Soziologie ist die Wissenschaft von der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.. Sie untersucht, wie Menschen zusammenleben, wie soziale Beziehungen entstehen und welche sozialen Strukturen, Normen und Institutionen dieses Zusammenleben prägen.
Im Zentrum der Soziologie stehen Fragen wie:
- Wie entsteht soziale Ordnung?
- Warum handeln Menschen unterschiedlich?
- Wie entstehen soziale Ungleichheiten?
- Wie verändern sich Gesellschaften?

Der Begriff „Soziologie“ leitet sich vom lateinischen socius (Gefährte) und dem griechischen logos (Lehre) ab. Wörtlich bedeutet Soziologie somit „Lehre vom Zusammenleben“.
Als wissenschaftliche DisziplinDisziplin bezeichnet ein System der Verhaltensregulierung durch Überwachung, Kontrolle und körperliche bzw. geistige Dressur. untersucht die Soziologie das soziale Verhalten von Menschen in seinen vielfältigen Formen – sowohl theoretisch als auch empirisch. Als rational-empirische Wissenschaft grenzt sie sich vom Alltagswissen ab und arbeitet systematisch mit Methoden der empirischen Sozialforschung.
Als rational-empirische Wissenschaft grenzt sich die Soziologie vom Alltagswissen ab. Sie arbeitet systematisch mit Methoden der empirischen Sozialforschung, um soziale Wirklichkeit zu analysieren, zu deuten und zu erklären.
Eine kurze Geschichte der Soziologie
Der Begriff „Soziologie“ wurde im 19. Jahrhundert von dem französischen Denker Auguste Comte geprägt. Comte gilt als früher Vertreter des Positivismus. Er war überzeugt, dass sich auch soziale Phänomene mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen lassen – ähnlich wie Naturphänomene in der Physik oder Biologie. Comte sprach daher zunächst von einer „sozialen Physik“, bevor sich der Begriff „Soziologie“ durchsetzte. In dieser neuen Wissenschaft sah er ein Instrument, um gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen und den sozialen Fortschritt rational zu gestalten.
Die Soziologie ist damit eine vergleichsweise junge Wissenschaft. Ihre Entstehung im 19. Jahrhundert steht in engem Zusammenhang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen in Europa. Traditionelle politische und religiöse Ordnungen, die über viele Jahrhunderte relativ stabil erschienen waren, gerieten ins Wanken. Ereignisse wie die Aufklärung und die Französische Revolution stellten die Legitimität absolutistischer HerrschaftHerrschaft ist die institutionalisierte Form der Machtausübung über Menschen oder Gruppen. ebenso in Frage wie die gesellschaftliche Vorrangstellung der Kirche. Gleichzeitig gewannen wissenschaftliches Denken, individuelle Freiheitsrechte und demokratische Ideen zunehmend an Bedeutung.
Mit diesen Entwicklungen veränderten sich auch die Lebensbedingungen der Menschen grundlegend. In vormodernen Gesellschaften waren zentrale Aspekte des Lebens – etwa Beruf, sozialer StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist., Wohnort oder Heiratspartner – häufig durch Herkunft, Stand und Tradition vorgegeben. Individuelle Lebenswege waren vergleichsweise stark vorstrukturiert. In der entstehenden modernen Gesellschaft lockerten sich diese Bindungen zunehmend. Neue Freiheiten eröffneten neue Möglichkeiten – gingen jedoch zugleich mit neuen Unsicherheiten einher.
Verstärkt wurde dieser Wandel durch die Industrialisierung. Neue Produktionsformen, Industrien und Berufsfelder entstanden vor allem in den wachsenden Städten. Traditionelle Lebensweisen lösten sich auf, soziale Mobilität nahm zu, und viele Menschen mussten ihren Platz in einer sich rasch verändernden Gesellschaft neu finden.
Vor diesem Hintergrund stellten sich die frühen Soziologen eine grundlegende Frage: Wie ist gesellschaftlicher Zusammenhalt unter den Bedingungen moderner, zunehmend komplexer Gesellschaften möglich? Die Soziologie entstand somit als wissenschaftlicher Versuch, die neuen sozialen Strukturen, Konflikte und Dynamiken der modernen Gesellschaft zu verstehen.
Neben Comte gelten insbesondere Émile Durkheim, Max Weber und Karl Marx als zentrale Begründer der modernen Soziologie. Ihre Arbeiten prägten grundlegende Fragen nach sozialer Ordnung, MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen., Wirtschaft und gesellschaftlichem Wandel, die bis heute das Fach bestimmen.
Drei große Umbrüche der modernen Gesellschaft
- Französische Revolution (1789): Legitimität absolutistischer Herrschaft gerät unter Druck; Bürgerrechte, politische Teilhabe und Gleichheitsideen gewinnen an Bedeutung.
- Industrialisierung: Fabrikarbeit, neue Klassenlagen und beschleunigte soziale Mobilität verändern Arbeit, FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. und Lebensverläufe.
- UrbanisierungUrbanisierung bezeichnet den Prozess der Verstädterung sowie die Ausbreitung urbaner Lebensformen.: Massenhafte Zuwanderung in Städte erzeugt neue Formen des Zusammenlebens – und neue Konflikte (Armut, Wohnungsnot, SegregationDie räumliche, soziale oder wirtschaftliche Trennung von Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Gesellschaft.).
Kernproblem: Wenn alte Bindungen schwächer werden, stellt sich umso dringlicher die Frage, wodurch sozialer Zusammenhalt entsteht.
Die Grundfrage der Soziologie
Leitfrage: Wie ist soziale Ordnung möglich?
Diese Frage beschreibt ein Grundproblem moderner Gesellschaften: Wenn Tradition, ReligionSystem von Glaubensvorstellungen, Symbolen und Praktiken, das auf das Transzendente verweist und individuelle wie kollektive Sinngebung ermöglicht. und Stand an Bindekraft verlieren, muss sozialer Zusammenhalt anders erklärt werden – etwa über Normen, Institutionen, Arbeitsteilung oder gemeinsame Werte.
Um diese grundlegende Frage zu beantworten, entwickelten Soziologen unterschiedliche theoretische Perspektiven. Ein zentraler Ausgangspunkt vieler soziologischer Analysen ist dabei der Begriff des sozialen Handelns, der insbesondere durch Max Weber geprägt wurde.
Soziales Handeln und Verstehende Soziologie

Für das soziologische Verständnis ist der Begriff des sozialen Handelns zentral. Der deutsche Soziologe Max Weber definierte Soziologie als:
„[…] eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven SinnBedeutung, Orientierung oder Zweck, den Menschen Handlungen, Erfahrungen oder der Welt zuschreiben. verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“
Max Weber (1920): Wirtschaft und Gesellschaft
Soziales HandelnSoziales Handeln bezeichnet jede menschliche Handlung, die auf das Verhalten anderer Menschen bezogen ist und daran orientiert wird. Der Begriff geht auf Max Weber zurück, der soziales Handeln als Grundlage für seine soziologische Analyse definierte. ist also immer auf andere bezogen. „Sozial“ bedeutet dabei nicht unbedingt „wohlwollend“ – auch das Handeln eines Folterknechts kann in diesem Sinne sozial sein. Entscheidend ist die Sinnbeziehung zum Gegenüber.
Diese Perspektive bildet den Kern der Verstehenden Soziologie, wie sie von Weber und Georg Simmel vertreten wurde:
„Das Grundaxiom jeder Verstehenden Soziologie ist, dass die handelnden Personen einen Sinn hinter ihrem Handeln sehen, dass dieser Sinn ihr Handeln bestimmt, oder zumindest mitbestimmt, und dass dieser Sinn daher auch in eine Erklärung von sozialen Phänomenen mit einzubeziehen ist.“
(Bühl 1972: 15)
Zentrale Fragestellungen der Soziologie
Eine zentrale Frage der Soziologie lautet: Unter welchen Bedingungen ist ein soziales Miteinander möglich? Wie und warum schließen sich Menschen zu sozialen Einheiten wie Familien, Peergroups, Organisationen oder Staaten zusammen? Wie beeinflussen sich Individuum und Gesellschaft wechselseitig?
Eng damit verbunden ist eine zweite Leitfrage: Wie verändert sich Gesellschaft? Soziologie untersucht, wie sozialer Wandel entsteht – etwa durch Modernisierung, MigrationMigration bezeichnet die dauerhafte oder zeitweise räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunkts von Personen oder Gruppen., technische Innovationen, politische Konflikte oder veränderte Werte.
Als kritische Wissenschaft analysiert die Soziologie zudem soziale Ungleichheiten, Machtverhältnisse und Prozesse sozialer Ausgrenzung – etwa bei Exklusion. Unterschiede in Alter, Geschlecht, Bildung, Herkunft oder sozialem Status sind dabei zentrale Analysefelder.
Gesellschaftliche Funktionen der Soziologie
Aus diesen Grundfragen ergeben sich verschiedene gesellschaftliche Aufgaben und Funktionen der Soziologie. Sie reichen von der kritischen Analyse gesellschaftlicher Zustände bis zur Entwicklung praktischer Handlungsempfehlungen:
- Gesellschaftsanalyse: Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge und Hintergründe.
- Informationsfunktion: Vermittlung von Orientierungswissen über soziale Wirklichkeiten.
- Krisenbewältigung: Beitrag zur Lösung sozialer Probleme (z. B. Armut, DiskriminierungDiskriminierung beschreibt die Benachteiligung oder Herabsetzung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sozialem Status.).
- Administrative Unterstützung: Entscheidungsgrundlage für Politik, Verwaltung und Praxis.
- Gesellschaftsveränderung: Anregung für gerechtere und lebenswertere soziale Verhältnisse.
- Sozialtechnologie: Optimierung des Zusammenspiels gesellschaftlicher Institutionen.
- Sozialphilosophie: Reflexion über alternative Gesellschaftsentwürfe.
(nach Renate Mayntz, Hrsg.: Soziologie im Studium. Stuttgart 1970, S. 102)
Makro, Mikro oder Meso – soziologische Bezugsgrößen
Soziologische Fragestellungen unterscheiden sich nach ihrer Bezugsgröße:
- MakrosoziologieTeilbereich der Soziologie, der sich mit großräumigen gesellschaftlichen Strukturen und deren Veränderungen beschäftigt.: untersucht ganze Gesellschaften oder Teilsysteme (z. B. soziale Ungleichheit, Migration).
- MikrosoziologieUntersuchung sozialer Interaktionen und kleiner sozialer Einheiten wie Familien, Gruppen oder Organisationen.: betrachtet das Handeln einzelner Individuen oder kleiner Gruppen (z. B. Familien, Peergroups).
- Mesosoziologie: analysiert intermediäre Strukturen zwischen Mikro- und Makroebene (z. B. Organisationen, Milieus, Gemeinden).
In der Regel stehen diese Ebenen in Wechselwirkung zueinander: Individuelles Handeln beeinflusst soziale Strukturen – und umgekehrt.
Diese unterschiedlichen Analyseebenen bilden die Grundlage für zahlreiche Teilbereiche der Soziologie, die sich jeweils auf bestimmte gesellschaftliche Phänomene oder Lebensbereiche konzentrieren.
Allgemeine vs. Spezielle Soziologie
Die Soziologie gliedert sich in eine Allgemeine Soziologie, die sich mit grundlegenden Begriffen, Theorien und Methoden beschäftigt, und zahlreiche Spezielle Soziologien (auch: Bindestrich-Soziologien), die bestimmte Lebensbereiche oder gesellschaftliche Teilphänomene fokussieren.
Soziologischer Blick auf das Alltägliche: Drei Beispiele
Beispiel 1: Techniksoziologie – Das Tandem

Ein Tandem aus dem Jahr 1904 zeigt nicht nur technische Arbeitsteilung („nur gemeinsam kommt man voran“), sondern auch Vorstellungen von GeschlechterrollenGesellschaftlich geprägte Erwartungen an Verhalten, Eigenschaften und Aufgaben von Männern und Frauen.: Der Mann lenkt, sitzt vorne und bietet Schutz – die Frau sitzt hinten. Technik ist also nie neutral, sondern kulturell codiert.
Beispiel 2: Soziologie des Essens
Essen ist eine biologische Notwendigkeit, die alle Menschen miteinander verbindet – unabhängig von Alter, Herkunft oder Gesellschaftsform. Ohne Nahrungsaufnahme ist Leben nicht möglich. Doch Essen ist weit mehr als reine Nährstoffaufnahme: Es ist von Beginn an ein sozialer Akt, durch den sich zentrale Dimensionen des Sozialen ausdrücken.
Die erste soziale Handlung eines Menschen ist das Gestillt-Werden. Der Säugling schreit – die Mutter reagiert, stillt ihn. Schon hier entsteht eine sinnhaft aufeinander bezogene InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten., die sich als reziprokes soziales Handeln im Sinne der Verstehenden Soziologie (vgl. Weber, Mauri) interpretieren lässt. Essen ist also von Beginn an Beziehungsarbeit – eingebettet in KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren., Fürsorge und wechselseitige Abhängigkeit.
Mit zunehmender gesellschaftlicher Komplexität wird das Essen weiter sozial codiert: Wer kocht? Wer isst mit wem? Wer sitzt wo am Tisch? Wer darf zuerst zugreifen? Diese Fragen verweisen auf soziale Hierarchien, Machtverhältnisse und kulturelle Normen. In vielen Kulturen ist die Tischordnung Ausdruck von Statusunterschieden: Das Familienoberhaupt sitzt am Kopfende, Kinder warten, bis Erwachsene beginnen, Gäste erhalten besondere Speisen.
Auch Distinktion im Sinne Pierre Bourdieus lässt sich am Essen ablesen: Geschmack ist nicht nur individuell, sondern klassenspezifisch geprägt. Was als „gutes“ oder „schlechtes“ Essen gilt, unterscheidet soziale Gruppen – etwa über Herkunft der Lebensmittel, Zubereitungstechniken oder Tischmanieren. Wer etwa teuren Bio-Kaffee in der French Press zubereitet und an einem Massivholztisch trinkt, grenzt sich von Fast-Food-Konsumierenden ebenso ab wie von traditionellen Filterkaffeetrinkern – ein subtiler Akt sozialer Positionierung.
Schließlich verdeutlichen kulturelle Unterschiede beim Essen den Einfluss von Religion, Geschichte, Ressourcenverfügbarkeit und sozialen Rollen. So zeigen Zubereitung und Konsum von Kaffee in Ländern wie Mexiko, Äthiopien, Schweden, Vietnam oder der Türkei – trotz identischem Ausgangsprodukt – stark variierende Rituale, Utensilien und Bedeutungszuschreibungen. Das nachstehende Video illustriert dies anschaulich:
Essbesteck und Etikette: Stil oder Status?
Auch der Umgang mit Essbesteck ist kulturell geprägt und signalisiert soziale Zugehörigkeit, Erziehung und Status. Die Regeln variieren international – und sind historisch gewachsen.
- In Großbritannien wird die Gabel in der linken und das Messer in der rechten Hand gehalten – auch nach dem Schneiden. Die Gabel bleibt „rückwärts“ gedreht, d. h. die Wölbung zeigt nach unten. Es gilt als unfein, sich das Essen mit der Gabel „in den Mund zu schaufeln“. Stattdessen balanciert man die Speisen kunstvoll auf dem Gabelrücken.
- In den USA hingegen ist die sog. „Continental style“ (europäisch) nur selten verbreitet. Typisch ist der „American style“, bei dem nach dem Schneiden das Messer abgelegt und die Gabel von der linken in die rechte Hand genommen wird. Die Gabel bleibt aufgerichtet. Diese Form des Essens betont Individualismus und Praktikabilität, steht aber aus europäischer Sicht manchmal in Verdacht, weniger kultiviert zu wirken.
Solche Unterschiede zeigen, dass selbst kleine Gesten wie das Halten einer Gabel Ausdruck sozialer NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten., kultureller Identitäten und zivilisatorischer Vorstellungen sind – ein Gedanke, der sich etwa auch in der Zivilisationstheorie von Norbert Elias findet. Er zeigt, wie Tischsitten im Lauf der Geschichte zunehmend reglementiert wurden, um Affekte zu zügeln und soziale Ordnung zu erzeugen.
Beispiel 3: Architektursoziologie – Küchen im Wandel

Ein besonders anschauliches Beispiel für die soziale Bedeutung von Raumgestaltung bietet der Wandel von Küchenarchitekturen. Küchen sind keine neutralen Funktionsräume – sie spiegeln gesellschaftliche Macht- und Geschlechterverhältnisse ebenso wie soziale Ordnungsprinzipien wider.
In einem englischen Herrenhaus des 18. oder 19. Jahrhunderts war die Küche meist im Souterrain untergebracht. Sie war vom repräsentativen Wohnbereich räumlich strikt getrennt. Zugang hatten fast ausschließlich Bedienstete, insbesondere weibliches Personal wie Haushälterinnen oder Köchinnen. Männer aus der Herrschaftsfamilie betraten diesen Raum nur selten. Die Küche bot Platz für mehrere Bedienstete, war funktional, robust und auf die Versorgung vieler Personen (Hausstand, Gäste, Personal) ausgelegt. Hier war Kochen harte körperliche Arbeit, die sozial abgewertet und ausgegliedert war – sowohl räumlich als auch gesellschaftlich.
Die Frankfurter Küche (1926), entworfen von Margarete Schütte-Lihotzky, übertrug das industrielle Rationalisierungsprinzip auf den privaten Haushalt. Die Küche war klein (unter 10 m²), effizient organisiert und für die Arbeit einer einzelnen Person – der Hausfrau – optimiert. Sie war ebenfalls vom Wohnbereich abgetrennt und ermöglichte keine soziale Interaktion beim Kochen. Das Kochen wurde als individuelle Pflichterfüllung verstanden. Ein Kühlschrank war nicht vorgesehen, da tägliche Einkäufe üblich waren. Die Frankfurter Küche steht somit für eine Zeit, in der Hausarbeit weiblich konnotiert, unsichtbar und isoliert war.
In modernen offenen Wohnküchen zeigt sich ein gesellschaftlicher Wandel: Küche, Wohn- und Essbereich sind nicht mehr streng getrennt, sondern gehen ineinander über. Das Kochen wird zu einer sozialen Aktivität, an der mehrere Personen teilnehmen können. Eine zentrale Kochinsel lädt dazu ein, gemeinsam zu kochen, zuzuschauen oder sich zu unterhalten. Die Küche wird damit zum Kommunikationsraum und Ausdruck einer egalitäreren Gesellschaftsstruktur, in der Kochen nicht länger exklusiv weiblich konnotiert ist und nicht länger der reinen Pflichterfüllung dient.
Luxuriöse Wohnküchen dienen heute oft auch repräsentativen Zwecken und markieren sozialen Status. In Villen findet sich zusätzlich häufig eine zweite, abgeschlossene Chef’s Kitchen – eine hochfunktionale Profiküche im Hintergrund, die weiterhin unsichtbare Arbeitsstrukturen ermöglicht, analog zur Abgrenzung im Herrenhaus. Dort arbeiten ggf. Caterer oder Servicepersonal – wiederum oft nach tradierten sozialen Hierarchien.
Video: Moderne Küchenarchitektur
Warum Soziologie für die Polizei relevant ist
Die Inhalte der Allgemeinen Soziologie sind keineswegs abstrakt oder praxisfern – im Gegenteil: Für polizeiliches Handeln liefert die Soziologie grundlegende Begriffe und Denkwerkzeuge, um komplexe gesellschaftliche Situationen zu verstehen und angemessen zu handeln.
Polizeibeamte stehen täglich im Kontakt mit Individuen und Gruppen, deren Verhalten vor dem Hintergrund sozialer Rollen, sozialer Ungleichheit oder kultureller Differenz zu deuten ist. Wer etwa die Dynamiken in einer Gruppe versteht, kann Konflikteskalationen besser einschätzen. Wer soziales Handeln im Sinne von Weber interpretieren kann, ist in der Lage, Motive und Sinnzusammenhänge hinter dem Verhalten zu erkennen – statt vorschnell zu urteilen.
Auch Themen wie ExklusionDer Ausschluss von Individuen oder Gruppen aus zentralen gesellschaftlichen Bereichen., Migration oder Status und HabitusDer Habitus bezeichnet ein System von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, das Menschen im Laufe ihres Lebens – insbesondere durch ihre soziale Herkunft – verinnerlichen und das ihr Verhalten prägt. spielen in der Begegnung mit Bürgerinnen und Bürgern eine RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist.. Soziologische Reflexion hilft, stereotype Wahrnehmungen zu hinterfragen und situativ angemessener, kommunikativer und professioneller zu agieren.
Schließlich unterstützt die Soziologie auch die OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen. Polizei selbst dabei, sich weiterzuentwickeln – z. B. durch die Analyse der polizeilichen Berufskultur, durch Forschung zu GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen., Vertrauen oder Gruppenprozessen innerhalb der Behörde.
Fazit: Die Soziologie liefert keine Patentrezepte – aber sie hilft, Situationen differenzierter zu sehen, Zusammenhänge zu verstehen und damit letztlich professioneller zu handeln.
Weiter auf SozTheo
- Soziologische Theorien und Paradigmen (Überblick)
- Schlüsselwerke der Soziologie (Bücher, Klassiker, Debatten)
- Glossar (Begriffe A–Z)
- Themenfelder der Soziologie (Modulstruktur / Lektionen)
Warum Soziologie wichtig ist
Soziologie hilft, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, die im Alltag oft selbstverständlich erscheinen. Sie zeigt, dass soziale Ordnungen nicht naturgegeben sind, sondern historisch entstanden und veränderbar bleiben.
Wer soziologisch denkt, erkennt hinter individuellen Erfahrungen größere soziale Muster – etwa bei sozialer Ungleichheit, Migration, kulturellen Konflikten oder gesellschaftlichem Wandel.
Gerade in modernen, komplexen Gesellschaften liefert die Soziologie daher wichtige Orientierung: Sie hilft, soziale Probleme differenziert zu analysieren und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren.
Literatur zur Einführung in die Soziologie
- Asmus, H.-J. (2002). Was heißt Soziologie? In B. Frevel et al. (Hrsg.), Soziologie. Studienbuch für die Polizei. Hilden: Verlag Deutsche Polizeiliteratur.
- Bühl, W. L. (1972). Verstehende Soziologie. München: Nymphenburger Verlagshandlung.
- Frevel, B. (Hrsg.). (2015). Polizei in Staat und Gesellschaft. Hilden: Verlag Deutsche Polizeiliteratur.
- Giddens, A. & Sutton, P. W. (2021). Sociology (9. Aufl.). Polity.
- Korte, H., & Schäfers, B. (2016). Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie (9. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.
- Mauri, M. (2020). Einführung in die Soziologie für die Polizei. In: B. Frevel & V. Salzmann (Hrsg.). Polizei in Staat und Gesellschaft (2. Aufl.). Hilden: Verlag Deutsche Polizeiliteratur.
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