Snowpiercer (2013)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: Snowpiercer
- Deutscher Titel: Snowpiercer
- Erscheinungsjahr: 2013
- Land: Südkorea, USA, Frankreich, Tschechien
- Regie / Creator / Showrunner: Bong Joon-ho
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 126 Minuten
- Schwerpunkte: Kriminalitätstheorien im Film
Kriminologische Relevanz
Snowpiercer entwirft seine postapokalyptische Gesellschaft als räumliches Modell sozialer Ungleichheit. Die Position eines Menschen innerhalb des Zuges entspricht seiner Position innerhalb der Sozialstruktur: Am Zugende leben die Unterprivilegierten unter Bedingungen von Mangel, Enge und gewaltsamer Kontrolle, während die Bewohner der vorderen Waggons über Nahrung, Bildung, Unterhaltung und luxuriöse Lebensbedingungen verfügen. Soziale Unterschiede werden dadurch buchstäblich räumlich sichtbar. Der Weg der Aufständischen durch den Zug wird zugleich zu einer Reise durch die verschiedenen Schichten und Institutionen dieser Gesellschaft.
Besonders deutlich lässt sich der Film aus einer marxistischen Konfliktperspektive lesen. Die gesellschaftliche Ordnung beruht auf einer extrem ungleichen Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen, die durch Herrschaft und Gewalt aufrechterhalten wird. Die privilegierten Gruppen profitieren von einer Ordnung, deren Kosten überwiegend von den Bewohnern des Zugendes getragen werden. Deren Aufstand erscheint entsprechend nicht primär als individuelles abweichendes Verhalten, sondern als kollektiver Konflikt um Ressourcen, Macht und gesellschaftliche Positionen.
Gleichzeitig zeigt der Film, dass dauerhafte Herrschaft nicht allein auf unmittelbarer Gewalt beruht. Die bestehende Ordnung wird durch eine Ideologie legitimiert, nach der jeder Mensch innerhalb des Zuges einen bestimmten Platz und eine bestimmte Funktion besitzt. Besonders deutlich wird dies in der Schulszene, in der Kindern die bestehende Ordnung und die herausgehobene Stellung des Zugführers Wilford vermittelt werden. Ungleichheit erscheint dadurch nicht als historisch entstandenes und veränderbares Verhältnis, sondern als notwendige Voraussetzung für das Überleben der gesamten Gesellschaft.
Gerade darin geht Snowpiercer über eine einfache Gegenüberstellung von Unterdrückten und Herrschenden hinaus. Im Verlauf des Aufstands zeigt sich, dass selbst Rebellion und Widerstand in die Stabilisierung der bestehenden Ordnung einbezogen werden können. Der Konflikt zwischen den sozialen Gruppen ist damit nicht notwendigerweise das Gegenteil gesellschaftlicher Ordnung, sondern kann selbst Bestandteil ihrer Reproduktion sein. Der Film stellt deshalb letztlich die Frage, ob eine fundamental ungleiche Gesellschaft reformiert werden kann oder ob ihre Überwindung die Zerstörung der bestehenden Ordnung voraussetzt.
Für die Soziologie bietet Snowpiercer damit ein besonders anschauliches Gedankenexperiment: Eine komplexe Gesellschaft wird auf einen linearen Raum reduziert, in dem Sozialstruktur, soziale Ungleichheit, Macht und Herrschaft unmittelbar sichtbar werden. Gerade die extreme Vereinfachung macht den Film didaktisch interessant. Gesellschaftliche Positionen, die in realen Gesellschaften abstrakt und multidimensional sind, erhalten im Zug einen konkreten Ort – hinten und vorne werden zu gesellschaftlichen Kategorien.
Kriminologische Einordnung
Kriminalitätstheorien
Marxistische Kriminalitätstheorien
Konflikttheorien der Kriminologie (herrschafts- und gesellschaftskritische Ansätze)
Schlüsselwerke