in New York beschrieben, wurde sie in den 1990er Jahren maßgeblich mit dem Polizeimodell des „Zero Tolerance Policing“ verbunden, das unter Polizeichef William Bratton umgesetzt wurde.
Die Grundannahme dieses Ansatzes lautet, dass bereits geringfügige Normverstöße („quality of life offenses“) konsequent verfolgt werden müssen, um eine Eskalation zu schwererer Kriminalität zu verhindern. Beispiele hierfür sind etwa öffentliches Urinieren, Graffiti oder Drogenbesitz im öffentlichen Raum.
Zu den zentralen Elementen dieser Strategie gehörten:
- eine strategisch neue Ausrichtung der Polizeiarbeit auf präventive Interventionen im öffentlichen Raum,
- eine stärkere Dezentralisierung der Polizeistrukturen durch sogenannte Precinct Commanders, die für einzelne Stadtbezirke verantwortlich waren,
- eine intensivere Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung im Rahmen von Community PolicingCommunity Policing bezeichnet ein Konzept der Polizeiarbeit, das auf der engen Zusammenarbeit zwischen Polizei und Gemeinschaft basiert, um gemeinsam Kriminalität zu bekämpfen und das Sicherheitsgefühl zu stärken.,
- die Identifikation zentraler Problemfelder und die Entwicklung konkreter Aktionspläne,
- eine systematische Erfassung und Analyse von Kriminalitätsdaten,
- regelmäßige CompStatEin datenbasiertes Managementsystem zur Steuerung polizeilicher Maßnahmen auf Basis kriminalstatistischer Auswertungen.-Meetings, in denen die Polizeiführung die Entwicklung der Kriminalitätslage datenbasiert überprüfte.
Im weiteren Sinne lassen sich aus der Broken-Windows-Theorie auch Ansätze der situativen KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. und der städtebaulichen Kriminalprävention ableiten. Diese setzen darauf, durch eine Aufwertung des öffentlichen Raums, bessere Beleuchtung, Pflege öffentlicher Plätze oder architektonische Maßnahmen Angsträume zu reduzieren und informelle soziale Kontrolle zu stärken.
Ein weiteres praktisches Instrument, das aus diesem Kontext hervorging, ist das sogenannte Crime MappingCrime Mapping bezeichnet die kartografische Darstellung und Analyse von Kriminalität im geografischen Raum, um räumliche Muster, Konzentrationen und Trends von Straftaten sichtbar zu machen.. Dabei werden Kriminalitätsereignisse räumlich visualisiert, um kriminalitätsbelastete Orte zu identifizieren und polizeiliche Ressourcen gezielt einzusetzen.
Beispiele moderner Anwendungen
Elemente des Broken-Windows-Ansatzes finden sich bis heute in verschiedenen Bereichen der Sicherheits- und Stadtpolitik. Dazu gehören etwa Programme zur schnellen Beseitigung von Graffiti, verstärkte Reinigung öffentlicher Plätze oder ordnungspolitische Maßnahmen gegen sogenannte „quality of life offenses“. Auch Konzepte der städtebaulichen Kriminalprävention greifen teilweise ähnliche Annahmen auf, indem sie versuchen, öffentliche Räume durch Gestaltung, Beleuchtung und Pflege sicherer wirken zu lassen.
Literatur
Primärliteratur
- Kelling, George L; Coles, Catherine M (1997): Fixing broken windows. Restoring order and reducing crime in our communities. New York: Simon & Schuster.
- Kelling, George L.; Wilson, James Q. (1982): Broken Windows. The police and Neighborhood Safety. The Altlantic. [Volltext]
Sekundärliteratur
- Dreher, G.; Feltes, T. (Hrsg.) (1997). Das Modell New York: Kriminalprävention durch „Zero Tolerance“?: Beiträge zur aktuellen kriminalpolitischen Diskussion. Veröffentlicht in Empirische Polizeiforschung 12. Online verfügbar unter: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/78229/epf_12.pdf?sequence=1&isAllowed=y
- Harcourt, B. E. (2001). Illusion of Order: The False Promise of Broken Windows Policing. Harvard University Press.
- Hess, H. (2004). Broken Windows: Zur Diskussion um die Strategie des New York Police Department. Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft, 116(1), 66–110.
- Robert J. Sampson (2012). Great American City: Chicago and the Enduring Neighborhood Effect. Chicago: University of Chicago Press.
- Sampson, Robert J.; Raudenbush, Stephen W (1999): Systematic Social Observation of Public Spaces: A New Look at Disorder in Urban Neighborhoods. American Journal of Sociology. 105 (3): 603–651.
- Schwind, H.-D. (2008): Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. S. 326-330.
- Skogan, Wesley G. (1992). Disorder and Decline: Crime and the Spiral of Decay in American Neighborhoods. Berkeley: University of California Press.
- Zimbardo, P. G. (1969). The Human Choice: Individuation, Reason, and Order versus Deindividuation, Impulse and Chaos. In: Arnold, W. J. & Levine, D. (Hrsg.). Nebraska Symposium on Motivation. Lincoln: University of Nebraska Press. S. 237-307.
Weiterführende Informationen
Videos
[YouTube Video: Broken Windows Theory – Criminology]
You Tube Video: Applying the Broken Window Theory to Cars
How A Theory Of Crime And Policing Was Born, And Went Terribly Wrong (NPR, 01.11.2016)
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