Kurzdefinition
Ein Krisenexperiment bezeichnet eine methodische Technik der Ethnomethodologie, bei der alltägliche soziale Erwartungen gezielt verletzt werden, um die meist impliziten Regeln sozialer Ordnung sichtbar zu machen.
Ausführliche Erklärung
Das Krisenexperiment geht auf Harold Garfinkel zurück und stellt ein zentrales Forschungsinstrument der Ethnomethodologie dar. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass soziale Ordnung im Alltag überwiegend selbstverständlich, routinisiert und unhinterfragt funktioniert. Normen, Rollen und Erwartungen bleiben gerade deshalb meist unsichtbar.
Im Krisenexperiment werden diese Selbstverständlichkeiten bewusst irritiert, indem Handelnde alltägliche Interaktionsregeln verletzen. Typische Beispiele sind übermäßig formale Antworten in informellen Situationen, das Infragestellen offensichtlicher Bedeutungen oder das bewusste Missachten von Rollenerwartungen. Die Folge ist eine Interaktionskrise: Verunsicherung, Irritation, Ärger oder Reparaturversuche seitens der Beteiligten.
Analytisch bedeutsam ist nicht die Regelverletzung selbst, sondern die Reaktion darauf. In den Bemühungen, die gestörte Situation wieder zu „normalisieren“, werden die zugrunde liegenden sozialen Regeln, Erwartungsstrukturen und Deutungsmuster sichtbar. Krisenexperimente machen somit deutlich, dass soziale Ordnung kein objektiver Zustand ist, sondern fortlaufend durch Interaktion hergestellt, abgesichert und verteidigt wird.
Der Begriff „Krise“ bezieht sich dabei nicht auf gesellschaftliche Großkrisen, sondern auf Mikrokrisen der sozialen Ordnung im Alltag.
Theoriebezug
Krisenexperimente sind ein Kernbestandteil der Ethnomethodologie und stehen in enger Verbindung zum Symbolischen Interaktionismus. Sie sind anschlussfähig an Theorien sozialer Normen, Devianz und sozialer Kontrolle, da sie zeigen, wie Normabweichungen wahrgenommen, sanktioniert und repariert werden. In der Kriminologie liefern sie wichtige Einsichten in Prozesse der Zuschreibung, Stigmatisierung und Normdurchsetzung.