Kurzdefinition
Edgework bezeichnet freiwillige Handlungen, bei denen Individuen bewusst die Grenze zwischen Kontrolle und Kontrollverlust aufsuchen.
Ausführliche Erklärung
Der Begriff Edgework wurde von Stephen Lyng geprägt und beschreibt soziale Praktiken, in denen Akteur:innen Situationen mit hohem Risiko eingehen, um intensive Erfahrungen von Selbstkontrolle, Kompetenz und Identität zu erzeugen. Charakteristisch ist das bewusste Navigieren an einer „Kante“ (edge) zwischen Ordnung und Chaos, Sicherheit und Gefahr.
Edgework umfasst nicht nur Extremsportarten, sondern auch illegale oder halblegale Praktiken wie Graffiti, Street Racing, riskanten Drogenkonsum oder Hacktivismus. In der Soziologie wird Edgework als Reaktion auf Kontrollverdichtung, Entfremdung und Sinnverlust in der Spätmoderne interpretiert.
Theoriebezug
Das Konzept des Edgework wurde von Stephen Lyng entwickelt, um freiwilliges Risikoverhalten soziologisch zu erklären. Theoretisch verbindet Lyng dabei unterschiedliche Analyseebenen. Ausgangspunkt ist eine Verbindung von Überlegungen Karl Marx’ mit der Sozialpsychologie George Herbert Meads. Riskante Grenzerfahrungen werden dadurch weder ausschließlich als individuelles Bedürfnis nach Nervenkitzel noch als irrationales Verhalten verstanden, sondern als sozial eingebettete und subjektiv sinnvolle Form des Handelns.
Von Marx übernimmt Lyng insbesondere die Perspektive auf Entfremdung und die Einschränkung individueller Handlungsmöglichkeiten durch rationalisierte und institutionell strukturierte Lebensbedingungen. Edgework kann vor diesem Hintergrund als zeitweilige Gegenbewegung zu einem Alltag verstanden werden, der durch Routinen, Regeln und Fremdbestimmung geprägt ist. In freiwillig aufgesuchten Risikosituationen können Akteure dagegen intensive Erfahrungen von Autonomie, Selbstbestimmung und unmittelbarer Kontrolle erleben.
Über George Herbert Mead und den Symbolischen Interaktionismus lässt sich die subjektive Bedeutung solcher Grenzerfahrungen erfassen. Entscheidend ist nicht allein das objektive Risiko einer Handlung, sondern die Bedeutung, die Akteure der Situation und ihrer eigenen Fähigkeit zu deren Bewältigung zuschreiben. Kompetenz, Selbstkontrolle und die Erfahrung, eine potenziell unkontrollierbare Situation erfolgreich zu beherrschen, können dadurch zu wichtigen Bestandteilen von Identität und Selbstverständnis werden.
Eine enge Verbindung besteht außerdem zur Cultural Criminology. Sie greift die Bedeutung von Emotionen, Risiko und subjektivem Erleben für die Erklärung von Devianz und Kriminalität auf. Edgework ermöglicht dabei zu erklären, weshalb riskante oder illegale Handlungen auch unabhängig von materiellen Vorteilen attraktiv sein können: Gefahr, Spannung und die erfolgreiche Beherrschung einer Grenzsituation können selbst einen wesentlichen Teil ihres Reizes ausmachen.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Edgework (Lyng)
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Der Begriff im Film
Point Break (1991)
SpielfilmPoint Break zeigt Figuren, die freiwillig Situationen aufsuchen, in denen Können, Risiko und die Möglichkeit des Kontrollverlusts eng miteinander verbunden sind. Surfen, Fallschirmspringen und die Banküberfälle veranschaulichen damit besonders deutlich die für Edgework typische Suche nach intensiven Grenzerfahrungen.