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Narzissmus

Kurzdefinition

Narzissmus bezeichnet ein Persönlichkeitsmerkmal, das durch ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, ein übersteigertes Selbstbild und ein ausgeprägtes Anspruchsdenken gekennzeichnet sein kann. Narzissmus ist von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu unterscheiden und tritt in unterschiedlicher Ausprägung in der Allgemeinbevölkerung auf.

Ausführliche Erklärung

Was ist Narzissmus?

Narzissmus bezeichnet in der Persönlichkeitspsychologie ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit einem übersteigerten Selbstwertgefühl, dem Wunsch nach Anerkennung und einem starken Bedürfnis nach Bewunderung verbunden ist. Der Begriff geht auf die griechische Sage von Narziss zurück, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte.

Narzisstische Persönlichkeitszüge kommen in unterschiedlicher Ausprägung bei vielen Menschen vor und sind zunächst nicht krankhaft. Erst wenn sie dauerhaft zu erheblichen Beeinträchtigungen im sozialen oder beruflichen Leben führen, kann eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegen.

Häufiges Missverständnis: Im Alltag werden selbstbewusste oder egoistische Menschen häufig vorschnell als „Narzisst“ bezeichnet. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich dabei jedoch nicht um eine Diagnose. Narzissmus beschreibt zunächst ein Persönlichkeitsmerkmal, das in unterschiedlicher Ausprägung vorkommt.

Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung

Zwischen alltäglichem Narzissmus und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung besteht ein wichtiger Unterschied. Während narzisstische Persönlichkeitszüge Teil normaler Persönlichkeitsunterschiede sein können, beschreibt die Persönlichkeitsstörung ein klinisches Krankheitsbild mit erheblichen Auswirkungen auf Beziehungen, Selbstwahrnehmung und soziale Interaktionen.

Maligner Narzissmus

In der psychologischen Literatur wird gelegentlich auch der Begriff maligner Narzissmus verwendet. Er geht insbesondere auf den Psychoanalytiker Otto Kernberg zurück und beschreibt eine besonders schwere Ausprägung narzisstischer Persönlichkeitszüge, die mit antisozialem Verhalten, Aggressivität und mangelnder Empathie verbunden sein kann. Das Konzept wurde später auch zur Analyse historischer und politischer Führungspersönlichkeiten herangezogen. Eine eigenständige psychiatrische Diagnose stellt der maligne Narzissmus jedoch nicht dar und seine wissenschaftliche Einordnung ist bis heute umstritten.

Aktuelle Debatten: Begriffe wie Narzisst oder maligner Narzissmus werden in Medien und politischen Diskussionen häufig verwendet, um das Verhalten prominenter Persönlichkeiten zu beschreiben. Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Zuschreibungen problematisch, da psychiatrische Diagnosen nur auf Grundlage einer fachlichen Untersuchung gestellt werden können.

Narzissmus und Kriminalität

Kriminologische Studien untersuchen, ob ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitszüge mit bestimmten Formen aggressiven oder normverletzenden Verhaltens zusammenhängen. Narzissmus allein erklärt kriminelles Verhalten jedoch nicht. Straftaten entstehen vielmehr durch das Zusammenwirken individueller, sozialer und situativer Faktoren.

Narzissmus bildet gemeinsam mit Psychopathie und Machiavellismus die sogenannte Dunkle Triade, ein Modell der Persönlichkeitspsychologie zur Beschreibung sozial unerwünschter Persönlichkeitsmerkmale.

Fazit

Narzissmus ist ein Persönlichkeitsmerkmal und keine psychische Erkrankung. Erst in ausgeprägter Form kann eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegen. In der Kriminologie gilt Narzissmus als möglicher Einflussfaktor auf normverletzendes Verhalten, erklärt Kriminalität jedoch nicht allein.

Theoriebezug

Bezug zu Persönlichkeit und sozialer Zuschreibung: Narzissmus wird häufig als Erklärung für problematisches oder abweichendes Verhalten herangezogen. Aus soziologischer Sicht stellt sich jedoch die Frage, wann Menschen überhaupt als „Narzisst“ bezeichnet werden und welche Folgen solche Zuschreibungen haben. Die Etikettierungstheorie von Thomas J. Scheff sowie Erving Goffmans Arbeiten zum Stigma verdeutlichen, dass psychologische Begriffe im Alltag häufig als soziale Etiketten verwendet werden. Gleichzeitig verweist die Forschung darauf, dass Persönlichkeitsmerkmale nur einen von vielen Einflussfaktoren auf abweichendes Verhalten und Kriminalität darstellen.

Verwandte Begriffe

Abweichendes Verhalten (Devianz) Antisoziale Persönlichkeitsstörung Psychische Störung Psychopath Psychopathie

Weiterführende Beiträge

menschenleerer Krankenhausflur als Sinnbild für Sheffs Werk "Being mentally ill"

Thomas Scheff – Being Mentally Ill: A Sociological Theory (1966)

Thomas J. Scheffs Werk Being Mentally Ill gilt als ein zentraler Beitrag zur Etikettierungstheorie und zur Soziologie psychischer Abweichung. Aufbauend auf den theoretischen Überlegungen von Howard S. Becker und Erving Goffman, entwickelt Scheff die These, dass “Geisteskrankheit” nicht (nur) medizinisch-biologisch…

Erving Goffman – Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (1963)

Goffmans Ansatz: Von der sichtbaren Abweichung zur sozialen Ausgrenzung Erving Goffman beschreibt in Stigma die Mechanismen, mit denen Gesellschaften Personen markieren, deren äußeres Erscheinungsbild, Verhalten oder Herkunft als normabweichend gilt. Das Stigma ist dabei keine Eigenschaft per se, sondern ein…

Verwandte Filme und Serien

Die folgenden Filme, Serien und Dokumentationen greifen zentrale Aspekte dieses Begriffs auf und veranschaulichen sie anhand konkreter Beispiele. Sie eignen sich als anschauliche Ergänzung zu den wissenschaftlichen Erläuterungen.
Visitenkarte von Patrick Bateman mit dezenten Blutflecken als Symbol für Statusdenken, Oberflächlichkeit und Gewalt in American Psycho (2000)

American Psycho (2000)

Spielfilm

Der erfolgreiche New Yorker Investmentbanker Patrick Bateman führt ein scheinbar perfektes Leben voller Luxus, Statussymbole und gesellschaftlicher Anerkennung. Hinter der makellosen Fassade entwickelt er jedoch zunehmend Gewaltfantasien und verliert immer stärker den Bezug zur Realität. Während Bateman durch die Welt der Wall-Street-Elite navigiert, verschwimmen die Grenzen zwischen tatsächlichen Verbrechen, Einbildung und psychischer Desintegration zunehmend.

Luxusyacht auf offenem Meer als Symbol für Reichtum, Exzess und die Welt der Finanzelite in The Wolf of Wall Street.

The Wolf of Wall Street (2013)

Spielfilm

Basierend auf den Memoiren des Börsenmaklers Jordan Belfort erzählt The Wolf of Wall Street den rasanten Aufstieg eines Finanzbetrügers, der durch aggressive Verkaufsmethoden, Marktmanipulation und Wertpapierbetrug ein Vermögen verdient. Während Belfort und seine Mitarbeiter in Luxus, Drogenexzessen und maßlosem Konsum schwelgen, geraten ihre Geschäfte zunehmend ins Visier der Strafverfolgungsbehörden. Der Film zeichnet das Bild einer Unternehmenskultur, in der Erfolg wichtiger erscheint als Recht und Moral.



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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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