Die KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Entstehung, Verbreitung und gesellschaftlichen Kontrolle von Kriminalität beschäftigt.
Kriminologie leitet sich ab von dem lateinischen Wort crimen (VerbrechenEin Verbrechen ist eine besonders schwerwiegende Form rechtswidrigen Handelns, die im Strafrecht mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr bedroht ist – zugleich ist es ein sozial und historisch wandelbares Konstrukt.) und dem griechischen Wort logos (Lehre). Die „Erfindung“ des Begriffs Kriminologie (hier: criminologia) wird dem italienischen Gelehrten Raffaele Garofalo zugeschrieben, der 1885 das Buch Criminologia: Studio sul Delitto, Sulle sue Cause e sui Mezzi di Repressione veröffentlichte.
Definition
Kriminologie bezeichnet die wissenschaftliche Untersuchung von Kriminalität als sozialem Phänomen. Sie beschäftigt sich mit den Ursachen von Straftaten, den gesellschaftlichen Reaktionen auf KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. sowie mit Prozessen der Kriminalisierung und sozialen Kontrolle. Kriminologisches Wissen wird sowohl theoretisch als auch empirisch – also durch wissenschaftliche Studien – erzeugt.
Das lateinische Wort crimen steht jedoch nicht nur für Verbrechen, sondern lässt sich auch mit Anklage oder Beschuldigung übersetzen (es leitet sich von cernere – auswählen, entscheiden – ab). Kriminologie beschäftigt sich demnach nicht nur mit Verhaltensweisen, die wir als Verbrechen auffassen, sondern auch mit der Frage, welche Handlungen wann und warum als verbrecherisch gelten. Diese zwei Perspektiven werden deutlicher, wenn wir uns den Gegenstand der Kriminologie näher anschauen.
Kriminologie fragt damit nicht nur, was als Verbrechen gilt, sondern auch, wie Kriminalität erklärt, gemessen, kontrolliert und gesellschaftlich bewertet wird.
Kriminologie ist eine interdisziplinäre Wissenschaft. Sie verbindet Erkenntnisse aus Soziologie, Psychologie, Rechtswissenschaft, Biologie, Politikwissenschaft und Sozialer Arbeit, um Kriminalität umfassend zu erklären.
Zentrale Themen der Kriminologie:
Die Kriminologie untersucht Kriminalität aus unterschiedlichen Perspektiven. Wichtige Themenfelder sind unter anderem:
- Kriminalitätstheorien – Erklärungsansätze für die Entstehung von Kriminalität.
- Kriminalstatistik und Dunkelfeldforschung – Wie Kriminalität empirisch gemessen wird.
- Kriminologie – Überblick über Themen und Teilbereiche
- Kriminalität – Grundbegriff der kriminologischen Forschung.
- Devianz – Abweichendes Verhalten als soziologisches Konzept.
Welche Aufgaben hat die Kriminologie?
Die Kriminologie untersucht Kriminalität nicht nur als Rechtsbruch, sondern als gesellschaftliches Phänomen. Ziel der Disziplin ist es, Ursachen von Straftaten zu verstehen, ihre Verbreitung zu analysieren und Möglichkeiten der PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. zu entwickeln.
Zu den zentralen Aufgaben der Kriminologie gehören insbesondere:
- die Erklärung der Ursachen von Kriminalität
- die Analyse von Täter- und Opferstrukturen
- die Untersuchung von Kriminalitätsstatistiken und Dunkelfeldstudien
- die Analyse gesellschaftlicher Reaktionen auf DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. und Kriminalität
- die Entwicklung von Strategien der Kriminalprävention
Was ist der Gegenstand der Kriminologie? – Der Verbrechensbegriff
Der Verbrechensbegriff aus juristischer Perspektive
Auf den ersten Blick erscheint die Frage, was ein Verbrechen ist, einfach zu beantworten: nämlich alle Handlungen, die gegen ein Strafgesetz verstoßen. In Deutschland ist dies in § 12 des StGB geregelt. Hier heißt es:
§ 12 Verbrechen und Vergehen
- Verbrechen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit FreiheitsstrafeDie Freiheitsstrafe ist eine strafrechtliche Sanktion, bei der eine verurteilte Person für eine bestimmte oder unbestimmte Zeit in einer Justizvollzugsanstalt inhaftiert wird. von einem Jahr oder darüber bedroht sind.
- Vergehen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit einer geringeren Freiheitsstrafe oder die mit Geldstrafe bedroht sind.
- Schärfungen oder Milderungen, die nach den Vorschriften des Allgemeinen Teils oder für besonders schwere oder minder schwere Fälle vorgesehen sind, bleiben für die Einteilung außer Betracht.
Schaut man sich jetzt einzelne Gesetzesnormen an, ist klar, dass beispielsweise Geldfälschung (Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr) ein Verbrechen ist, Zuhälterei (Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren) indes ein Vergehen usw.
Handlungen, die von keinem GesetzEin Gesetz ist eine allgemeinverbindliche, staatlich festgelegte Norm zur Regelung des sozialen Zusammenlebens. erfasst werden (z.B. das Füttern von Gremlins nach Mitternacht), können dem Rechtsgrundsatz nulla poena sine lege folgend, weder Verbrechen noch Vergehen darstellen.
Trotz seiner Eindeutigkeit ist dieser strafrechtliche Verbrechensbegriff aus kriminologischer Sicht ungenügend.
Der Verbrechensbegriff aus kriminologischer Perspektive
Die zunächst einleuchtende Definition von Verbrechen gemäß Strafgesetzbuch – auch als der formelle Verbrechensbegriff bezeichnet – muss jedoch weiter differenziert werden, wenn man sich den Gegenstand der Kriminologie – also das Verbrechen – vergegenwärtigt. Wir alle nutzen den Begriff und er erscheint uns zunächst einleuchtend, ohne dass wir weiter über die Bedeutung reflektieren. Forderte man jemanden auf zu definieren, was ein Verbrechen ist, so würde diese Person vermutlich zu dem Schluss kommen, dass ein Verbrechen eine Handlung ist, die gegen ein Strafgesetz verstößt. Dieser legalistische Zugang ist – obwohl er in vielen Kriminologiebüchern zu finden ist – jedoch unbrauchbar; bedeutet diese Definition doch, dass kein Verbrechen existieren kann, wenn es kein Strafgesetz gäbe. Bestimmte Handlungen erscheinen uns jedoch einen großen Unrechtsgehalt zu haben, dass wir auch ohne juristisches Hintergrundwissen diese Taten als böse, moralisch verwerflich oder ungerecht bewerten würden. Diese Frage verweist auf den sog. natürlichen Verbrechensbegriff, der sich an der Frage orientiert, ob es nicht Handlungen gibt, die zu allen Zeiten und in allen Kulturen als moralisch schlecht und verwerflich angesehen wurden. Bereits Raffaele Garofalo hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und gefragt, ob nicht delicta mala per se„Delicta mala per se“ bezeichnet Straftaten, die nach allgemeiner gesellschaftlicher Auffassung und unabhängig von gesetzlichen Regelungen als moralisch verwerflich und strafwürdig gelten. von delicta mere prohibita zu unterscheiden wären. Erstgenannter Kategorie gehören Handlungen an, die von sich aus schlecht (male, lateinisch: schlecht, schlimm, unsittlich) sind, während die delicta mere prohibita (prohibita, lateinisch: Verbotenes) Handlungen bezeichnen, die verboten sind und vom Sinngehalt deckungsgleich mit dem formellen Verbrechensbegriff sind. Doch auch diese Unterscheidung erweist sich bei näherer Überlegung als unbrauchbar. Selbst bei einem Tötungsdelikt erweist sich das moralische Urteil über die Tat und den Täter nicht immer und aus allen Perspektiven als eindeutig. So fällt beispielsweise das Urteil über einen sog. Ehrenmord je nach kulturellem Standpunkt sehr unterschiedlich aus. Aus der Perspektive der Täter und ihrer Familien handelt es sich hierbei um eine ehrbare Handlung, die es vermag, die beschmutzte Würde der FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. wieder herzustellen. In den Augen der meisten Mitglieder westlicher Gesellschaften gilt der Ehrenmord jedoch als eine niederträchtige Handlung. Trotz ihrer (scheinbaren) definitorischen Trennschärfe des formellen und des natürlichen Verbrechensbegriffs erweisen sich diese Definitionen als untauglich, wenn es darum geht, den Gegenstandbereich der Kriminologie festzulegen. Hier ist eine deutliche definitorische Erweiterung des Gegenstandsbereichs erforderlich, wie sie im sog. materiellen oder auch soziologischen Verbrechensbegriff Anwendung findet. Hiernach fallen alle Handlungen, die als sozialschädlich und abweichend angesehen werden.

Die nachstehende Tabelle stellt die Vorzüge und Nachteile der unterschiedlichen Verbrechensbegriffe noch einmal gegenüber.
| formelle Verbrechensbegriff | natürliche Verbrechensbegriff | materielle/ soziologische Verbrechensbegriff |
|
|---|---|---|---|
| Gegenstand | orientiert an Legaldefinition von Verbrechen/ Vergehen (in Deutschland: StGB) | orientiert an MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt. (delicta male per se) | orientiert an abweichendem Verhalten |
| Vorzüge | definitorische Trennschärfe | (vermeintliche) universelle Gültigkeit | weit gefasster Begriff, der kulturübergreifende und historische Vergleiche ermöglicht (Ent-/KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden.) |
| Kritik | zu eng gefasst, da nur aktuell unter StrafeStrafe ist eine soziale Reaktion auf normabweichendes Verhalten, bei der ein als negativ bewertetes Übel zugefügt wird – entweder informell durch soziale Gruppen oder formal durch staatliche Institutionen. gestellte Handlungen zum Gegenstand gemacht werden | universelle Gültigkeit von delicta male per se fragwürdig | fehlende definitorische Trennschärfe |
Verbrechen als Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungen
Wo aber verläuft die Grenze zwischen Handlungen, die verbrecherisch sind und solchen, die lediglich nicht wünschenswert sind? Welche Qualität müssen Handlungen haben, damit sie als Verbrechen, Vergehen oder als lediglich sozial unerwünscht gelten? Auf wessen Werturteil nehmen wir hierbei Rücksicht – das der Mehrheit der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind., das der schlausten, reichsten, lautesten Mitglieder einer Gemeinschaft?
Verbrechen hat keine ontologische Realität, also keine festgeschriebene und unveränderbare Wesensart. Anders als beispielsweise ein Tisch, der als physisch präsentes Objekt durch eine Tischplatte, vier Tischbeine und einen festgeschriebenen Zweck und Nutzen beschrieben werden kann, handelt es sich bei dem Verbrechensbegriff um eine Zuschreibung. Dem Tisch ist sein „tischartiges“ Wesen eigen – unabhängig davon, ob er als solcher bezeichnet oder genutzt wird. Ein Verbrechen hingegen wird erst durch die Bezeichnung, und dass sich Menschen entsprechend hierzu verhalten zu einem Verbrechenstatbestand. Bestimmte Handlungen werden als Verbrechen oder verbrecherisch bezeichnet. Dies ist jedoch keine Qualität der entsprechenden Handlungen per se und kein Urteil, dass sich a priori erschließen ließe. Welche Handlungen als Verbrechen bezeichnet werden, unterliegt einem historischen und einem kulturellen Wandel. Verbrechen sind demnach soziale Konstrukte. Dieser vielleicht zunächst abstrakt erscheinende Gedanke wird deutlich, wenn wir uns Beispiele anschauen:
-
Mugshot von Al Capone (1931) In den Jahren 1920 bis 1933 galt in den USA die Alkoholprohibtion. Die Herstellung, der Transport und der Verkauf von AlkoholEine psychoaktive Substanz, die als Genussmittel konsumiert wird und durch ihre berauschende Wirkung bekannt ist. Chemisch handelt es sich um Ethanol (C₂H₅OH). waren verboten. Wer die Prohibition umging, beging ein Verbrechen und wurde mit Strafe bedroht. Trotz der Verbote wollten viele Amerikaner nicht auf Alkohol verzichten und fanden sich in sog. Flüsterkneipen (Speakeasy) ein, die illegalerweise Alkohol ausschenkten oder brannten sich ihren Schnaps (Moonshine) selbst. Die Versorgung der trinkwilligen Amerikaner erwies sich als ein finanziell lukratives Beschäftigungsfeld für die Organisierte Kriminalität. Männer wie Meyer Lansky oder Al Capone wurden durch den Alkoholschmuggel reich und zu landesweit gesuchten Staatsfeinden.
Eine Alkoholprohibition ist aus heutiger Perspektive nur schwer vorstellbar. Der Alkoholkonsum ist in unserer Kultur weit verbreitet und ein Verbot ließe sich (genauso wie vor achtzig Jahren in den USA) kaum durchsetzen. Anhand des Beispiels wird jedoch deutlich, dass es nicht die intrinsische Qualität einer Handlung (Alkohol trinken) ist, die ein Verbrechen konstituiert, sondern die gesellschaftliche ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten. (Alkohol ist schlecht, ergo: ist Alkohol ab sofort verboten). - Andere Beispiele zeigen, dass auch in Deutschland ein kultureller Wandel stattgefunden hat, der sich u.a. in einem Wandel von Handlungen zeigt, die als Verbrechen aufgefasst wurden oder werden.
Der Paragraph 175 StGB, der von 1871 bis 1994 existierte, stellte homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Im Deutschen Kaiserreich, der Weimarer RepublikDie Weimarer Republik bezeichnet die erste demokratische Staatsform in Deutschland, die von 1918 bis 1933 bestand., während der Zeit des Nationalsozialismus und auch in der Bundesrepublik Deutschland wurden viele zehntausende Männer kriminalisiert, verfolgt, bestraft und (während der NS-Zeit) in Konzentrationslager verschleppt. Es ist offensichtlich, dass eine sexuelle Präferenz nicht per se ein Verbrechen darstellt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass gerade im Bereich der Sexualität Moralvorstellungen häufig Gegenstand gesellschaftlicher Kontroversen und eines kontinuierlichen Wandels sind (z.B. sog. Lustknaben – puer delicatus, aber auch in Hinblick auf ProstitutionErbringung sexueller Dienstleistungen gegen Entgelt., außereheliche Beziehungen, Polyamorie usf.).
Durkheim: Kriminalität als normale und nützliche Tatsache
Ein bedeutender Beitrag zur soziologischen Perspektive auf Kriminalität stammt von Émile Durkheim. In seinem Werk Die Regeln der soziologischen Methode (1895) argumentiert er, dass Kriminalität in jeder Gesellschaft ein normales und unvermeidbares Phänomen darstellt, da jede Gesellschaft ihre eigenen NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. und Regeln besitzt – und damit auch ihre spezifischen Formen von Abweichung.
„Das Verbrechen wird nicht nur bei der überwiegenden Majorität von Gesellschaften dieser oder jener Gattung, sondern bei allen Gesellschaften aller Typen angetroffen. Es gibt keine Gesellschaft, in der keine Kriminalität existierte.“ (Durkheim, 2016, S. 26)
Durkheim geht noch weiter und sieht in der Existenz von Kriminalität sogar einen Motor des gesellschaftlichen Wandels. In einer vielzitierten Passage schreibt er:
„Wie oft ist das Verbrechen wirklich bloß eine Antizipation der zukünftigen Moral, der erste Schritt zu dem, was sein wird.“
Durkheim verweist damit auf die Möglichkeit, dass bestimmte als „kriminell“ klassifizierte Handlungen – wie etwa ziviler Ungehorsam oder das Überschreiten moralischer Konventionen – langfristig zu einer Neuaushandlung gesellschaftlicher Normen führen können.
Beispiele:
- Die Verweigerung von Rosa Parks, ihren Sitzplatz in einem segregierten Bus aufzugeben, galt zum Zeitpunkt ihrer Handlung als Gesetzesverstoß. Rückblickend wird ihre Tat als mutiger Akt gegen Rassendiskriminierung gewürdigt.
- Homosexuelle Handlungen waren in Deutschland bis 1994 strafbar (§175 StGB). Heute gilt ihre strafrechtliche Verfolgung als Ausdruck gesellschaftlicher Intoleranz vergangener Zeiten.
Durkheims Perspektive zeigt: Was als Verbrechen gilt, ist nicht nur rechtlich, sondern auch sozial konstruiert – und Kriminalität kann einen produktiven Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten.
Diese Perspektive auf Verbrechen als Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses ist vor allem in der sog. Kritischen Kriminologie verbreitet. In Abgrenzung zu einer ätiologischen Perspektive, die in der Tradition des Lombrosian project (s.o.) steht, entwickelte sich in den 1950er- und 1960er-Jahren der Etikettierungs- oder Labelling-Ansatz. Hier wird Verbrechen nicht als Folge einer individuellen Pathologie angesehen, sondern der Fokus auf die Kriminalisierung abweichenden Verhaltens gelegt.
Definition II
Criminology is the body of knowledge regarding juvenile delinquency and crime as social phenomena. It includes within its scope the processes of making laws, of breaking laws, and of reacting towards the breaking of laws. These processes are three aspects of a somewhat unified sequence of interactions.
(Sutherland & Cressey, 1978, S. 3)

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Kriminologie als Lehre vom Verbrechen sich mit allen Verhaltensweisen beschäftigt, die als sozial abweichend angesehen werden. Dies schließt historische und kulturvergleichende Perspektiven auf die verschiedenen und sich verändernden normativen Standards mit ein (Kriminalisierung und Entkriminalisierung). Während Kriminalität durch formelle Normen, die kodifiziert – also in schriftlicher Form vorliegen – seitens des Staats bestimmt werden, existieren zahlreiche informelle Normen und Regeln, die mit Bezug auf unterschiedliche Gruppen und Akteure in unterschiedlichen Kontexten Anwendung finden.
Die kodifizierten Normen haben die größte Verbindlichkeit. Eine Nicht-Einhaltung dieser Regeln wird bei Entdeckung sanktioniert (Muss-Normen). Die sog. Kann- und Soll-Normen sind weniger verbindlich. Ihre Einhaltung ist erwünscht aber nicht verpflichtend und ein Verstoß kann durch soziales Verhalten sanktioniert werden (z.B. Schimpfen, Naserümpfen). Welche Normen zu welchen Zeiten und in welchen Kulturen als Muss-/ Soll- oder Kann-Norm angesehen wird, unterliegt einem steten Wandel (siehe z.B. den Umgang mit Ehebruch, HomosexualitätHomosexualität bezeichnet die sexuelle Orientierung, bei der Menschen romantische oder sexuelle Beziehungen zu Personen des gleichen Geschlechts empfinden oder eingehen., Umgang mit illegalisierten Drogen, Majestätsbeleidigung usw.).
Gibt es den typischen Verbrecher?
Unser Wissen über Kriminalität beruht im Wesentlichen auf zwei Quellen: zum einen auf offiziellen Kriminalitätsstatistiken und zum anderen auf Befragungen von Tätern und Opfern, die im Zuge der Dunkelfeldforschung untersucht werden.
Der internationale kriminologische Forschungsstand zum Thema Verbrechen wird vom australischen Kriminologen John Braithwaite in folgenden 13 Thesen zusammengefasst:
- Crime is committed disproportionately by males.
- Crime is perpetrated disproportionately by 15–25 year olds.
- Crime is committed disproportionately by unmarried people.
- Crime is committed disproportionately by people living in large cities.
- Crime is committed disproportionately by people who have experienced high residential mobility and who live in areas characterized by high residential mobility.
- Young people who are strongly attached to their school are less likely to engage in crime.
- Young people who have high educational and occupational aspirations are less likely to engage in crime.
- Young people who do poorly at school are more likely to engage in crime.
- Young people who are strongly attached to their parents are less likely to engage in crime.
- Young people who have friendships with criminals are more likely to engage in crime themselves.
- People who believe strongly in complying with the law are less likely to violate the law.
- For both men and women, being at the bottom of the class structure –whether measured by personal socioeconomic status, socioeconomic status of the area of residence, being unemployed or belonging to an oppressed racial minority – increases rates of offending for all types of crime apart from those for which opportunities are systematically less available to the poor.
- Crime rates have been increasing since the Second World War in most countries, developed and developing. The only case of a country which has been clearly shown to have had a falling crime rate in this period is Japan.
(Braithwaite, 1989, S. 44-49; hier zitiert nach: Walklate, 2007, S. 8)
Gründungsväter der Kriminologie
Die Kriminologie ist eine vergleichsweise junge Wissenschaft, deren genaue „Geburtsstunde“ sich nicht genau festmachen lässt. In kriminologischen Lehrbüchern werden jedoch stets eine Reihe von Gründungsvätern benannt, deren Arbeiten aus heutiger Perspektive als Grundsteine der DisziplinDisziplin bezeichnet ein System der Verhaltensregulierung durch Überwachung, Kontrolle und körperliche bzw. geistige Dressur. der Kriminologie angesehen werden können. Die wichtigsten Persönlichkeiten und ihre Arbeiten und Ideen werden im Folgenden skizziert.

Cesare Beccaria (1738 – 1794) war ein italienischer Rechtsphilosoph und Strafrechtsreformer. Geprägt durch das Zeitalter der Aufklärung tritt Beccaria in seinem Hauptwerk „Dei delitti e delle pene“ (deutsch: „Von den Verbrechen und von den Strafen“) für Rechtsgrundsätze wie die Verhältnismäßigkeit der Strafe, die Abschaffung der TodesstrafeDie Todesstrafe ist die staatlich angeordnete Tötung einer Person als Strafe für bestimmte Vergehen oder Verbrechen. und Beendigung von Folter ein. Beccarias Werk ließe sich heute der kriminologischen Teildisziplin der Poenologie zuordnen. Seine Ideen prägten die europäische Rechtsgeschichte nachhaltig. Beccaria gilt als Vertreter der sog. Klassischen Schule der Kriminologie. Kennzeichnend für diese Denkrichtung ist der UtilitarismusEine ethische Theorie, die das moralische Handeln danach bewertet, ob es das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl der Menschen hervorbringt. als zweckorientierte Ethik. Hiernach ist ein Handeln zu befürworten, wenn der Nutzen für eine Gesamtheit überwiegt.

Der Brite Jeremy Bentham, ein weiterer Vertreter der klassischen Schule der Kriminologie, beschrieb das Gute als „das größte Glück der größten Zahl“. Das Individuum sei auf die Maximierung seines persönlichen Nutzens aus. Daher würde der Mensch stets versuchen, seinen persönlichen Nutzen zu steigern und Leid zu vermeiden. Bentham trat für eine am Utilitarismus ausgerichtete KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten. ein, für die der abschreckende Charakter einer hohen Strafandrohung als auch der Sanktionierung an sich charakteristisch ist. Zugleich lehnte Bentham die Todesstrafe als inhuman ab. Bentham trat zudem für eine Reform des Strafvollzugs ein. Von ihm stammt der Entwurf des Panoptikums, als eine die ÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure. perfektionierende Strafanstalt.
Erst ein gutes halbes Jahrhundert nach Beccaria prägte der italienische Jurist und Rechtsgelehrte Raffaele Garofalo durch die Veröffentlichung seines Buches „Criminologia: Studio sul Delitto, Sulle sue Cause e sui Mezzi di Repressione“ (1885) den Begriff Kriminologie. Garofalo war Schüler des italienischen Gerichtsmediziners und Psychiaters Cesare Lombroso (1835 – 1909).

Lombrosos Verdienst für die Kriminologie liegt in der Begründung der sog. Positiven Schule der Kriminologie, die für eine empirisch fundierte Kriminologie eintrat. Lombroso untersuchte mit den ihm zur Verfügung stehenden medizinischen/ naturwissenschaftlichen Methoden systematisch verurteilte Verbrecher, zu denen er als Gefängnisarzt Zugang hatte. In seinem 1876 veröffentlichten Hauptwerk L’Uomo delinquente (Der Verbrecher) vertrat er die Meinung, dass Verbrecher psychische und mentale Anomalien aufwiesen, die sich auch in bestimmten Körpermerkmalen zeigten und zudem vererbbar seien. Aufgrund dieser biologischen Disposition seien Verbrecher von den ehrbaren Bürgern zu unterscheiden. Seine Untersuchungsergebnisse sind heute als die anthropologische (anthropogenetische) Kriminalitätstheorie bekannt und seine bereits zu Lebzeiten kontrovers diskutierte (heutzutage verworfene) Annahme vom „geborenen Verbrecher“ ist Gegenstand jedes Kriminologie-Lehrbuches.
Bereits zu Lombrosos Lebzeiten, war der von ihm postulierte biologische DeterminismusDeterminismus bezeichnet die Annahme, dass menschliches Verhalten vollständig durch vorhergehende Ursachen festgelegt ist und nicht frei gewählt wird. umstritten. Insbesondere französische Wissenschaftler aus dem Umfeld des Arztes und Kriminologen Alexandre Lacassagne vertraten die These, dass es soziale Umweltfaktoren seien, die für Kriminalität verantwortlich zu machen seien. Lacassagne prägte u.a. den Ausspruch „Jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient.“. Die Kriminologie war geprägt durch den Streit der sog. Italienischen Schule mit der sog. Französischen Schule. Während die Erstgenannten Kriminalität alleine auf individuelle Faktoren und eine biologische Prädeterminierung zurückführten, glaubten die Vertreter der französischen Schule, dass erst das soziale Umfeld einen physiologischen Einfluss auf das Gehirn ausüben würde.

Der in Österreich geborene und in Deutschland lehrende Jurist Franz von Liszt schlichtete schließlich durch die sog. Vereinigungsthese Frieden in diesem Streit. Von Liszt plädierte für eine Anlage-Umwelt-Formel, nach der Verbrechen das Resultat einerseits der Eigenart des Täters und andererseits der ihn zur Tatzeit umgebenden äußeren Einflüsse darstellt.
Zeitleiste zur Geschichte der Kriminologie
Kriminologie im Kontext der Kriminalwissenschaften
Die Kriminologie zählt neben Kriminalistik zu den nicht-juristischen Kriminalwissenschaften. Damit lassen sich Kriminologie und KriminalistikWissenschaft der Aufklärung und Verhinderung von Straftaten mittels technischer, naturwissenschaftlicher und psychologischer Methoden. von den juristischen Kriminalwissenschaften (z. B. Strafrecht und anderen Rechtsgebieten) abgrenzen.
| Kriminalwissenschaften | |
|---|---|
| juristische Kriminalwissenschaften z.B. | nicht-juristische Kriminalwissenschaften |
| StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind. | Kriminalistik |
| Strafverfahrensrecht | Kriminologie |
Kriminologie untersucht Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen. Kriminalistik dient vor allem der Aufklärung konkreter Straftaten, während das Strafrecht festlegt, welche Handlungen verboten sind und wie sie sanktioniert werden. Die Kriminologie fragt dagegen nach Ursachen, Verläufen, gesellschaftlichen Reaktionen und Prozessen der Kriminalisierung.
Teildisziplinen der Kriminologie – Überblick
Die Kriminologie unterteilt sich in verschiedene Teildisziplinen, wobei die Unterscheidung hier nicht immer trennscharf ist und sich Schnittmengen zwischen einzelnen Teildisziplinen ergeben.
| Teildisziplinen der Kriminologie | |
|---|---|
| (Kriminal-) Phänomenologie | Lehre von den Erscheinungsformen des Verbrechens |
| (Kriminal-) ÄtiologieÄtiologie bezeichnet in der Kriminologie die Lehre von den Ursachen kriminellen Verhaltens. | Lehre von den Ursachen des Verbrechens (siehe hier) |
| KriminalstatistikSammlung und Auswertung von Daten über polizeilich registrierte Straftaten und Tatverdächtige. | Lehre von den Verbreitung/ statistischen Erfassung (siehe hier) |
| Viktimologie | Lehre vom Opfer und der Wirkung seines Verhaltens (siehe hier) |
| Kriminalpsychologie | Psychologie des Täters |
| Kriminalpsychiatrie | Forensische Psychiatrie – Behandlung des Täters |
| InstanzenforschungEin Forschungsansatz in der Kriminologie, der die verschiedenen Instanzen der sozialen Kontrolle untersucht, wie Polizei, Justiz, Bewährungshilfe und Strafvollzug. | Aufbau, Wirkung und Arbeit von Institutionen der Verbrechensbekämpfung (siehe hier) |
| Poenologie | Lehre von den Strafen, deren Art und Wirkung |
| Kriminalgeographie | Lehre von den Einflussfaktoren der Geographie auf Kriminalität |
Die einzelnen Teildisziplinen der Kriminologie untersuchen Kriminalität aus unterschiedlichen Perspektiven. Während sich einige Bereiche mit den Ursachen und Erscheinungsformen von Kriminalität beschäftigen, analysieren andere die gesellschaftlichen Reaktionen auf Straftaten oder die Arbeit von Institutionen der Verbrechensbekämpfung. In der Forschung überschneiden sich diese Teilbereiche häufig und werden in interdisziplinären Studien miteinander verbunden.
Viele dieser Teilbereiche greifen auf unterschiedliche theoretische Ansätze zurück, wie sie in den Kriminalitätstheorien diskutiert werden.
Warum ist Kriminologie relevant?
Kriminologie ist nicht nur für die wissenschaftliche Analyse von Kriminalität bedeutsam, sondern auch für Politik, PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Justiz, Soziale Arbeit und Prävention. Sie hilft zu verstehen, warum Kriminalität entsteht, welche sozialen Bedingungen sie begünstigen und wie Gesellschaften auf abweichendes Verhalten reagieren.
Kriminologisches Wissen ist besonders relevant für Berufsfelder, die mit Kriminalität, Devianz, Prävention und sozialer Kontrolle befasst sind – etwa Polizei, Justiz, StrafvollzugRechtlich geregelte Inhaftierung und Resozialisierung von Straftätern zur Strafvollstreckung und Vorbereitung auf ein straffreies Leben in Freiheit., Soziale Arbeit, Jugendhilfe oder Wissenschaft. Es hilft dabei, Kriminalität nicht nur als Rechtsbruch, sondern als gesellschaftliches Phänomen zu verstehen.
Was machen Kriminologinnen und Kriminologen?
Kriminologinnen und Kriminologen beschäftigen sich wissenschaftlich mit Kriminalität, abweichendem Verhalten und gesellschaftlichen Reaktionen auf Normverstöße. Sie analysieren Daten, führen empirische Studien durch und entwickeln theoretische Erklärungen für kriminelles Verhalten.
Kriminologische Forschung findet unter anderem in Universitäten, Forschungsinstituten, Ministerien oder internationalen Organisationen statt. Ergebnisse kriminologischer Studien können Einfluss auf Kriminalpolitik, Präventionsprogramme oder Reformen des Strafrechts haben.
Wo kann man Kriminologie studieren?
Ein eigenständiges Studium der Kriminologie ist in Deutschland vergleichsweise selten. Anders als im angloamerikanischen Raum existieren kaum eigenständige kriminologische Studiengänge, insbesondere auf Bachelor-Niveau. Ein Bachelorstudium der Kriminologie wird derzeit in Deutschland nicht angeboten. Voraussetzung für ein weiterführendes kriminologisches Studium ist daher in der Regel ein Abschluss in einer verwandten Disziplin, etwa in Rechtswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Pädagogik oder Sozialer Arbeit.
Kriminologische Inhalte werden in Deutschland häufig innerhalb anderer Studiengänge vermittelt – etwa im Rahmen juristischer Schwerpunktbereiche, sozialwissenschaftlicher Studiengänge oder spezialisierter Masterprogramme. Zu den wenigen eigenständigen kriminologischen Studienangeboten zählen insbesondere weiterbildende Masterstudiengänge:
- Universität Hamburg – Weiterbildender Masterstudiengang Kriminologie
Berufsbegleitendes Programm mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung, das in der Tradition der kritischen Kriminologie steht. - Ruhr-Universität Bochum – Master Kriminologie, Kriminalistik und Polizeiwissenschaft
Berufsbegleitender Studiengang mit starkem Praxisbezug zur Polizei; viele Studierende sind im Polizeidienst tätig. - Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin – Master Kriminologie und Kriminalprävention
Berufsbegleitender Studiengang mit Fokus auf Prävention, SicherheitsforschungInterdisziplinäres Forschungsfeld, das sich mit der Analyse und Prävention von Sicherheitsrisiken im öffentlichen und privaten Raum beschäftigt. und angewandte Kriminalpolitik. - Universität Regensburg – Master Kriminologie und Gewaltforschung
Forschungsorientierter Studiengang mit Schwerpunkt auf Gewaltphänomenen und kriminologischer Analyse.
Die institutionelle Verankerung der Kriminologie unterscheidet sich damit deutlich von der Situation im angloamerikanischen Raum, wo Kriminologie häufig als eigenständiges Studienfach etabliert ist. In Deutschland ist die Disziplin historisch eng mit der Rechtswissenschaft verbunden. Viele Kriminologinnen und Kriminologen haben daher eine juristische Ausbildung, während sozialwissenschaftliche Perspektiven häufig innerhalb der Soziologie oder benachbarter Disziplinen entwickelt wurden.
Häufige Fragen zur Kriminologie
Was ist Kriminologie?
Kriminologie ist die wissenschaftliche Untersuchung von Kriminalität als sozialem Phänomen. Sie analysiert die Ursachen von Straftaten, ihre Verbreitung in der Gesellschaft sowie die gesellschaftlichen Reaktionen auf abweichendes Verhalten. Dazu gehören auch Prozesse der Kriminalisierung, Strafverfolgung und sozialen Kontrolle.
Was macht ein Kriminologe?
Kriminologinnen und Kriminologen untersuchen Kriminalität wissenschaftlich. Sie analysieren deren Ursachen, Verbreitung und gesellschaftliche KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird., werten Daten aus, führen Studien durch und beschäftigen sich mit Fragen der Prävention, Kriminalisierung und sozialen Reaktion auf Normverstöße. Berufsfelder finden sich unter anderem in Forschung, Lehre, Prävention, Justiz, Sozialer Arbeit sowie in sicherheitsbezogenen Praxisfeldern.
Was untersucht die Kriminologie?
Die Kriminologie untersucht unter anderem die Entstehung von Kriminalität, die sozialen Bedingungen von Straftaten, Täter- und Opferstrukturen, Kriminalitätsstatistiken sowie gesellschaftliche Reaktionen auf Kriminalität. Sie analysiert außerdem, wie Normen entstehen und welche Handlungen in einer Gesellschaft als kriminell gelten.
Was ist der Unterschied zwischen Kriminologie und Kriminalistik?
Die Kriminologie beschäftigt sich mit den Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftlichen Bedeutungen von Kriminalität. Die Kriminalistik hingegen dient der praktischen Aufklärung konkreter Straftaten, etwa durch Spurensicherung, Ermittlungsarbeit und kriminaltechnische Methoden.
Welche Methoden verwendet die Kriminologie?
Kriminologische Forschung nutzt sowohl quantitative als auch qualitative Methoden. Dazu gehören die Analyse von Kriminalitätsstatistiken, Befragungen von Tätern und Opfern, Studien der Dunkelfeldforschung, ethnografische Untersuchungen sowie experimentelle und vergleichende Studien.
Ist Kriminalität ein gesellschaftliches Phänomen?
Aus soziologischer Perspektive wird Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen verstanden. Welche Handlungen als kriminell gelten, hängt von sozialen Normen, kulturellen Wertvorstellungen und rechtlichen Regelungen ab. Kriminalität verändert sich daher im historischen und kulturellen Kontext.
Welche Theorien erklären Kriminalität?
Die Kriminologie kennt eine Vielzahl von Theorien zur Erklärung von Kriminalität. Dazu gehören unter anderem biologische, psychologische und soziologische Ansätze. Besonders einflussreich sind soziale Lerntheorien, Anomietheorien, KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. sowie Ansätze der kritischen Kriminologie.
Kann man Kriminologie studieren?
Ein eigenständiges Studium der Kriminologie ist in Deutschland nur in begrenztem Umfang möglich. Ein Bachelorstudiengang Kriminologie existiert derzeit nicht; kriminologische Inhalte werden meist in Fächern wie Rechtswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Pädagogik oder Sozialer Arbeit vermittelt. Eigenständige Studienangebote finden sich vor allem auf Master-Niveau, etwa in weiterbildenden oder spezialisierten Programmen mit kriminologischem Schwerpunkt.
Quellen und allgemeine einführende Literatur
- Braithwaite, J. (1989). Crime, shame and reintegration. New York: Cambridge University Press.
- Bruinsma, G. & Weisburd, D. (2014) Encyclopedia of Criminology and Criminal Justice. New York u.a.: Springer.
- Émile Durkheim (2016) Kriminalität als normales Phänomen. In: D. Klimke & A. Legnaro (Hrsg.) Kriminologische Grundlagentexte. S. 25-31.
- Garland, D. (2002) Of crime and criminals : The development of criminology in Britain . In: Maguire, M.; Morgan, R. & Reiner, R. (Hrsg.) The Oxford Handbook of Criminology (3. Aufl.). Oxford: Clarendon Press.
- Hayward, K., Maruna, S., & Money, J. (Hrsg.). (2010). Fifty Key Thinkers in Criminology. New York: Routledge.
- Kaiser, G. (1997) Kriminologie (10. Aufl.). Heidelberg: C.F. Müller.
- Kaiser / Kerner / Sack / Schellhoss (Hrsg.) (1993) Kleines kriminologisches Wörterbuch (3. Aufl.). Heidelberg: C.F. Müller.
- Klimke, D. & Legnaro, A. (Hrsg.) (2016) Kriminologische Grundlagentexte. Wiesbaden: Springer VS.
- Kunz, K.-L. (2011). Kriminologie: Eine Grundlegung (6. Auflage). Stuttgart: UTB.
- Neubacher, F. (2017) Kriminologie (3. Aufl.). Baden-Baden: Nomos.
- Newburn, T. (2017) Criminology (3. Aufl.). London, New York: Routledge.
- Pientka, M. (2014) Kriminalwissenschaften II. München: C. H. Beck.
- Sutherland, E. H. & Cressey, D. R. (1978). Criminology (10 Aufl.). Philadelphia, New York, San Jose, Toronto: J.B. Lippincott Company.
- Walklate, S. (2007). Understanding criminology. Current theoretical debates. (3. Aufl.). New York: Open University Press.
Weiterführende Informationen
Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle des LKA NRW
Podcasts
5 Minuten Kriminologie – Folge 2: Kriminologie als Wissenschaft
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Krimschnack – Episode 1: Was ist Kriminologie?
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