Kurzdefinition
Der Ausschluss von Individuen oder Gruppen aus zentralen gesellschaftlichen Bereichen.
Ausführliche Erklärung
Exklusion bezeichnet in der Soziologie Prozesse, durch die Individuen oder soziale Gruppen von wesentlichen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen oder in ihrer Teilhabe erheblich eingeschränkt werden. Exklusion kann unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche betreffen, etwa den Arbeitsmarkt, Bildung, Wohnen, politische Partizipation, soziale Beziehungen oder den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und Anerkennung. Der Gegenbegriff ist Inklusion, also die Einbeziehung in gesellschaftliche Zusammenhänge und Teilhabemöglichkeiten.
Exklusion ist dabei nicht mit Armut oder sozialer Ungleichheit gleichzusetzen. Materielle Benachteiligung kann ein wichtiger Bestandteil sozialer Exklusion sein, der Begriff beschreibt jedoch ein umfassenderes Phänomen. Menschen können beispielsweise über geringe ökonomische Ressourcen verfügen, ohne weitgehend aus sozialen Beziehungen oder gesellschaftlichen Institutionen ausgeschlossen zu sein. Umgekehrt können Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung auch soziale Anerkennung, politische Mitwirkung oder kulturelle Zugehörigkeit betreffen. Exklusion besitzt deshalb eine mehrdimensionale Struktur.
Die verschiedenen Dimensionen können sich gegenseitig verstärken. Der dauerhafte Verlust einer Erwerbstätigkeit kann beispielsweise zu materiellen Einschränkungen führen, soziale Kontakte reduzieren und Möglichkeiten gesellschaftlicher oder kultureller Teilhabe beeinträchtigen. Solche Prozesse können wiederum die Chancen auf eine erneute Integration in den Arbeitsmarkt verschlechtern. Exklusion wird deshalb häufig nicht als statischer Zustand, sondern als Prozess zunehmender oder sich verfestigender Ausgrenzung verstanden.
Zugleich ist Exklusion ein relationaler Begriff. Ausgeschlossen sein kann eine Person nur in Bezug auf bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge, Institutionen, soziale Beziehungen oder Teilhabemöglichkeiten. Die Unterscheidung zwischen Inklusion und Exklusion verweist deshalb immer auch auf gesellschaftliche Grenzen der Zugehörigkeit: Wer erhält Zugang zu bestimmten Ressourcen und Positionen, wer kann an gesellschaftlichen Institutionen teilhaben und unter welchen Bedingungen wird diese Teilhabe ermöglicht oder verhindert?
Für die soziologische Exklusionsforschung ist insbesondere die Frage bedeutsam, wie unterschiedliche Formen der Ausgrenzung miteinander zusammenhängen. Martin Kronauer hebt hervor, dass Exklusion sowohl die gesellschaftliche Teilhabe als auch soziale Beziehungen betreffen kann. Entscheidend ist dabei nicht notwendig ein vollständiges „Außerhalb“ der Gesellschaft. Menschen können formal weiterhin in gesellschaftliche Institutionen eingebunden sein und zugleich nur eingeschränkte Möglichkeiten besitzen, deren Ressourcen und Teilhabechancen tatsächlich zu nutzen. Exklusion kann daher auch als eine Form des gesellschaftlichen „Drinnen und zugleich Draußen“ auftreten.
Eine räumliche Dimension erhält Exklusion insbesondere in der Stadtsoziologie. Prozesse sozialer Ausgrenzung können sich mit sozialer Segregation verbinden, wenn benachteiligte Bevölkerungsgruppen räumlich konzentriert leben und dadurch beispielsweise unterschiedliche Zugänge zu Bildung, Infrastruktur, Arbeitsmöglichkeiten oder sozialen Netzwerken entstehen. Räumliche Segregation und soziale Exklusion sind jedoch nicht gleichzusetzen: Segregation beschreibt zunächst eine räumliche Verteilung beziehungsweise Trennung sozialer Gruppen, während Exklusion die Einschränkung gesellschaftlicher Teilhabe bezeichnet.
Exklusion ist damit ein zentraler Begriff für die Analyse sozialer Ungleichheit, gesellschaftlicher Zugehörigkeit und sozialer Teilhabe. Er verschiebt die Perspektive von der bloßen Verteilung materieller Ressourcen auf die weitergehende Frage, in welchem Umfang Menschen tatsächlich Zugang zu den Institutionen, Beziehungen, Rechten und Ressourcen einer Gesellschaft besitzen.
Theoriebezug
Das Konzept der Exklusion ist eng mit der soziologischen Analyse sozialer Ungleichheit verbunden. Während klassische Ungleichheitsforschung vor allem die ungleiche Verteilung von Ressourcen, Lebenschancen und sozialen Positionen untersucht, richtet die Exklusionsperspektive den Blick stärker auf eingeschränkte oder versperrte Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Exklusion bezeichnet dabei nicht lediglich eine besonders starke Form materieller Benachteiligung, sondern kann unterschiedliche Bereiche wie Erwerbsarbeit, soziale Beziehungen, Bildung, politische Partizipation oder gesellschaftliche Anerkennung betreffen.
Eine wichtige sozialstrukturelle Perspektive auf Exklusion findet sich bei Robert Castel. Er beschreibt gesellschaftliche Integration insbesondere anhand der Einbindung in Erwerbsarbeit und stabile soziale Beziehungen. Zwischen stabiler Integration und weitgehender gesellschaftlicher Entkopplung liegt eine „Zone der Verwundbarkeit“, in der prekäre Beschäftigung und instabile soziale Beziehungen zusammentreffen können. Exklusion erscheint aus dieser Perspektive weniger als plötzlich eintretender Zustand denn als möglicher Endpunkt eines längerfristigen Prozesses sozialer Destabilisierung.
Martin Kronauer greift diese Perspektive auf und versteht Exklusion als mehrdimensionalen Prozess gesellschaftlicher Ausgrenzung. Von besonderer Bedeutung sind dabei einerseits die Einbindung in soziale Beziehungen und andererseits die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Exklusion bedeutet deshalb nicht notwendig, vollständig „außerhalb“ der Gesellschaft zu stehen. Personen können weiterhin in gesellschaftliche Institutionen eingebunden sein und zugleich nur eingeschränkten Zugang zu deren Ressourcen, Rechten und Teilhabechancen besitzen.
Einen anders gelagerten Zugang bietet die Systemtheorie Niklas Luhmanns. In der funktional differenzierten Gesellschaft erfolgt Inklusion nicht in „die Gesellschaft“ als Ganzes, sondern in unterschiedliche Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik, Recht, Erziehung oder Gesundheit. Personen können deshalb in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt und in anderen ausgeschlossen sein. Problematisch können insbesondere Prozesse kumulativer Exklusion werden, wenn der Ausschluss aus einem Funktionssystem die Teilhabemöglichkeiten in weiteren Bereichen beeinträchtigt.
Die sozialstrukturelle Exklusionsforschung und die Systemtheorie verwenden den Begriff damit auf unterschiedliche Weise. Während Ansätze von Castel und Kronauer insbesondere Prozesse sozialer Ausgrenzung, Prekarisierung und eingeschränkter Teilhabe untersuchen, analysiert Luhmann Inklusion und Exklusion als grundlegende Unterscheidung funktional differenzierter Gesellschaften. Gemeinsam ist diesen Perspektiven die Frage, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Personen Zugang zu zentralen sozialen Zusammenhängen erhalten oder von ihnen ausgeschlossen werden.
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Der Begriff im Film
Snowpiercer (2013)
SpielfilmSnowpiercer organisiert soziale Ungleichheit räumlich: Die ärmsten Bewohner des Zuges leben abgeschottet in den hinteren Waggons und sind von Ressourcen, Privilegien und gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossen. Der Film macht soziale Exklusion damit buchstäblich als Ausschluss aus zentralen Bereichen gesellschaftlicher Ordnung sichtbar.